28. Oktober 2018

Iraner Reisepartner für die E-Bike-Abenteurerin

Andrea Freiermuth hat eine Begleitung gefunden: Student Sina Mirzazadeh aus der Hauptstadt Teheran, ein menschliches Schweizer Sackmesser. Dank Sinas Schilderungen konnte sie ihr Bild vom unbekannten Land im Vorderen Orient revidieren.

Unterwegs mit Sina
Unterwegs mit Sina: Das Wissen ihres iranischen Weggefährten ist für Andrea Gold wert.

Das Schicksal meint es gut mit mir: Ich habe mit Sina Mir­zazadeh (25) aus Teheran eine neue Reisebegleitung. Kennengelernt haben wir uns über «Warmshowers» – eine Plattform, die wie Couchsurfing funktioniert, aber nicht für Backpacker, sondern ausschliesslich für Velofahrer gedacht ist. Das heisst, auf dem Portal können Tourenfahrer eine kostenlose Unterkunft bei Privatpersonen finden, wenn sie sich gleichzeitig selber als Gastgeber registrieren. 

Nachdem mich meine beiden Schweizer Reisepartnerinnen versetzt hatten, habe ich auf Warmshowers einen Aufruf platziert. Als sich Sina meldete, dachte ich erst: Wow, jetzt radle ich sogar mit einer Iranerin weiter. Beim Blick auf das Profilfoto merkte ich dann aber schnell, dass nicht alle Sinas dieser Welt weiblich sind.

Dass ich mit dem jungen Mann trotzdem den richtigen Reisepartner gefunden habe, davon haben mich die Kommentare auf seinem Profil überzeugt. Da schrieb etwa ein gewisser Julian Kaspar aus Bayern,
dass Sina sein menschliches Schweizer Taschenmesser gewesen sei und ihm bei allen möglichen Problemen im Iran aus der Patsche geholfen habe. Gibt es für eine verunsicherte Schweizerin etwas Beruhigenderes als diese Worte?

Ich traf Sina bereits Mitte September ein erstes Mal, und zwar in der georgischen Hafenstadt Batumi. Gemeinsam bewältigten wir den rund 2000 Meter hohen Goderdzipass. Anschliessend zweigte er nach Tiflis ab, während ich mit Fotograf Martin Bichsel weiter nach Jerewan fuhr, um auf das Iran-Visum zu warten.

Tipps eines Einheimischen
Martin ist inzwischen wieder in Richtung Schweiz abgereist, und Sina hat wieder aufgeschlossen. Der Plan ist, dass er mich bis über die Grenze in den Iran begleitet. Gern würde er anschliessend nach Teheran mit mir weiterfahren, aber die Uni beginnt Ende Oktober wieder, weshalb der angehende Tierarzt in Täbris den Bus nehmen wird.

Sina und ich sind erst seit wenigen Tagen gemeinsam unterwegs, und doch habe ich von ihm schon unglaublich viel über den Iran erfahren. Etwa über regionale Unterschiede: Sina empfiehlt mir, entlang des Kaspischen Meers nach Teheran zu fahren, weil viele Teheraner die Ferien in dieser Region verbringen und ich auf eine Bevölkerung treffe, die gegenüber Fremden und ihrem westlichen Lebensstil aufgeschlossener ist als die anderer Provinzen.

Andrea Freiermuths Reise mit dem E-Bike nach China
Andrea Freiermuths Tour führt sie über die historische Seidenstrasse nach Peking.

Wir haben uns auch über mögliche sexuelle Übergriffe unterhalten. Für mich ist der Gedanke, in ein Land zu reisen, in dem sich Frauen bis auf das Gesicht vollständig bedecken müssen, um Männer nicht sexuell zu erregen, ziemlich bedrohlich. Damit verknüpft ist die Vorstellung, dass Männer, die in einem solchen System leben, sich vielleicht generell nicht beherrschen können und bei der erstbesten Gelegenheit über einen herfallen – egal, ob Frau sich nun an die Kleidervorschriften hält oder nicht.

Keine Angst mehr vor dem Iran
Gerade eine Velofahrerin scheint mir da ein willkommenes Opfer zu sein. Denn das Radfahren ist Frauen im Iran zwar offiziell nicht untersagt, manche Geistliche erachten es aber als unsittlich. Aber: Sina ist der beste Beweis, dass auch im Iran nur fehlgeleitete Menschen übergriffig werden: Er verhält sich absolut korrekt – und das, obwohl er zum ersten Mal im Ausland ist, zum ersten Mal im Leben so viel nackte Haut sieht und zuweilen mit einer Frau das Schlafzimmer teilt.

Kurz: Inzwischen ist meine Angst vor diesem Land, das so total anders funktioniert, fast verflogen. Das hat mitunter auch mit den Erfahrungen in der Türkei zu tun, wo ich ein paar Tage lang allein unterwegs war. Dort wurde ich von der lokalen Bevölkerung teilweise richtiggehend unter die Fittiche genommen – und Frauen mit Kopftuch haben sich besonders rührend um mich gekümmert.

Andrea Freiermuth bloggt regelmässig auf Shebikerider.ch. Auf Migrosmagazin.ch erscheinen ihre Beiträge in unregelmässigen Abständen.

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