04. Juni 2020

Joshua hat zwei Mütter

Für Leonie Plastina war schon immer klar: Sie wollte eines Tages Mutter werden. Doch dann verliebte sie sich in Sonja. Das Projekt leibliches Kind wurde auf einmal ziemlich kompliziert – aber nicht unmöglich. Chronik einer Familiengründung mit Hindernissen.

Regenbogenfamilie
Wenn die Mütter mit dem Sohne: Sonja (links) und Leonie Plastina sind nach einer künstlichen Befruchtung und zahlreichen administrativen Hürden glücklich mit Sohn Joshua.

Ein Kind zeugen in den Flitterwochen: Heterosexuellen Paaren passiert das schnell einmal, ob gewollt oder ungewollt. Bei Leonie (29) und Sonja Plastina (39) war das alles ein bisschen komplizierter. Oder wie sie sagen: «Halt anders – kompliziert ist es ja bei den meisten Paaren.»

Die zwei Frauen lernten sich Anfang 2009 beim Sport kennen. Beide spielten Handball, Sonja in der A-Nationalmannschaft, Leonie im U20-Team. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten beide nur Männerbeziehungen gehabt. Sie waren also ziemlich überrascht, als aus Freundschaft plötzlich Liebe wurde. «Während andere sich schon ihre Theorien über uns zurechtlegten, hatten wir selbst noch keinen Plan, was das zwischen uns eigentlich war», sagt Leonie Plastina. Hinzu kamen zehn Jahre Altersunterschied, was der Gerüchteküche der Teamkolleginnen zusätzlich Würze gab.

Wie machen zwei Frauen ein Baby?

Als die beiden sich schliesslich im Sommer 2009 ihrem Umfeld gegenüber outeten und fortan als Paar auftraten, fielen die Reaktionen durchweg positiv aus. Im August 2016 – sieben Jahre nach dem ersten Date – liessen Leonie und Sonja ihre Partnerschaft eintragen. Das Glück schien perfekt. Es gab da nur diesen einen Haken: Wie machen zwei Frauen ein Baby? Leonie, die schon immer einen starken Kinderwunsch verspürt hatte, erinnert sich: «Für mich war von Anfang an klar, dass wir einen Weg finden würden.»

Der Weg führte während der Flitterwochen in das Instituto Bernabeu, eine Fertilitätsklinik in der spanischen Hafenstadt Alicante. Denn die Samenspende ist in der Schweiz für lesbische Paare bis jetzt verboten (siehe Infobox unten). «Wir haben uns dazu entschieden, mein Ei künstlich befruchten zu lassen und es Sonja einzupflanzen», erklärt Leonie. Sonja wurde dadurch mit Leonies Kind schwanger. Zehn Tage später flogen sie zurück – zu dritt. «Dir wird etwas injiziert, und plötzlich bist du schwanger. Das war schon sehr surreal», sagt Sonja rückblickend.

Die Erfolgsrate bei In-vitro-Fertilisation beträgt 20 bis 40 Prozent. Das ist nicht viel höher als bei normalen Schwangerschaften, von denen nur rund ein Fünftel erfolgreich verläuft. Auch bei Leonie und Sonja klappte es nicht auf Anhieb. Nach einer Fehlgeburt folgte Ende März 2017 der zweite Versuch: Ein eingefrorenes Reserveei wurde zur zweiten Chance – und schliesslich, am 16. Dezember 2017, termingetreu zu Joshua, einem kerngesunden Blondschopf mit grünbraunen Augen. Und mit der Pünktlichkeit eines Schweizer Uhrwerks, wie sich herausgestellt hat. «Ein richtiger Bünzlischweizer», scherzt Leonie. Er passe gut in die Familie. «Alles bei uns ist total konventionell: Wir haben in Weiss geheiratet und nun sogar ein Haus gekauft. Völlig langweilig», fügt sie an und lacht.

