20. Juni 2016

Mykonos, Naxos und Santorini: Spektakuläres Inselhüpfen auf den Kykladen

Die Kykladen in der griechischen Ägäis bestehen aus über 50 Inseln. Wir haben Mykonos, das heilige Delos, Naxos und Santorini besucht und einen Koffer voller Eindrücke mitgebracht.

Zeus Dorf Filoti auf Naxos
Der Berg Zeus wacht über dem Dorf Filoti auf Naxos.

In den Morgenstunden hat man die Gassenvielfalt in Mykonos Stadt mit den weiss getünchten Häusern, in die Boutiquen, Restaurants, Bars und Pensionen eingezogen sind, fast für sich allein. Das Partyvolk schläft den Rausch der Nacht aus; der Wind Meltemi sorgt für etwas Abkühlung. Spätestens am Nachmittag füllen sich die Gassen in der Inselhauptstadt wieder. Unter den Passanten gibt es auffallend viele chinesische und indische Touristen, die die wohl bekannteste Kykladeninsel seit zwei, drei Jahren in Massen besuchen.

Wer ihnen ausweichen will, fährt rund 15 Minuten ostwärts nach Ano Mera, das sich in der Mitte der Insel befindet. Das Dorf mit zahlreichen Tavernen wie zum Beispiel der empfehlenswerten «Vangelis» gehört zu Pénélope Stergious (45) favorisierten Orten. Sie lebt seit knapp 20 Jahren auf Mykonos. Als Tochter griechischer Eltern ist sie in der Nähe von Vevey VD aufgewachsen. Heute wohnt sie zusammen mit ihrem Mann Costas (44) und den Kindern Angélique (6) und Antoine (8) in der Nähe von Mykonos Stadt, in einem Haus mit Garten, in dem Tomaten, Gurken, Salat, Trauben und Olivenbäume wachsen. «Hier schätze ich das Klima, die Sonne, die Menschen, die Natur und die Freiheit», sagt die schweizerisch-griechische Doppelbürgerin. Mykonos sei ein «petit paradis».

Platis Gialos
Der Strand von Mykonos Stadt: Platis Giaolos

«Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft die Insulaner dank des Tourismus weniger stark als etwa die Einwohner Athens», sagt Pénélope. Aber auch ihre Familie leide unter den steigenden Preisen. Für das einzige Einkommen sorgt ihr Mann, der als Taxifahrer arbeitet. Sie möchte sich als Hausfrau bewusst Zeit für die Kinder nehmen, mit denen sie vor allem im Winter wandern oder Velo fahren geht. «Im Sommer ist das mit den vielen Autos zu gefährlich», sagt sie. Dann laden die Buchten zum Wassersport ein, etwa der flach abfallende Strand von Platis Gialos in der Nähe von Mykonos-Stadt. Am besten gefällt Familie Stergiou der Strand von Fokos im Norden der Insel, wo sie ab und zu in der gleichnamigen Taverne einkehrt. Oder das bei Windsurfern beliebte Kalafatis im Südosten mit den Schatten spendenden Bäumen.

Pénélope Stergiou mit ihren Kindern Angélique und Antoine.

Pénélope Stergiou rät zu einem Ausflug zur Insel Delos, in der Antike eine blühende Stätte, die heute nur von Museumsufsehern mit ihren Familien bewohnt wird. Schiffe fahren in der Nähe der sehenswerten Paraportiani-Kirche ab Mykonos Stadt in 30 Minuten zum Unesco-Weltkulturerbe. Bereits wenige Minuten nach der Ankunft verlieren sich die Besucher; man teilt sich Delos fast nur mit vielen Eidechsen, die sich auf den historischen Steinen sonnen.

Das felsige Eiland im Herzen der Ägäis mit seiner über 4500-jährigen Geschichte begeistert mit dem Apollontempel, dem grössten Heiligtum der Griechen, einem Amphitheater, Grundmauern von Herrschaftshäusern mit gut erhaltenen Mosaikböden. Die eindrücklichen Ruinen lassen sich am besten vom gut 100 Meter hohen Berg Kynthos bewundern, den man nach anstrengendem Marsch über einen steinigen Weg erreicht. Von dort oben breiten sich die antike Stätte Mykonos und die Nachbarinsel Tinos besonders schön aus.

Eidechse Delos
Per Du mit den Eidechsen auf Delos.

Wer um 17 Uhr mit dem Schiff ab Mykonos nach Delos losfährt, ist um 20 Uhr wieder zurück im Hafen – genau die richtige Zeit für einen Sundowner. Das Quartier Little Venice, das nur ein paar Fussminuten von der Schiffsanlegestelle entfernt liegt, ist dann vollgepfercht mit Touristen, die mit einem Cocktail oder dem Handy in der Hand verfolgen, wie die Sonne blutrot im Meer versinkt. Drinks in der populären Skandinavian Bar kosten 9 Euro.

