16. September 2013

Liebes-Krimi

Der Erfinder des modernen Dampfkochtopfs debütiert mit über 90 Jahren als Krimiautor. Ohne Jacques Kuhns energische Frau wäre es nie so weit gekommen.

Roswitha und 
Jacques Kuhn
Roswitha und 
Jacques Kuhn 
haben vor 
sieben Jahren 
geheiratet. (Bild: Sonja Ruckstuhl)

Eigentlich könnte sich Jacques Kuhn längst in seinem Sessel zurücklehnen und einfach nichts mehr tun. Der 94-Jährige hat in seinem langen Leben weiss Gott genug geleistet: Er gilt als Vater des modernen Dampfkochtopfs, und auch der Dalai Lama sass schon in seinem Garten. Während 35 Jahren hat der Maschineningenieur die Pfannenfabrik Kuhn Rikon AG geleitet und 1968 gemeinsam mit seinem Bruder das Tibet-Institut Rikon gegründet.

Ein erfülltes Leben, auf das der rüstige Rentner stolz zurückblicken könnte. Doch das Schwelgen in der Vergangenheit entspricht Jacques Kuhn nicht. Lieber packt er etwas Neues an. Darum gibt er jetzt gemeinsam mit seiner Frau Roswitha (69) sein Debüt als Krimiautor. Der Titel des Werkes: «Nachsuche. Ein Tösstal-Krimi.


Die Geschichte beginnt, wie es sich für einen Kriminalroman gehört: Ein Hund und ein Jäger entdecken im idyllischen Tösstal eine nackte Leiche. Und schon bald hat Noldi, der Dorfpolizist, einen Fall am Hals, der eigentlich eine Nummer zu gross für ihn ist – mit zahlreichen Verdächtigen und überraschenden Wendungen, die die Leser über mehr als 400 Seiten treiben.

«Als Ingenieur habe ich eigentlich keine Ahnung vom Schreiben. Ohne Roswitha wäre das Buch nie entstanden», meint Jacques Kuhn und drückt seine Frau liebevoll an sich. Roswitha Kuhn hat Germanistik studiert, amtete während 16 Jahren als Bibliothekarin des Tibet-Instituts und war früher schon literarisch tätig.

Das buddhistische Kloster Rikon.
Das buddhistische Kloster Rikon spielt sowohl im Leben der Kuhns als auch in ihrem Roman eine wichtige Roll. (Bild: Keystone)

Die Initialzündung geht auf Jacques Kuhn zurück, der die Idee für das erste Kapitel hatte. Seine Frau wollte eigentlich nie einen Krimi schreiben: «Zu viel Knochenarbeit. Da muss alles stimmen. Es muss verstrickt, verworren und letztlich doch alles logisch sein.» Weiterentwickelt haben die beiden die Geschichte auf ihren Spaziergängen von ihrem Haus in Rikon ZH zum 100 Meter höher gelegenen Tibet-Institut. Jacques Kuhns Stärken sind sein fundiertes Wissen über das Tösstal, seine Menschenkenntnis als ehemalige Führungskraft und seine Erfahrung als Jäger. Er besass einst einen Schweisshund, den er für die Suche nach verletztem Wild einsetzte, genauso wie der Jäger im Krimi. Roswitha Kuhn war zuständig für Sprache und Dramaturgie und setzte sich nach den Spaziergängen jeweils an den Computer – und anschliessend korrigierte ihr Mann.

Sie treiben sich gegenseitig an und inspirieren sich

Er: «Ich musste sie immer bremsen. Sie ist ja so rabiat». Sie: «Ich habe halt gerne Action.» Er: «Du übertreibst!» Sie: «Es gab immer riesige Diskussionen — auch wegen der Grammatik, bei der ich als gebürtige Österreicherin oft eine andere Meinung habe.» Er: «Ich musste mich ständig wehren.» Sie: «Unser deutscher Verleger hat letztlich versucht, viele Helvetismen rauszustreichen.» Er: «Beim ersten Verlag sind wir abgeblitzt, mit der Begründung, die Geschichte sei zu brav. Beim zweiten hatten wir nach 14 Tagen einen Vertrag.»

Hört man dem Ehepaar beim verbalen Schlagabtausch zu, kann man eins zu eins erleben, wie sich die beiden gegenseitig antreiben und inspirieren. Sie fallen sich ständig ins Wort, fahren einander zuweilen an, kichern immer mal wieder und herzen sich alsbald zur Versöhnung. Zwei, die sich nichts schenken und sich trotzdem extrem gern haben.

Roswitha Kuhn wirkt mit ihren raspelkurzen Haaren, den frechen Pluderhosen und ihrer schlanken Figur trotz ihrer 69 Jahre wie ein junges Mädchen. Jacques Kuhn ist der Besonnene, dem die Autorität des einstigen Patrons noch ins Gesicht geschrieben steht – auch wenn er seine Frau immer wieder verliebt anblickt, als ob er sie gerade vor den Altar geführt hätte.

Wobei: So lange ist das tatsächlich noch nicht her. Die beiden haben erst vor sieben Jahren geheiratet. Und für Jacques Kuhn ist die Ehe mit Roswitha die erste: «Ich hatte einfach nie Zeit für eine richtige Beziehung. Die Verantwortung für die Firma. Die Verpflichtungen als Gemeinderat. Und dann das Engagement für die Tibeter.» Heute scheint er die Zweisamkeit umso mehr zu geniessen.

Roswitha Kuhn war schon einmal verheiratet, meint aber, sie habe halt lange gebraucht, um den Richtigen zu finden: «Es war von Anfang an so, wie wenn ich ihn schon ewig gekannt hätte.» Ein Satz, der aus dem Mund einer Buddhistin, die an Wiedergeburt glaubt, eine besondere Bedeutung hat. Ihr Mann ist beim christlichen Glauben geblieben und freundet sich erst jetzt mit dem Gedanken an eine Wiedergeburt an. So oder so: Ihr gemeinsames Interesse an Tibet hat die beiden zusammengeführt. Und so erstaunt es nicht, dass in ihrem Buch das Kloster in Rikon vorkommt und eine rätselhafte Buddhastatue mit Brüsten eine wichtige Rolle spielt.

Der zweite Fall von Polizist Noldi ist bereits in Arbeit. Als Kulisse dient jedoch nicht die nähere Wohnumgebung der Kuhns, sondern der zu Turbenthal gehörende Weiler Seelmatten am Bichelsee: «Schon wieder ein Mord im beschaulichen Tösstal wäre einfach zu viel», sagt Jacques Kuhn. Seine Frau ergänzt: «Jetzt müssen wir uns für die Recherche halt hin und wieder ins Auto setzen und ins Nachbartal fahren. Alles muss stimmen – aber gerade das macht Spass.»