Es hat sie viel gekostet

Für Joshua ist Sonja Mama und Leonie Mami. Doch wenn er ruft, rennen beide. Ansonsten unterscheidet sich die Kinderbetreuung nicht gross von denen anderer Eltern, die berufstätig sind. Sonja ist seit November 2019 ad interim Geschäftsführerin eines Handelsunternehmens; Leonie wird dieses Jahr in Zürich ihr Medizinstudium abschliessen. Während die beiden ausser Haus sind, wird Joshua an zwei Tagen von Grosseltern gehütet, zwei Tage verbringt er in der Kita und den fünften teilen sich die Mütter auf.

Alles «total konventionell» – und doch ein bisschen anders: Joshua nennt seine Eltern Mami und Mama.
Alles «total konventionell» – und doch ein bisschen anders: Joshua nennt seine Eltern Mami und Mama.

Eine angehende Ärztin und eine Geschäftsführerin haben also ein Kind bekommen. Weil sie es wollten – aber auch, weil sie es sich leisten konnten: 14 000 Franken kosteten die Reise und alle medizinischen und administrativen Abklärungen, weitere 6000 Franken sollte der Adoptionsprozess verschlingen. Doch zunächst tauchte eine andere Hürde auf: Das Zivilstandsamt erklärte, dass es mit einer eingetragenen Partnerschaft keinen Familiennamen gebe, dass Joshua folglich den ledigen Namen der leiblichen Mutter erhalte und somit Joshua Bachmann heisse.

Die Namensänderung, die drei Monate nach Joshuas Geburt rechtskräftig wurde, kostete zusätzliche 600 Franken – und Nerven:«Da wir kein Familienbüchlein hatten, mussten wir die Geburtsurkunde einschicken. Joshua hatte damit gar keine Papiere mehr», erklärt Leonie. Die Geburtsurkunde musste das Paar nach der Namensänderung wiederum neu beantragen.

Lebenslauf für ein Baby

Im Dezember 2018 ging das Prozedere mit der Adoption los. Leonie erzählt: «Ich musste ein dickes Dossier einreichen, das unter anderem eine von mir verfasste Biografie über Joshua enthalten sollte. Wie absurd: ein Lebenslauf über ein Baby. Was schreibe ich denn da? Dass Joshua gerne spielt und seit einem Monat laufen kann?» Der Prozess dauerte zehn Monate – bis zum positiven Entscheid im Oktober 2019. Heute können die zwei darüber lachen. «Aber die Informationsbeschaffung war anstrengend», sagt Leonie.

Man kann auch als lesbische Frau eine eigene, glückliche Familie haben.

Über die nötigen Ressourcen verfügen nicht alle Familien. «Unser Gynäkologe erzählte uns von Frauen, die illegal Sperma kaufen und es sich dann selber injizieren. Die aktuelle Gesetzeslage führt genau dazu: Weniger privilegierte Menschen begeben sich in Risikosituationen.» Niemals werde sie verstehen, warum man die Rechte von Menschen derart einschränke.

Sie würden es wieder tun

Eines Tages wird Joshua in der Schule gefragt werden, wo sein Papa sei. Leonie und Sonja Plastina sehen das gelassen: «Darüber haben wir keine Kontrolle. Wir können unseren Sohn lediglich stärken, damit er hoffentlich gut mit diesen Fragen wird umgehen können.» Leonie sagt das mit einer Ruhe, die sich auch auf den mittlerweile zweijährigen Joshua auszuwirken scheint: Er strahlt wie seine Mütter viel Gelassenheit aus. Sonja fügt an: «Wir vertrauen darauf, dass die Gesellschaft auch progressiver wird.

Es gibt inzwischen so viele Regenbogenfamilien; das macht Mut.» Für die beiden Frauen steht ausser Zweifel: Auch wenn der Weg teilweise beschwerlich und mühsam war, sie würden ihn für weitere Kinder wieder gehen. «Man kann auch als lesbische Frau eine eigene, glückliche Familie haben», resümiert Leonie.

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