31. Mai 2018

Interview mit einem Crashtest-Dummy

Bei ihm endet jede Fahrt mit einem Unfall: Was würde ein Crashtest-Dummy erzählen, wenn er reden könnte? Wir haben «HIII 50%» bei der Arbeit besucht.

Crashtest-Dummy HIII 50%
Teure Puppe: Crashtest-Dummy HIII 50% kostet über 176 000 Franken.
Lesezeit 3 Minuten

Wie darf ich dich anreden?

Ich habe leider keinen Namen, nur eine farblose Typenbezeichnung: HIII 50%.

Warum «50 Prozent»?

Ich bin 78 Kilogramm schwer und 175 Zentimeter gross; damit entspreche ich etwa den Körpermassen der Hälfte aller Männer. So kommt es zur Prozentangabe in meiner Bezeichnung. Ich habe viele Verwandte. Sie repräsentieren Männer und Frauen mit verschiedener Statur und natürlich auch Kinder. Es gibt einen übergewichtigen und einen alten Dummytyp. Aber wir sind alle Amerikaner, entwickelt vom US-Unternehmen Humanetics.

Du wirst gleich bei einem Crashtest mitwirken. Was genau passiert da?

Ich unternehme eine Autofahrt, die aber schon nach 60 Metern zu Ende ist. Dann kracht der Wagen mit 64 Kilometern pro Stunde in eine verformbare Barriere aus Aluminium. Mit ohrenbetäubendem Getöse verwandelt sich die Autofront in ein wüstes Knäuel aus verbogenem Blech und zerbrochenem Kunststoff. Das Fahrzeug ist nachher nur noch Schrott.

Bald wird HIII 50% mit 64 Kilometer pro Stunde frontal in eine Barriere krachen.

Und was ist mit dir? Bist du nach dem Crash auch reif für die Abfallhalde?

Ich bin doch kein billiger Wegwerfartikel! Rate mal, wie viel ich koste.

Vielleicht etwa 2000 oder 3000 Franken.

Weit daneben. Allein schon mein Körper mit allen mechanischen Teilen kostet 88 000 Franken; mein elektronisches Innenleben ist noch einmal 88 000 Franken wert. Ich bin ein Hightech-Gebilde aus einem Stahlgerippe, Drahtseilen, Gummilagern und Kunststoffteilen. Hinzu kommen viele Sensoren zur exakten Messung der Kräfte, die bei einem Unfall auf einen menschlichen Körper einwirken. Nach dem Crashtest werde ich von Experten «verarztet»; sie tauschen beschädigte Teile aus, und kümmern sich um die neue Justierung meiner Elektronik.

Sind die Crashtests schlimm für dich?

Das hängt ganz vom Test ab. Die Frontalkollision mit 64 km/h nehme ich locker, wenn es ein gutes Auto ist. Die Aufprallenergie wird dann von der Knautschzone abgebaut, Sicherheitsgurte, Gurtstraffer und Airbags schützen mich vor ernsten Schäden. Viel schlimmer ist der seitliche Crash gegen einen Pfahl. Und einen besonders harten Job haben die Fussgängerdummys, denn manche Autohersteller denken nur an die Sicherheit der Insassen. Daher gibt es inzwischen auch speziell konstruierte Motorhauben, die den Aufprall eines Körpers abfedern, und automatische Notbremsassistenten mit Fussgängererkennung.

Nach den Vorgaben der europäischen Crashtest-Organisation «Euro NCAP» wurden seit ihrer Gründung vor 21 Jahren 1800 Neuwagen demoliert. Lohnt sich dieser Aufwand?

Ja, denn dank der Crashtests werden die Autos immer sicherer. Unfälle, die einen Fahrer früher umgebracht hätten, hinterlassen heute nur noch Prellungen und Schrammen. «Euro NCAP» nimmt für sich in Anspruch, bisher 78 000 Menschenleben gerettet zu haben. Also hast du allen Grund, mir und anderen Crashtest-Dummys dankbar zu sein.

Quellen: DTC Dynamic Test Center AG; Euro NCAP

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