28. August 2017

Internet anno 1981

Bänz Friedli geht mit der Zeit. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen.

Die Teletext-App auf dem Smartphone

Offenbar bin ich nicht der Einzige. Sonst gäbe es diese App nicht. Ich bin nicht der Einzige, der Abstimmungsergebnisse, Sportresultate und Wetterprognosen noch im Teletext nachschaut. Genauer: via Teletext-App auf dem Handy. Da leuchtet es dann in vertrauten Farben auf: Hellblau, Gelb und Weiss auf Schwarz.
Aber weshalb sich einer uralten Technik bedienen, wenn das Smartphone längst hundert flinkere, buntere und vielseitigere Informationsquellen bereithielte? Meine Kinder lachen mich aus. Zwar hat der Oldie mal eine App, die sie nicht gekannt haben. Aber eine antiquierte! Deren Anmutung nachahmt, wie man sich zu Grossmutters Zeiten Informationen beschaffte.

Das sei damals oft die einzige Möglichkeit gewesen, versuche ich zu erklären, als ich 17-, 18-jährig gewesen sei … Wollte man samstagnachts erfahren, wie Étoile Carouge gegen den FC Wettingen gespielt hatte, ohne auf das «Sportpanorama» oder die Tageszeitung vom Montag zu warten, schaltete man den Teletext ein.
Der war auf dem Kanal des Schweizer Fernsehens am 1. Oktober 1981 erstmals ausgestrahlt worden, vorerst noch in eckiger und unleserlicher Schrift. Natürlich ist es pure Nostalgie, wenn ich ihn heute noch konsultiere. Aber auch schiere Gewohnheit, denn ich weiss die Seitenzahlen auswendig: 100 für Schlagzeilen, 202 für Spieltermine der Super League, 815 für den Flugverkehr.

Doch es macht mich zum Gespött junger Leute. An dieser Stelle nun springt meine Shiatsu-Therapeutin in die Bresche: «Der Teletext! Das war doch der Vorläufer des Internets! Und du hast ihn genutzt!», frohlockt sie. «Was zeigt, dass du schon früher ein moderner Mensch warst.»
Ha! Das ist die Ausrede: Meine Teletext-App beweist nicht, dass ich von gestern bin, sondern sie ist im Gegenteil ein Beleg dafür, dass ich seit je mit der Zeit gegangen und also noch immer up to date bin.

Und schliesslich hat noch jeder Mist aus unserer Jugend ein Revival erlebt, die Röhrlijeans, die Neonfarben, die Espadrilles … Warum also sollte mit der nächsten Retrowelle nicht auch der Teletext wieder hip werden? Und, hey, wenn Primarschüler nun mancherorts mit Tablets ausgestattet werden, auf denen man einfach wegwischt, was nicht mehr gebraucht wird – wer waren dann die Pioniere? Wir. Wir, die wir in der zweiten Klasse bei Frau Aerni, anno 1973, noch Schiefertafeln hatten, samt Schwämmchen. Für Diktate und so schwierige Rechenaufgaben wie «3 + 8 = ?». Denn was geschah mit dem Gekritzel, das nicht mehr gebraucht wurde? Wir wischten es weg. 

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 1. 9. Schinznach-Dorf AG; 2. 9. Bolligen BE; 4. 9. St. Gallen, Kellerbühne

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