06. Mai 2019

Jeder Furz interessiert

Bänz Friedli ist irritiert über Kommentarspalten. Hier findest du die Hörkolumne und kannst dich mit dem Autor und anderen Leser(inne)n austauschen.

Ist dieser Artikel lesenswert?
«Ist dieser Artikel lesenswert?», wird mancherorts über der Kommentarspalte gefragt.
Lesezeit 2 Minuten

Der Zorneseifer musste schon gross sein, früher, damit man seinem Ärger auch Ausdruck verlieh, wenn einem an der Zeitung etwas missfiel. Man musste sich hinsetzen, einen Leserbrief verfassen, ihn frankieren, zum nächsten Briefkasten tragen … Gewähr auf Gehör hatte man dennoch nicht. Und es mag ja sein, dass die Journalisten (und wenigen Journalistinnen) von oben herab schrieben, belehrend, besserwisserisch. Die Leserschaft sollte es gefälligst schlucken.


Wir sind ins andere Extrem gerutscht, heute können immer alle gleich alles kommentieren. Jeglicher Abstand zwischen Berichterstattenden und Medienkonsumenten ist dahin, jeder gibt mittels Klicks und Kommentaren jederzeit zu allem seinen Senf. In Onlinemedien werden Tweets von Krethi und Plethi in die laufende Berichterstattung integriert, Lesende werden gar zu «Leserreportern» erhoben, wenn sie irgendeinen Schnappschuss hochladen, als ob Reporter nicht ein Beruf wäre, der Erfahrung, Urteilsvermögen und gewisse Fähigkeiten voraussetzt. Ehrlich gesagt, mich stört, wie leichtfertig manche Leute auf Medienportalen ihre Kommentare abgeben, oft mit Scheinnamen getarnt. Wie hurtig und wichtigtuerisch selbsternannte Experten jeden Tritt von Mujinga Kambundji abkanzeln, jede Äusserung von Sina, jede Bewegung von Viola Amherd.


Und mich stört, dass nach jedem Artikel die Frage gestellt wird: «Ist dieser Artikel lesenswert?» Nicht die Frage stört mich. Mich irritieren die Antworten: Je wichtiger nämlich etwas ist, als desto weniger lesenswert wird es eingestuft. Einen Bericht, der die Vorzüge des Single-Daseins preist – «Ich kann im Bett furzen, wann ich will» –, taxiert eine überwältigende Mehrheit als lesenswert, er wird 293-mal geteilt und 684-mal kommentiert. Die Vorschau auf den Abstimmungsdeal mit Steuerreform und AHV-Zustupf interessiert keinen Menschen. So geht das durchs Band: Jede Regung irgendeiner Fitness-Influencerin wird als lesenswert beurteilt, gesellschaftlich Relevantes hingegen abgelehnt. Ist das nicht eine eigenartige Form von Demokratie, wenn das Belanglose obsiegt?


Alltäglichkeiten gehören in die Zeitung, gewiss. Weil schliesslich jede winzige Handlung immer auch das grosse Ganze betrifft: Kaufe ich Bio-Quinoa aus Peru oder Gerste aus der Region? Aber der Trend, Nichtigkeiten zu grossen News aufzublasen, weil «die Community» dies scheints so wünscht – er lässt uns den Blick fürs Wesentliche verlieren. Bliebe einzig die Frage, aber die wollen wir nun offenlassen: für wie lesenswert Sie diese Kolumne gehalten haben.

Die Hörkolumne (mp3)

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