05. August 2013

Johnny Depp: «Ich lebe wie ein Flüchtling»

Hollywoodstar Johnny Depp über seinen neuen Film «The Lone Ranger», den Neuanfang in seinem Privatleben und wieso er sich auch heute noch von der Welt ausgeschlossen fühlt.

Johnny Depp mit Sonnenbrille
Gegen Klischees: In «The Lone Ranger» spielt Johnny Depp einen Indianer. Eine möglichst realistische Darstellung war ihm dabei wichtig. (Bild: Dukas/Actionpress)


PIRAT, TRÄUMER UND GESPENST
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Johnny Depp, Sie sind bei den Dreharbeiten zu «The Lone Ranger» im Galopp vom Pferd gestürzt. Vor Kurzem sind Sie 50 geworden. Wird es nicht langsam Zeit, solche Stunts anderen zu überlassen?

Ja, ich bin 50. Aber die Rückenschmerzen, mit denen ich am nächsten Tag aufgewacht bin, waren bestimmt nicht altersbedingt.

Wie fühlt sich denn 50 für Sie an?

Nicht anders als 40 oder 30. Ich habe auch nicht gross gefeiert, nur mit der Familie. Wir gingen essen. Seinen eigenen Geburtstag zu feiern, riecht für mich etwas gar eitel. Das muss nicht sein.

Und eine Midlife crisis haben Sie auch keine?

Die hatte ich mit 20. Damals stellte ich mir die grossen philosophischen Fragen: Worum gehts im Leben? Was ist meine Aufgabe? Spielt überhaupt irgendetwas eine Rolle? Das war meine Lebenskrise, aber heute gehts mir eigentlich ganz gut. Ich habe kein Bedürfnis, einen Maserati zu kaufen. Ich bin mit meinem alten Truck ganz happy.

Worum geht es denn im Leben? Mit viel Schminke im Gesicht Filme zu drehen?

Ich spiele gerne Aussenseiterfiguren, und die Arbeit macht mir Spass. Aber im tiefsten Innern weiss ich natürlich, dass das alles nichts bedeutet. Es ist nicht mehr als Schauspielerei. Hoffentlich können sich ein paar Leute darin wiedererkennen oder einfach sonst daran Gefallen finden. Aber wenn jetzt hier eine Bombe hochginge, wüssten wir ja alle, dass es nicht das Kino ist, das für uns wirklich zählt im Leben.

Sondern natürlich die Menschen, die einem nahestehen. Sie haben sich letztes Jahr von Vanessa Paradis, der Mutter Ihrer beiden Kinder, getrennt. Wie sieht es bei Ihnen zu Hause nun aus?

Das letzte Jahr ist überstanden, und wir kommen jetzt gut aus. Es ist alles normal zwischen uns, nicht komisch oder unangenehm. Ich könnte mir sogar ein gemeinsames Projekt vorstellen — vermutlich wäre es jetzt sogar einfacher. Sie ist eine tolle Mutter und eine tolle Frau. Da springt man nicht einfach über Bord, sondern schaut, dass es gut kommt am Schluss.

Ihre Familienbande haben sich inzwischen erweitert: Sie wurden von den Komantschen, die in New Mexico ansässig sind, in ihren Stamm adoptiert?

Ja, ich bin stolz, ihr Symbol am Arm zu tragen, und ich habe auch einen Namen bekommen: «Mah-Woo-Meh», was so viel heisst wie «Formwandler». Der Name wurde schon lange nicht mehr verwendet, und es brauchte dafür eine Sondererlaubnis vom Rat der Ältesten. Es gab auch eine Zeremonie an Orten, wo normalerweise keine Weissen hinkommen. Ich fühle mich wirklich sehr geehrt.

Sie wurden auch von den Navajo gesegnet. Wollte man sich damit gegen potenzielle Kritik absichern? Die Filmfigur Tonto, die Sie spielen, ist ja bei den amerikanischen Ureinwohnern umstritten.

Ich hätte es nicht ertragen können, wenn der Film in dieser Hinsicht fragwürdig herausgekommen wäre. Der einzige Grund, wieso ich «The Lone Ranger» machen wollte, war, meinen Beitrag gegen das Indianerklischee im Hollywood-Film zu leisten und sie richtig zu porträtieren. Ein kleiner Beitrag, aber irgendwo muss man anfangen. Und soweit mir der Häuptling der Komantschen versichert hat, habe ich nichts wirklich falsch gemacht. Das war für mich eine Erleichterung.

Sie wollen also zurechtrücken, was John Ford mit seinen Western verbogen hat?

John Ford war ein brillanter Filmemacher, und er hat ästhetisch grossartige Filme gemacht — halt aus einem bestimmten Blickwinkel. Aber ich mag gute Filme — vor allem solche, bei denen ich nicht schon beim Vorspann einschlafe. Was aber oft vorkommt.

Tonto ist einmal mehr ein Aussenseiter. Haben Sie als einer von Hollywoods Topverdienern nicht den emotionalen Zugang zu den Randfiguren der Gesellschaft verloren?

Das glaube ich nicht. Ich habe mich von Geburt an als Aussenseiter gefühlt. Dieses Gefühl habe ich bis heute nicht überwunden. Ich bin immer noch das Kind, das nirgends reinpasst. Ich lebe wie ein Flüchtling. Wenn jeder weiss, wer man ist, versteckt man sich und lebt sehr zurückgezogen. Aber das ist okay für mich, denn ich habe mich, wie gesagt, schon immer ausgeschlossen gefühlt. Ich schaue mir auch die Filme nicht an und will nicht wissen, was sie einspielen. Je weniger ich weiss, desto besser.

Gehört die starke Schminke als Tonto, Jack Sparrow, Barnabas Collins, Willy Wonka oder Edward Scissorhands zu diesem Versteckspiel?

Vielleicht. Aber es spielen doch alle Leute zu Hause mit Schminke. Jungs, Mädchen — geben wir es doch zu! Ich habe mit der Tonto-Schminke sogar zwei Nächte geschlafen. Ich sah damit überraschend ähnlich wie meine Grossmutter aus.

Wer ist Ihr treuester Weggefährte?

Meine Stiefel! Sie begleiten mich überallhin. Ich habe mein ganz altes Paar in Rente geschickt. Jetzt bin ich an diesem Paar, und die sind auch langsam am Verenden. Es fällt mir nicht leicht loszulassen.

Auch Jack Sparrow scheinen Sie nicht loslassen zu können. Wann folgt der fünfte «Pirates of the Caribbean»-Film?

Sobald ich das Aufgebot bekomme. Ich habe vor Kurzem die Regisseure Joachim Rønning und Espen Sandberg getroffen. Sie werden den fünften Teil inszenieren, und ich denke, sie werden es gut machen. Sie haben einen guten Sinn für Humor und kapieren, in welche Richtung Captain Jack jetzt segeln dürfte.

Bereits abgedreht haben Sie das Science-Fiction-Drama «Transcendence», in dem Sie einen Computerspezialisten spielen. Wie versiert sind Sie technisch?

Dass ich einen Nanowissenschafter spiele, ist schon etwas speziell. Ich musste den Text wirklich gut auswendig lernen, da ich keine Ahnung hatte, wovon ich redete. Aber ich glaube, der Film wird cool: Bald kann die Technologie einen Menschen nachbilden — inklusive Empfindungen! Es war spannend, darüber etwas zu erfahren, aber sonst bin ich bei solchen Themen ein echter Depp.

Autor: Marlène von Arx

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