18. Juli 2017

Ischgl lanciert den kulinarischen Jakobsweg

Der Skiort Ischgl will mehr Gäste im Sommer und setzt auf Wandern, Biken und den kulinarischen Jakobsweg, bei dem internationale Sterneköche die Wanderer in Hütten verwöhnen.

Ischgl im Sommer
Ischgl möchte mehr Sommergäste - dank dem kulinarischen Jakobsweg sowie diversen anderen Wanderungen und Angeboten für Mountainbikefahrer.
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Das Tiroler Bergdorf Ischgl bildet zusammen mit Samnaun im Unterengadin eines der grössten zusammenhängenden Skigebiete der Alpen und ist bekannt für Freestyleparks, Après-Ski-Bars und ein hochkarätiges Unterhaltungsangebot, sprich Partys. Nur: Wie zeigt sich die 1600-Seelen-Gemeinde im knapp 1400 Meter über Meer gelegenen Hochtal im Sommer? Zuerst einmal fallen aus der Vogelperspektive die rund ein Dutzend Baukräne auf. Diese sprechen Bände, denn die Haupteinnahmequelle ist der Skisport, im Sommer wird renoviert und investiert. Deshalb sind in Ischgl derzeit viele Hotels - im Gegensatz etwa zu Schweizer Orten wie Saas Fee oder St. Moritz - geschlossen. Wer in die Lobbys der Hotels blickt, sieht hinter dunklen Fenstern Mobiliar, das mit weissen Tüchern eingepackt ist, um es bis zur Winterzeit zu schonen.

Dennoch ist Ischgl auch im Sommer eine Reise wert, denn die Natur macht keine Pause, und einige sehr empfehlenswerte Adressen im Dorf haben auch in der warmen Jahreszeit geöffnet. Zur Auswahl stehen ein Wanderwegnetz von 300 Kilometern, Gletschertouren oder 60 verschiedene Routen für Mountainbike, von 1300 Meter bis auf 2900 Meter hoch. Vom 3. bis 6. August lädt Ischgl zum zweiten Mal zum mehrtägigen MTB-Festival ein.

Ein weiterer Grund für eine Reise ist der gut signalisierte Kulinarische Jakobsweg, der am 9. Juli zum neunten Mal eröffnet wurde: Die fünf Sterneköche Konstantin Filippou (Österreich), Dieter Koschina (Portugal), Jacob Jan Boerma (Niederlande), Simon Hulstone (England) und Frédéric Morel (Deutschland) kreierten für fünf Hütten Gerichte aus regionalen Produkten. Diese stehen noch bis Ende September auf den Speisekarten. Beteiligt sind die Jamtalhütte, Friedrichshafener Hütte, Heidelberger Hütte, Ascher Hütte und die Niederelbehütte im Paznaun.

Wir sind mit dem Taxi in rund 20 Minuten von Ischgl zum Parkplatz Gampenalpe gefahren und haben uns von dort wandernd zur Heidelberger Hütte aufgemacht. Wer es gemütlich nimmt, braucht dafür weniger als zwei Stunden pro Richtung. Die Wanderung führt durchs wunderschöne Fimbatal mit dem gleichnamigen, rund 20 Kilometer langen Bach. Geografisch trennt es die Berge der Samnaungruppe und der Silvrettagruppe; die Landesgrenze zwischen der Schweiz und Österreich verläuft durchs Tal.

Die Heidelberger Hütte (Bild oben) befindet sich auf Schweizer Boden. Nur weiss das fast niemand. In der Hütte bezahlt man mit Euro. Im Rahmen des kulinarischen Jakobswegs besteht die Speisekarte aus Rindsschultersteak mit geräuchertem Kartoffelpüree, Senf und Kohlrabi. All das gibt es für 15 Euro trotz Adoption vom Sternekoch. Sehr empfehlenswert ist auch das Knödeldreierlei (10.80 Euro) und zum Abschluss der «Kaiserschmarrn im Pfand'l» mit Apfelmus und Konfi (10 Euro). Das Dessert (Bild unten) sollte man sich allerdings teilen. Ein Bauch allein schafft das kaum.

Nach der Verpflegung lohnt sich der Umweg hinter die Hütte, wo in den Bergen eine recht grosse Steinbockpopulation lebt. Und mit Garantie begegnet man auf der Rückwanderung Dutzenden von Murmeltieren, die zutraulicher werden, je später die Saison. Das Fimbatal ist bekannt für die Begegnung mit den putzigen Tieren.

Vom Parkplatz der Gampenalpe ist es nicht mehr weit bis zur Mittelstation der Silvrettabahn. Dort überrascht eine besondere und neue Attraktion die Besucher: Sie nennt sich Skyfly, (Bild oben). Hier sausen Mutige an einem Drahtseil, 50 Meter über dem Boden hängend, talwärts Richtung Ischgl. Auf der zwei Kilometer langen Strecke werden Geschwindigkeiten von bis zu 84 Kilometer pro Stunde erreicht. Zwei parallel verlaufende Seilspuren führen ins Tal. So können zwei Personen nebeneinander ins Tal «fliegen», was 39 Euro pro Person kostet.

