17. Februar 2018

Ist der Vater auch wirklich der Erzeuger?

Gentests lassen sich heute günstig via Internet durchführen. Das Gesetz, das dies regelt, wird deshalb erneuert. Ein Mann, der Gewissheit will, ob er auch der biologische Vater eines Kindes ist, darf das weiterhin nur mit dem Einverständnis der Mutter testen lassen. Nicolas Zogg von Männer.ch sieht das im Interview kritisch.

Männer- und Baby-Hand
Viele Männer leiden unter der Ungewissheit, ob sie die biologischen Väter ihrer Kinder sind oder nicht. (Bild: Getty Images)
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Bekommt ein Ehepaar ein Kind, wird automatisch der Ehemann als Vater anerkannt. Hegt er Zweifel, ob er tatsächlich der Erzeuger des Kindes ist, darf er die Vaterschaft ohne Einwilligung der Kindsmutter nicht prüfen lassen. Wenn das Kind bereits 15 Jahre alt ist, muss es auch einverstanden sein. Lässt ein Mann dennoch einen Vaterschaftstest durchführen, macht er sich strafbar. Die Höchststrafe liegt bei drei Jahren Gefängnis.

Männer.ch, der Dachverband der Männer- und Väterorganisationen, will dies nun ändern. Habe ein Mann einen konkreten Verdacht oder ein ungutes Gefühl, solle er auf eigene Faust einen Vaterschaftstest machen lassen können. Die heutige Rechtslage sei weder gerecht noch hilfreich, sagt Nicolas Zogg (siehe unten).

Sollen Väter auch ohne Einverständnis der Mutter einen Gentest machen dürfen?

Kürzlich behandelte die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrats die Revision des Bundesgesetzes über genetische Untersuchungen beim Menschen (GUMG). Gentests können heute einfach und günstig online durchgeführt werden. Ziel der Revision ist es, das GUMG dieser neuen Realität anzupassen.
Dem Anliegen von Männer.ch wird im Gesetzesentwurf keine Rechnung getragen. Die Chancen, dass der Nationalrat in der Frühlingssession sich dafür starkmacht, stehen schlecht: 2016 lehnte er die Motion von Sebastian Frehner (SVP) «Vaterschaftstest ohne Einwilligung der Mutter» mit 124 zu 68 Stimmen klar ab.

Die Gegner argumentieren damit, dass die Mutter in der Regel in der Lage sei, die Interessen des Kindes richtig zu gewichten.

Vielen zweifelnden Vätern fällt es schwer, Gewissheit einzufordern

Nicolas Zogg (35) von Männer.ch
Nicolas Zogg ist Leiter Politik und Medien bei Männer.ch, dem Dachverband der Männer- und Väterorganisationen

Warum sollen Väter ihre Vaterschaft auch ohne Einwilligung der Mutter klären dürfen?

Alle Beteiligten haben ein Recht auf Gewissheit, sie dient der ganzen Familie. Kinder haben ein Recht zu wissen, wer ihre biologischen Eltern sind. Mütter wissen es in der Regel auch, ansonsten können sie es abklären lassen. Vätern aber wird dieses Recht verweigert. Das ist aus unserer Sicht weder gerecht – die Kenntnis der eigenen Abstammung ist auch ein Menschenrecht –, noch ist es hilfreich.

Gewissheit kann dazu führen, dass eine Familie auseinanderbricht.

Es wird argumentiert, ein klar definierter Vater diene dem sozialen Frieden. Da muss man sich schon fragen: Welcher Vater will seine Vaterschaft klären lassen, und dann erst noch gegen den Willen der Mutter? Da muss der Familienfrieden doch schon ziemlich schief hängen. Es ist niemandem geholfen, in solchen Fällen zu sagen: Das darf man nicht klären. Gewissheit muss vor einer Lebenslüge stehen.

Und dann?

Vielleicht zeigt der Test, dass der Vater nicht der biologische Vater ist. Das wünscht man niemanden, aber es kann die Realität sein. Es muss auch nicht heissen, dass sich ein Vater aus seiner Rolle zurückzieht. Er kann sich mit offenen Karten auf die Situation einlassen und weiterhin sozialer Vater sein. Frustrierend ist der Umstand, hinters Licht geführt worden zu sein und sich nicht wehren zu können. Eine aufgeklärte Gesellschaft im 21. Jahrhundert muss sich mit diesen Fragen beschäftigen können.

Erhalten Sie bei Männer.ch viele Anfragen von Vätern, die einen Vaterschaftstest machen möchten?

Viele sind es nicht. Aber laut verschiedenen Studien ist bei jedem zehnten bis zwanzigsten Kind der rechtliche Vater nicht auch der biologische. Das Problem ist also weit verbreitet. Vielen zweifelnden Vätern fällt es schwer, Gewissheit einzufordern. Sie schämen sich, vielleicht betrogen worden zu sein und so lange damit gelebt zu haben. Häufig führt erst eine Trennung oder eine Lebenskrise dazu, diese Frage im Raum anzusprechen. Kürzlich ging ein Vater bis vor Bundesgericht, um sein Recht auf Klärung der Vaterschaft zu erstreiten – und blitzte ab.

Ein Kind braucht vielfältige und verlässliche Bezugspersonen. Ob das biologisch Verwandte sind, ist zweitrangig.

Bei familienpolitischen Themen wird immer mit dem Kindswohl argumentiert.

Es ist schwierig zu sagen, was wirklich zum Wohle des Kindes ist. Im Streitfall wird generell der Mutter zugetraut, die Interessen des Kindes zu vertreten. Nur wenn der Interessenskonflikt offensichtlich ist, wird ein Beistand eingesetzt. Ein Kind braucht vielfältige und verlässliche Bezugspersonen. Ob das nun biologisch ­Verwandte sind oder nicht, ist zweit­rangig. Stabilität dient dem Kind – und Ehrlichkeit währt am längsten. Stellen Sie sich vor, Sie erfahren erst mit 18 Jahren, dass Ihr Vater nicht der leibliche Vater ist. Ihr ganzes Umfeld wusste Bescheid, nur Sie nicht. So etwas entspricht in meinen Augen nicht dem Kindswohl.

Eine Kuckuckskinder-Selbsthilfegruppe fordert, dass bei jeder Geburt ein Vaterschaftstest durchgeführt wird. Was halten Sie davon?

Das scheint mir übertrieben. In den meisten Fällen ist die Vaterschaft nicht umstritten. Eine Vertrauensbasis soll weiterhin der Normalfall sein.

Das gemeinsame Sorgerecht ist heute die Regel. Wie erklären Sie sich, dass Ihr Anliegen so umstritten ist?

Viele wollen nicht sehen, welchen Preis wir für das traditionelle Familienmodell bezahlen. Oder sie haben Angst vor unbequemen Fragen. Gleichstellung, gleiche Karriere- und Verdienstmöglichkeiten werden nie Realität werden, wenn Männer nicht dieselben Betreuungspflichten haben. Das geht aber nur, wenn man ihnen auch dieselben Rechte zugesteht. 

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