Peter Krähenbühl
Petros Helvetos: Peter Krähenbühl an seinem Arbeitsplatz: im Flisvos-Sportclub, wo er als Grillmeister arbeitet.

Weniger als eine Stunde dauert die Überfahrt mit der Fähre von Mykonos nach Naxos, der grössten und fruchtbarsten Kykladeninsel. Im Hafen steht ein Mann mit Seemannsmütze, runder Brille, grauem Schnauz und Ziegenbärtchen. «Typisch Grieche», denkt man. Nur heisst dieser Mann, der perfekt Griechisch spricht und dabei immer wieder herzhaft lacht, Peter Krähenbühl (56). Hier ist er bekannt als Petros Helvetos, Peter der Eidgenosse. Er wanderte 1995 auf die gut 30 Kilometer lange und 20 Kilometer breite Insel aus. Verliebt hat er sich in sie schon bei der ersten Begegnung 1990, als er eine Reisegruppe begleitete und noch kaum eine Ahnung von Naxos hatte. Heute lebt er im kleinen Dorf Agios Thalaleos. «Es hat weniger als 100 Einwohner, drei Kirchen, eine Tankstelle, aber keine Beiz. Dafür lebe ich ruhig in einer Mietwohnung, umgeben von sieben zugelaufenen Katzen», erzählt Petros.

Naxos sei schwarz-weiss, aber in intensiven Farben. «Die Kontraste auf der Insel sind extrem, vom sattesten Grün bis hin zu Mondlandschaften. Hier kann man wandern, biken oder in Buchten surfen, die karibisch aussehen.» Wer das ursprüngliche Hellas sehen will, müsse seine Insel besuchen. Den Sonnenuntergang geniesse man am besten in der Cocktailbar Bossa in Naxos Stadt (Chora), das nur ein paar Fussminuten entfernte «Rocks» fülle sich so ab 22 Uhr.

Den Reiseleiterberuf hat Petros an den Nagel gehängt. Er arbeitet nun als Grillmeister im Flisvos-Sportclub, einige Fahrminuten von Naxos Stadt entfernt. Mit seiner Beschäftigung könne er sich hier, wo ein Stundenlohn von 3 bis 4 Euro keine Seltenheit ist, einigermassen über Wasser halten. Die Folgen der Wirtschaftskrise: viel weniger griechische Touristen, die zudem weniger lang bleiben. Und manche Einheimischen nippten einen halben Tag lang an einem griechischen Eiskaffee, weil das Geld fehle.

Petros ärgert sich über die Berichterstattung in den mitteleuropäischen Medien. Er habe viele griechische Freunde, die fleissig sind und mehreren Jobs nachgehen, um zu überleben. In den letzten Monaten habe er auch keinen einzigen Flüchtling auf Naxos gesehen. Was hingegen stimmt: Im Juli steigt die Mehrwertsteuer auf 24 Prozent. Noch vor Kurzem betrug sie dreimal weniger. Das verteuert Lebensmittel, Restaurants und das ohnehin schon hochpreisige Benzin nochmals.

Die Preise auf Naxos sind allerdings nach wie vor deutlich tiefer als auf Mykonos: Für einen typisch griechischen Salat mit Gurken, Tomaten, Peperoni, Feta und Zwiebeln (Choriatiki) bezahlt man auf Mykonos acht Euro, auf Naxos knapp die Hälfte. Ähnlich ist es bei der mit viel Knoblauch zubereiteten Vorspeise Tsatsiki.

Strand Pyrgaki, Naxos
Die Buchten auf Naxos sind wunderschön, wie diese Aufnahme von Pyrgaki beweist.

Naxos mit den unzähligen Buchten, Kirchen, antiken Ruinen und dem Hinterland entdeckt man am besten im Mietwagen. Kurvige Strassen führen zu so ursprünglichen Bergdörfern wie Chalki, Koronos oder Apeiranthos, wo die Sitzplätze der Tavernen von Rebstöcken geschützt sind. «Die Insel hat man auch in zehn Jahren noch nicht komplett entdeckt», berichtet Petros und schlägt eine Wanderung zum gut 1000 Meter hohen Berg Zeus vor, mit dem Dorf Filoti als Ausgangspunkt. Naxos zur Entschleunigung Wichtig: gutes Schuhwerk und lange Hosen, wegen des felsigen Untergrunds, der stacheligen Disteln und Schlangen, denen man aber kaum begegnet. Spätestens bei der Zeushöhle im steilen Westhang verliert sich der Wanderweg allerdings im Nirgendwo. Bis zur Bergspitze wären es noch über 300 Höhenmeter. Auch die Strassen zu den Stränden sind manchmal eine (kleine) Herausforderung: Im Süden und im Südwesten bestehen sie aus Sandpisten. Dafür hat jeder seinen Strand, wie Petros aufzählt: die Wind- und Kitesurfer in Flisvos, die Familien am Plaka Beach, die Kitesurfer bei Mikri Vigla und nochmals die Familien an den flach abfallenden Strandabschnitten der Südküste.

