09. April 2018

Irgendwo in Wyoming

Bänz Friedli findet: Es lebe der Sport! Hier findest du die Hörkolumne und kannst dich mit dem Autor und anderen Leser(inne)n austauschen.

Sporttaschen am Rand eines Fussballfeldes
Hier gehts weder ums grosse Geld noch um grossen Ruhm. Hier gehts um Sport!

«Go, Lions, go!» Die Rufe sind von weit her zu hören. «Go, Lions!» Und die Lions sind, wie sich beim Näherkommen zeigt, Löwinnen. Sie spielen Lacrosse, die Sportart, bei der es darum geht, einen Ball mittels eines Körbchens, das vorn an einem Stab befestigt ist, aufzufangen und weiterzubefördern. Eine Art Landhockey in der Luft. Am besten googelst du es!

«It’s a blue ball, it’s a blue ball!», feuern Auswechselspielerinnen ihr Team von der Seitenlinie an, und die Trainerin schreit ein ums andere Mal: «Crash!» Eine Anweisung an die Verteidigerinnen, mit ihren Schlägern, den sogenannten Sticks, Schüsse der gegnerischen Stürmerin zu verhindern. «Crash! Crash!» Die Trainerin trägt Glatze, ist eine markante Erscheinung. Und: Sie ist laut! «Crash!» Ansporn, Jubel und Lachen, wild durcheinander. Spielerinnen, Fans und Betreuer wuseln herum, alle sind fröhlicher Stimmung und keineswegs verbissen. Nun ruft eine vom Spielleiterinnentisch: «Seven minutes to go», und man wähnt sich irgendwo in Wyoming oder in der kanadischen Provinz, wo Lacrosse Nationalsport ist.

Aber wir sind am Rand einer Schweizer Stadt, «Zurich Lions» messen sich mit «Wettingen Wild», und weil viele der Spielerinnen aus Nordamerika stammen und die meisten Hiesigen die Sportart während ihres Austauschs drüben kennengelernt haben, wird durchwegs Englisch gesprochen. Ich lasse mich von der Unbeschwertheit ringsum tragen. «Go, Lions!», rufe nun auch ich. Beherzt, aber fair kämpfen die jungen Frauen. Sie haben vielleicht keine Modelfiguren, also nicht diese ausgezehrten, magersüchtelnden Körper aus dem Hochglanzprospekt, aber sie sind allesamt sportlich. Und vor allem: cool. Ein fröhlicher Haufen aller Hautfarben und Herkünfte.

Nebenan geben Fünft-Liga-Kicker mit Schmerbäuchlein ihr Bestes, engagiert und freundschaftlich. Bestimmt gehen sie danach zusammen auf ein Bier und eine Wurst. Etwas weiter vorn ein Wettkampf in Ultimate Frisbee, diesem rasanten und federleichten Sport. Hier draussen auf der grossen Allmend reiht sich Spielfeld an Spielfeld. Es ist ein Wochenende wie jedes in der Schweiz. Und all die Sportanlässe haben nichts Vergiftetes; da ist kein Kommerz, keine Sponsorenaufschrift und kein Doping, sind keine irrwitzigen Geldsummen im Spiel und keine Investoren aus Fernost. Dem Breitensport geht ab, was den Spitzensport so krank macht. Friedlich ist es, da draussen.

Und der Leserin, die gefragt hat, wann ich denn endlich eine Kolumne darüber schriebe, dass YB im Schweizer Fussball auf Meisterkurs ist, muss ich sagen: Doch, doch, ich freue mich darüber. Aber es ist nicht so wichtig.

Die Hörkolumne (MP3)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Bänz Friedli

Stell dir Brot vor!

Ex-Sportjournalist Bänz Friedli

Bilder im Kopf

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Revival am Sonntag

Wollknäuel

Ein Wollknäuel zu wenig

Informationen zum Author