Nach so viel Adrenalinausstoss meldet sich der Hunger trotz Kaiserschmarrn. Für ein besonderes kulinarisches Erlebnis sorgt Martin Sieberer (49). Der Tiroler ist nicht nur Chefkoch im Fünf-Sterne-Hotel Trofana Royal, sondern auch Koordinator der Spitzenküche und deren Rezepte im Rahmen des Kulinarischen Jakobswegs. Das Gourmet- und Relaxhotel Trofana Royal, mit einem 2500 Quadratmeter grossen Spa seit Jahren die erste Adresse in Ischgl, beherbergt gleich drei verschiedene Restaurants: eines für die Halbpensionsgäste, die Paznauner Stube sowie Sieberers Heimatbühne (Bild oben).

Wir haben das rustikal eingerichtete, ganz auf die regionale und traditionelle Küche fokussierte Restaurant getestet - und sind vom Koch des Jahres 2000, seinen Gerichten und seinem Team begeistert. Wieso? Sterneküche gibt es vielerorts: Aber Sieberer lässt sehr viel Lokalkolorit in seine Gerichte einfliessen, die innovativ und doch nicht zu verspielt präsentiert werden. Acht Gänge kulinarischer Hochgenuss gibt es zu 83 Euro - etwa gebeizter Lachs mit Melonen und Kefen (Bild oben), Spanferkel mit Steinbutt kombiniert, gefrorene Aprikosen mit Mandeln und weisser Schokolade als Erfrischung oder die Liaison Jungstier und Milchkalb mit Portwein und Radieschen (Bild unten).

Wer dazu einen passenden Wein auswählt, hat im «Trofana Royal» die Qual der Wahl: 32'000 Weinflaschen, 60 Prozent davon aus Österreich, lagern im Keller. Den Auftakt könnte prickelndes Quellwasser bilden: Das ist der Übername für einen gelben Muskatellersekt. Eine Wucht waren auch der Grüne Veltliner vom Weingut Hirsch, der Riesling von Hiedler aus dem Kamptal, der Sauvignon Blanc von Krispel aus der Steiermark sowie der Pinot Noir Select 2012 von Wieninger aus Wien.

Sieberer, der seit den Anfängen 1996 im «Trofana Royal» arbeitet und inzwischen einer 35-köpfigen Brigade vorsteht, sagt: «Heute gibt es in Ischgl die grösste Dichte an Gourmetrestaurants in ganz Österreich. Als ich angefangen habe, waren wir das einzige Gourmetlokal der Region.» Mit der Stüva im Hotel Yscla hat der Gast heute ein weiteres Lokal mit drei Hauben.

Dem Kitzbüheler ist es weiterhin wichtig, traditionell und mit regionalen Produkten zu kochen. Der kulinarische Jakobsweg sei touristisch gesehen ein Erfolg: Der Anteil der kulinarischen Wanderer sei in den letzten Jahren um bis zu 600 Prozent gestiegen. «Früher ist der Gast einfach gewandert. Heute schaut er, was kulinarisch im Angebot steht. Wir wollen in den Hütten richtig gutes und zahlbares Essen mit einer persönlichen Note anbieten.»

Nach so viel Essen muss am nächsten Tag wieder eine Wanderung her: Die «Walk of Lyrics» steht ganz im Zeichen der Hits von Rihanna, Udo Jürgens und Sting, die alle schon in Ischgl beim Saisonabschluss der Skisaison auftraten. Es ist ein zwei Kilometer langer Abschnitt des 7,5 Kilometer langen Erlebniswanderwegs. Von Ischgl bis zur Mittelstation der Silvrettabahn benötigen Wanderer rund 60 Minuten, wollen sie alle Stationen gemütlich entdecken.

Von der Mittelstation aus kann man auch zum Schwarzwasser- (Bild oben) und zum Pardatschersee wandern. Ersterer ist ein See zum Fischen (mit Bewilligung), und beide Gewässer eignen sich für die ganze Familie, ist doch die Umgebung voller Spielplätze, kleiner Klettergärten und Parcours. Die Wege sind kurz, sodass der Nachwuchs sich nicht beschweren kann.

Zum Abschluss lohnt es sich, ebenfalls mit der Silvrettabahn zur Idalp hochzufahren. Dort präsentiert sich der Erlebnispark Vider Truja der ganzen Familie. Rund um das Speicherseelein (Bild oben) gibt es einen Barfussweg. Zum Mittagessen bietet sich das Alpenhaus an, das als stilvollste Skihütte der Tiroler Alpen gilt (Bild unten).

Ähnlich wie in der Schweiz, kann man mit der Silvretta Card übrigens sämtliche Seil- und Sesselbahnen benützen - in den Orten Ischgl, Galtür, Kappl, See und Samnaun GR. Kostenlos für Card-Besitzer ist auch die landschaftlich reizvolle Silvretta-Hochstrasse (Bild unten). Einheimische müssen dafür bezahlen. Die Silvretta Card erhält man, wenn man in der Region übernachtet. Während des Paznauner Bergsommers bis Ende September 2017 können Gäste die fünf Genusshütten individuell besuchen. Fünf Übernachtungen im Paznaun sowie alle Leistungen der Silvretta Card gibt es ab 148 Euro pro Person mit Frühstück.

Die Anreise ist nicht ganz einfach: Ab Zürich benötigt man mit dem Zug und dem Bus via Landeck über vier Stunden. Wer mit dem Auto anreist, schafft die Fahrt je nach Staulage in zwischen drei und ebenfalls über vier Stunden.

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