Selbst in der Hochsaison findet man einsame Buchten (vor allem im Südosten), wo man nur die Grillen zirpen hört, den Wind in den Bäumen und die Wellen des Meeres. Naxos wirkt wie ein Entschleunigungsprogramm. An manchen Orten scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Das gilt auch für einige Bauruinen, wo entweder das Geld ausgegangen ist oder das Projekt auf dem Rechtsweg gestoppt wurde. Peter Krähenbühl sagt: «Leider gibt es auch hier eine Zersiedelung. Aber zum Glück wurde die Küste nicht verbaut. Naxos ist noch immer eine Prachtinsel.»

Caldera Santorini
Die 350 Meter hohe Calderawand Santorinis, von Imerovigli aus gesehen.

Santorini ein Touristenmagnet Viel gebaut wurde in den letzten Jahren auch auf Santorini, rund 90 Schifffahrtsminuten von Naxos entfernt. Wer auf Naxos aufgetankt hat, erlebt hier einen kleinen Kulturschock: Die viel zu engen Strassen sind mit Autos verstopft. Zwischen dem Hauptort Fira und dem besonders malerischen Ia im Norden kommt man teilweise nur im Schritttempo vorwärts. Und wie Mykonos wird die landschaftlich spektakuläre vulkanische Insel mit einer 350 Meter hohen Calderawand von Touristenmassen aus China, Indien und zusätzlich von den Passagieren riesiger Kreuzfahrtschiffe überflutet, was auch die Preise hochtreibt.

Sonja Pöritg Kamari Beach
Sonja Pörtig mit ihrem Mann Yannis Gavrilis und der jüngsten Tochter am Kamari Beach.

Abseits der Hauptattraktionen zeigt sich das andere Gesicht Santorinis: Dörfer wie Pyrgos, Megalochori oder Eborio präsentieren sich erstaunlich ursprünglich. Auf der Nordostseite zwischen Pori und Vourvoulos fahren wenig Autos, der Ausblick von der Akrotiri Beach mit der Fischtaverne The Dolphins wirkt fast schon paradiesisch, der schwarze Sand des Perivolos Beach im Südosten ebenso. Dies sind auch die Lieblingsorte von Sonja Pörtig (47), die 1991 zum ersten Mal nach Griechenland gekommen ist – als Reiseleiterin. Bald schon lernte sie ihren heutigen Mann Yannis Gavrilis (51) kennen, der als Kellner arbeitete. Inzwischen hat das Ehepaar vier Kinder und betreibt das Café und Restaurant Stis Varkes am ebenfalls vulkanischen Kamari Beach.

«Diese eindrückliche Landschaft mit dem klaren, tiefblauen Meer ist für mich wie das Matterhorn. Es verleidet mir nie», schwärmt die Luzernerin. In der Schweiz würde sie die Sonne vermissen. Ausserdem seien die meisten Griechen sehr kinderfreundlich und hilfsbereit. Diese Mentalität schätzt die auf einem Bauernhof mit sieben Schwestern aufgewachsene Schweizerin ganz besonders. Sie sieht aber auch die Schattenseiten der Insel: das Verkehrsproblem oder die Tatsache, dass auch auf Santorini zu wenig in den Umweltschutz investiert wird. Langfristiges Denken sei hier nicht angesagt. «Die Griechen reden viel, handeln aber zu wenig.»

Besuchern rät Sonja Pörtig, von der Amoudi Bay zur authentisch gebliebenen Nachbarinsel Thirasia zu fahren, von Kamari nach Perisa zu wandern oder die weniger bekannten Dörfer wie Eborio und Megalochori zu besuchen. «Ia, der Hotspot für fantastische Sonnenuntergänge, ist überlaufen. Als Alternative empfehle ich Imerovigli oder die Weinkellerei Santo ausserhalb von Pyrgos.» Es gebe kaum etwas Eindrücklicheres, als am weltbekannten Kraterrand den Sonnenuntergang mit einem Glas Assyrtiko von Santorini zu geniessen. Und in solchen Momenten scheinen die Probleme aus der Welt geschafft, verdrängt von der Schönheit der Szenerie.

Die Recherche der Reise wurde unterstützt von Hotelplan

Bilder: Reto E. Wild

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