02. April 2013

Inzest ‒ das Drama in der Familie

Der Bundesrat will das Inzestverbot aufheben. Das sorgt für Kontroversen. Der Berner Ethnologe Heinzpeter Znoj erklärt, warum Blutschande überall auf der Welt ein Tabu ist.

Ethnologe Heinzpeter Znoj
«Kinder, die miteinander aufwachsen, haben eine Inzesthemmung.» – Ethnologe Heinzpeter Znoj.

Heinzpeter Znoj, Was halten Sie von der Idee, das Inzestverbot aufzuheben?

Ich frage mich, was sich in unserer Gesellschaft geändert hat, dass man das überhaupt in Erwägung zieht. Das Inzestverbot ist eine kulturelle Universalität. Auf der ganzen Welt gilt das Exogamiegebot, dass also ausserhalb der Familie geheiratet werden muss.

Wieso ist Inzest ein so grosses Tabu?

Es ist ein altes Gebot, überliefert in sämtlichen bekannten Gesellschaften. Für viele Leute ist es eine Horrorvorstellung, mit einem blutsverwandten Familienmitglied ein sexuelles Verhältnis zu haben. Inzest ist zwar in vielen Mythen ein Thema, aber es stellt immer einen grossen Verstoss gegen die Sitte dar. Wie bei Ödipus, der, ohne es zu wissen, seine Mutter heiratete und sich aus Scham blendete, nachdem er es erfahren hatte.

Die Aufhebung des Inzestparagrafen wird unter anderem damit begründet, dass er kaum zur Anwendung kommt.

Das ändert nichts an der Tradition, an der Sitte, am gesellschaftlichen Tabu. Ein Tabu, das hochwirksam ist. Ein Fall von Inzest ist immer ein Skandal. Das soll sich im Gesetz manifestieren.

Tatbestände wie Vergewaltigung, Schändung, Nötigung, Sex mit Minderjährigen und Schutzbefohlenen würden strafbar bleiben.

Selbst einvernehmlicher Inzest zwischen Erwachsenen wird von Aussenstehenden als Skandal empfunden.

Der Gesetzgeber hat vor allem Geschwisterliebe im Auge.

Dass es unter volljährigen Geschwistern zum Beischlaf kommt, ist aus psychologischen Gründen wohl eher selten der Fall. Und was passiert, wenn aus solchen Beziehungen Kinder hervorgehen?

Sie meinen wegen möglicher Behinderungen? Menschen mit schweren Erbkrankheiten verbietet man auch nicht, Kinder zu haben.

Ein Fortpflanzungsverbot wäre ein grober Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Legalisiert man hingegen inzestuöse Beziehungen, müsste auch Heiraten und Kinderkriegen erlaubt werden. Hier beginnen die wirklichen Probleme. Für die betroffenen Kinder bedeutet es Identitätsprobleme, für die betroffene Familie Scham und Isolation. Das erschüttert die Gesellschaft in ihrem Fundament.

Inzestuöse Verbindungen bringen die Verwandtschaftskategorien durcheinander.

Warum das?

Unsere Gesellschaft ist auf Familienbeziehungen aufgebaut. Und zwar auf Blutsverwandtschaftsbeziehungen einerseits, und auf Ehebeziehungen andererseits. Eine Heirat zieht sogenannte affinale Beziehungen nach sich, also Schwieger- und Schwagerbeziehungen. Verwandtschaftsbeziehungen, die durch Heirat entstehen, können wieder aufgelöst werden. Blutsverwandtschaften hingegen sind unwandelbar, selbst wenn man sich auseinanderlebt. Sie geben den Familienbeziehungen Stabilität und sind für den Einzelnen identitätsstiftend. Affinale Beziehungen dagegen schaffen Verbindungen zwischen Gruppen von Blutsverwandten. Inzestuöse Verbindungen bringen diese Verwandtschaftskategorien durcheinander. Die Vermischung von bluts- und affinaler Verwandtschaft würde grundlegende gesellschaftliche Strukturen infrage stellen.

Inwiefern?

Für den 2009 verstorbenen französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss liegt der Ursprung der Kultur und der gesellschaftlichen Entwicklung darin, dass die Menschen nicht in den Familien verharren, sondern durch Heiratsbeziehungen in Austausch mit anderen treten. Solche Heiratsallianzen stiften seit Menschengedenken Frieden und liessen weiträumige politische Beziehungen entstehen, lange bevor es Staaten gab. Indem man das wichtigste Gut, nämlich Menschen, untereinander tauscht, werden andere Formen des Austausches möglich — nämlich Güter und Wissen.

Erst durch das Inzestverbot konnte sich demnach Kultur überhaupt entwickeln?

Das Inzestverbot beziehungsweise das Exogamiegebot ist ein Erfolgsrezept. Alle Jäger- und Sammlergesellschaften kannten und kennen es. Was vermuten lässt, dass es seit mindestens einigen Zehntausend Jahren existiert und einer der Gründe dafür war, dass die Menschheit sich überhaupt kulturell weiterentwickeln und erfolgreich über den ganzen Planeten ausbreiten konnte.

Laut Sigmund Freud unterbindet das Inzestverbot vor allem die Rivalität innerhalb der eigenen Gruppe.Umgekehrt wachsen blutsverwandte Geschwister oft nicht mehr gemeinsam auf. Berühmt ist ein Fall aus Ostdeutschland, wo sich ein Bruder und seine Schwester erst als Erwachsene trafen und prompt verliebten.

Das ist eine tragische Geschichte und ein Paradoxon, bei dem der psychologische Schutzmechanismus nicht greift. Man kann nachvollziehen, dass das Paar das Inzestverbot als ungerecht empfindet.

Sie lieben sich: Woody Allen und Soon-Yi. (Bild: Keystone)
Sie lieben sich: Woody Allen und Soon-Yi. (Bild: Keystone)

Es gibt berühmte Beispiele für Geschwisterehen in der Geschichte und der Kunst.

Im alten Ägypten oder im alten Persien gab es kurze Perioden, in denen die Eliten Geschwisterehen eingingen. Dabei stand vor allem die Konzentration von Macht und Reichtum im Zentrum.

In der Schweiz dürfen Cousin und Cousine heiraten, in China nicht mal Menschen mit dem gleichen Nachnamen. Sie forschten in Zentralsumatra. Wie hält man es dort?

Die Inzestgrenze liegt zwischen Kreuzcousine und Parallelcousine. Das heisst, ein Mann darf oder soll sogar die Tochter der Schwester des Vaters oder die Tochter des Bruders der Mutter heiraten. Parallelcousinen sind aber tabu: Die Tochter des Bruders des Vaters darf ebensowenig geheiratet werden wie die Tochter der Schwester der Mutter. Parallelcousins- und cousinen sprechen sich deshalb als Bruder und Schwester an.

Nach unserem europäischen Verständnis stehen alle im gleichen Verwandtschaftsgrad.

Stimmt. Aber sie gehören verschiedenen Abstammungslinien an.

Warum gibts verschiedene Inzestschranken?

Das ergab sich aus der Tradition. In einigen Regionen der Welt ist die Kreuzcousinenheirat bevorzugt, weil früher Abstammungsgruppen miteinander Allianzen unterhielten. Abstammungsgruppe A gibt in einer Generation eine Frau in die Abstammungsgruppe B. In der nächsten Generation erhält sie von der Gruppe B eine Frau zurück. Die Ehepartner waren dann Kreuzcousins.


Bild: Monika Flückiger