25. Januar 2016

Insel mit zwei Seiten

Viele Touristen landen auf dem Südflughafen von Teneriffa und verbringen ihre Ferien an der eher kargen Südküste. Schade, findet die Aargauerin Stefanie Köchli, die seit acht Jahren im subtropischen Nordosten der Kanareninsel lebt.

Playa de Las Teresitas, Teneriffa
Die Playa de Las Teresitas ist nicht nur bei Familie Köchli-Pacheco-Hernandéz beliebt.

Meine Meitli lieben es, hier zu planschen!» Stefanie Köchli (34) muss schreien, um das Tosen des Atlantiks zu übertönen, der bei El Sauzal ungebremst an die Nordküste Teneriffas donnert. In der Ferne funkelt die Skyline von Puerto de la Cruz in der Sonne, darüber thront unübersehbar der Teide. Der 3718 Meter hohe Vulkan teilt die Insel in zwei Hälften: den feuchtwarmen, subtropischen Norden und den üppig besonnten, eher kargen Süden.

Planschen? Bei diesen Brechern? Die zweifache Mutter nickt: «Bei Ebbe bilden sich Charcos, grosse Pfützen, in denen das Meer Muscheln, Krebse und Fische zurücklässt.» Ein Gaudi für Gross und Klein, zumal sich das Wasser aufgrund des schwarzen Vulkangesteins in den Pfützen rasch erwärmt.

Die illegalen Ferienhütten sind inzwischen abgerissen

Küste von El Sauzal
Bei El Sauzal prallt der Atlantik ungebremst auf die Küste.

Die Küste bei El Sauzal mit ihren grünen Bananenplantagen und schwarzen Stränden hat für die Aargauerin eine besondere Bedeutung: Vor mehr als 40 Jahren entdeckte ihr Vater den wildromantischen Ort. Gerade mal 20 Jahre alt, hatte der Jungmetzger aus Triengen LU auf ein Zeitungsinserat hin in einem Supermarkt in Puerto de la Cruz angeheuert – um die Touristen mit Würsten zu versorgen, wie Stefanie Köchli eine Stunde später bei gebratenem Ziegenkäse und den inseltypischen «papas arrugadas», runzligen Kartoffeln, erzählen wird: «Bis zur Eröffnung des zweiten Flughafens El Sur und dem folgenden Bauboom im Süden war Puerto de la Cruz das Tourismuszentrum der Insel und die Küste bei El Sauzal von unzähligen illegalen Ferienhüsli gesäumt.» Wer dem Landbesitzer ein paar Pesetas in die Hand drückte, durfte über eine steile Schotterpiste zu den illegalen Strandbars fahren. Inzwischen sind die Gebäude abgerissen, die Schotterpiste ist geteert – und die Peseta durch den Euro ersetzt.

Rambla de Santa Cruz, Teneriffa
In der Inselhauptstadt Santa Cruz leben rund 200'000 Menschen.

Gern hätte auch Stefanies Vaters auf Teneriffa eine Bar aufgemacht, zumal sich seine Schweizer Freundin – seine spätere Ehefrau und Stefanies Mutter – ebenfalls in die Insel verliebt hatte. Schliesslich zog es die beiden aber doch in die Schweiz zurück. Stefanie lacht: «Sonst wären die drei Köchli-Schwestern vielleicht hier zur Welt gekommen.» Dass nun ihre eigenen beiden Mädchen als Tinerfeñas, wie die Bewohner Teneriffas heissen, aufwachsen, hat aber trotzdem mit der väterlichen Inselvergangenheit zu tun: «Nach einem Familienurlaub auf der Insel Jahre später entschloss sich meine jüngste Schwester zu einem Schüleraustauschjahr in La Laguna, der Universitätsstadt Teneriffas. Bei einem Besuch lernte ich dann Rubén kennen, der damals noch an der Uni arbeitete.» Der Rest ist Geschichte.

Vulkan Teide, Teneriffa
Der Teide, Spaniens höchster Berg und Teneriffas Wahrzeichen, zieht jährlich Millionen Besucher an.

