13. April 2018

Ist mein Kind Einzelgänger oder einsam?

Kinder, die oft allein sind, leiden nicht zwingend unter Einsamkeit: Oft haben sie ein Bedürfnis nach Rückzug. Wirken sie dabei aber unglücklich, sollten Eltern aktiv werden.

Ein Junge allein auf dem Bett
Ganz allein im Zimmer: Das kann einem Kind auch mal guttun (Bild: GettyImages).

Der Mittagstisch ist abgeräumt, der Junior zieht sich ins Zimmer zurück – und bleibt dort den ganzen Nachmittag lang. Allein. Einige Kinder und Jugendliche suchen das Alleinsein bewusst. Und dann erwerben sie wichtige Kompetenzen für ein autonomes und verantwortungsvolles Leben, wie Luciano Gasser (44), Professor für Entwicklungspsychologie an der Pädagogischen Hochschule Luzern, erklärt. «Insbesondere ältere Kinder und Jugendliche nutzen solche Stunden ohne Gesellschaft, um über sich selber nachzudenken, sich vom Alltagsstress zu erholen oder kreativen Aktivitäten nachzugehen.» Wenn Kinder oder Jugendliche etwa gern allein zeichnen, musizieren oder lesen, können sie lernen, sich hingebungsvoll und selbstgesteuert kreativen Aktivitäten zu widmen.

Den Bedürfnissen Rechnung tragen

Laut Luciano Gasser zeigt die Forschung aber auch, dass zehn Prozent der Kinder sich einsam fühlen: «Alleinsein wird schmerzhaft, wenn Kinder von Gleichaltrigen zurückgewiesen oder gequält werden», sagt der Experte. Wenn ein Kind also unfreiwillig zum Einzelgänger wird, benötigt es Unterstützung.

Gasser empfiehlt, soziale Kontakte mit Gleichaltrigen zu fördern: «Schüchterne Kinder tauen eher auf, wenn sie gemeinsam mit Altersgenossen Aktivitäten nachgehen, die ihnen Freude bereiten. Ein guter Anfang sind Treffen mit anderen Familien im Schwimmbad oder auf dem Spielplatz.»

Gasser warnt aber auch davor, vorschnell in Panik zu verfallen: «Durchschnittlich verbringen Primarschulkinder ein Viertel ihrer Freizeit allein, Jugendliche sogar ein Drittel bis die Hälfte ihrer Zeit.» Man muss sich also nicht gleich sorgen, wenn der Sohn oder die Tochter sich häufiger zurückzieht. Und: Kinder haben unterschiedliche soziale Bedürfnisse. «Während manche Kinder gern
einen grösseren Teil ihrer Freizeit allein verbringen, fühlen sich andere vielleicht trotz häu­figer sozialer Kontakte einsam. Entscheidend ist, wie das Kind die Zeit des Alleinseins erlebt.»

Wenn ein Kind oft grübelt, traurig oder ängstlich ist, ist das Alleinsein wohl nicht selbstgewählt. Und wenn es nicht mehr gern zur Schule geht, schlecht schläft, häufig über Kopf- oder Bauchschmerzen klagt und soziale Kontakte grundsätzlich meidet, ist Hilfe angezeigt. 

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