Inzwischen leben Stefanie Köchli und Rubén Pacheco Hernandéz (42) mit ihren Töchtern Leana (3) und Elen (1) in einem Reiheneinfamilienhaus in einem Aussenquartier der Inselhauptstadt Santa Cruz. «Von hier aus sind wir innert kürzester Zeit im Anaga-Gebirge mit den urtümlichen Lorbeerwäldern oder beim Teide, wenn wir wandern wollen», freut sich die naturbegeisterte Auswanderin, «oder eben in El Sauzal.» Machen die an der Nordseite der Berge auflaufenden Passatwolken der Familie einen Strich durch die Planung, fährt sie in den Süden, beispielsweise an den Strand von Abades: «El Sur ist für uns wie das Tessin für die Deutschschweizer: wärmer und in über einer Stunde erreichbar. Es ist aber auch touristischer.»

Auf der Playa de las Teresitas liegt man auf Saharasand

An diesem Nachmittag steht bloss ein Abstecher an die Playa de las Teresitas auf dem Programm, den «Hausstrand» der Hauptstadtbewohner. Der goldgelbe Strand, die Kokospalmen und das tiefblaue Wasser lassen Karibikstimmung aufkommen. «Todo trucado – alles geschummelt!», erklärt Rubén. «Teneriffa ist eine Vulkan­insel, die Strände dunkelgrau bis schwarz.» Um Familien anzulocken, sei die fast drei Kilometer lange Bucht 1973 mit einem Wellenbrecher beruhigt und unzähligen Schiffsladungen Saharasand «aufgehübscht» worden

Noch heute bemüht man sich auf der grössten der Kanareninseln um Ferien­gäste mit Kindern: mit dem Siam Park, dem gemäss ­Eigenwerbung «grössten Wasserpark Europas», und dem Loro Park, dem «schönsten Tierpark der Welt», buhlen gleich zwei Attraktionen um Besucher. Vor zwei Jahren wurde mit dem Forestal Park Tenerife dann auch noch der «grösste Abenteuer- und Kletterpark der Kanaren» in Betrieb genommen. «Leider können sich viele Tinerfeños trotz Vergünstigungen seit der Wirtschaftskrise einen Eintritt von 20, 30 Euro nicht mehr leisten.» Stefanie, die als Kleinkinderzieherin an der Deutschen Schule in Santa Cruz arbeitet, weiss, wovon sie spricht. Auch Rubén hat bei der letzten Kündigungswelle die Stelle an der Uni verloren. Zurzeit sind 30 Prozent der Bevölkerung arbeitslos, unter 25 Jahren ist es über die Hälfte.

Auditorio von Mit dem von Stararchitekt Santiago Calatrava, Santa Cruz
Mit dem von Stararchitekt Santiago Calatrava erbauten Auditorio erhielt die Inselhauptstadt Santa Cruz ein neues Wahrzeichen.

Leana und Elen sind müde. Auf der Fahrt zurück nach Santa Cruz erzählt ihre Mutter vom letzten Herbst, als wegen der Dreharbeiten von «Bourne 5» mit Matt Damon wochenlang die Innenstadt gesperrt war. «Da der Film in Athen spielt, waren alle ­Geschäfte auf Griechisch angeschrieben, das war lustig.» Er sei aber trotzdem froh gewesen, als der Spuk vorbei gewesen sei, ergänzt ihr Mann: Er verkaufe nämlich Getränke am Rastro, dem sonntags stattfindenden grossen Flohmarkt. «Schreib im Artikel unbedingt, dass der Rastro in Santa Cruz einen Besuch wert ist.»

Der Rastro also. Und was noch? «Wer am Teide in der Berghütte Refugio de Altavista übernachtet, ist morgens innert einer Stunde am Kraterrand, um den Sonnenaufgang zu geniessen», verrät Stefanie. Rubén schmunzelt: «Zwar braucht man für die Gipfelbesteigung eine Sonderbewilligung. Aber der Wächter kommt erst um neun Uhr mit der ersten Seilbahn.»

Die Reise wurde unterstützt durch ­Turespaña – spanisches Fremdenverkehrsamt Zürich

Bilder: Filipa Peixeiro

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