25. Januar 2016

Myanmar steht vor einer verheissungsvollen Zukunft

Seit sich Myanmar der Welt öffnet, erlebt das Land einen wahren Boom. Touristisch gesehen, ist jetzt die Zeit, eines der faszinierendsten und ursprünglichsten Länder in Südostasien kennenzulernen. Toni Rüttimann und Renato Bühlmann sind Myanmars Charme längst erlegen.

Dhammayangyi-Tempel Bagan
Dhammayangyi heisst der grösste Tempel der historischen Königsstadt Bagan. Diese umfasst mehr als 2000 sakrale Bauten aus Ziegelstein.

Die Taxifahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum von Yangon, der 5-Millionen-Metropole und einstigen Hauptstadt von Myanmar, wird zur Geduldsprobe: Was vor wenigen Jahren in 30 Minuten zu bewältigen war, dauert heute deutlich über eine Stunde. Das sind die Folgen des Wirtschaftsaufschwungs, nachdem die regierenden Generäle auf einen Reformkurs eingelenkt hatten. Vorher war die südostasiatische Republik jahrzehntelang vom Rest der Welt abgeschnitten. Nun stehen im industriellen Zentrum des Landes die ersten Filialen von Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut, Starbucks befindet sich in den Startlöchern, bei der Fastfood-Kette mit dem gelben M dürfte das eine Frage der Zeit sein.

Kalender Aung Sann Suu Kyi.
Das Konterfei der Politikerin Aung San Suu Kyi sieht man im ganzen Land, gerade auch in Yangon.

Immer mehr Restaurants, Bars und Hotels internationalen Zuschnitts treten in den boomenden Markt ein. Die Miet- und Immobilienpreise haben sich in den letzten drei Jahren teilweise verdreifacht, was zu absurden Gegensätzen führt. So kann es sein, dass ein Konzernchef respektive sein Arbeitgeber für eine Mietwohnung in Yangon monatlich umgerechnet über 20 000 Franken bezahlt, während eine Nudelsuppe kaum einen Franken kostet. Im stadtbekannten Restaurant Le Planteur fahren reiche Burmesen in ihren Ferraris vor, andererseits gehen Mönche barfuss durch die Strassen, Mütter mit Kleinkindern versuchen, Postkarten zu verkaufen, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen.

Circular Train
Die Fahrt auf dem «Circular Train» ist ein unglaublich preiswertes Erlebnis.

Wie sich der Alltag abspielt, sieht man am besten im Hauptbahnhof von Yangon. Jeweils um 9.30 Uhr rumpelt die Rundbahn «Circular Train» von Gleis 7 los. Die dreistündige Fahrt (Tickets kauft man am Bahnsteig) kostet 150 Kyat oder zehn Rappen. Fast unverschämt preiswert sind nach wie vor die Garküchen in Yangons Chinatown, gerade um die sehenswerte 19th Street.

Toni Rüttimann
Toni Rüttimann baut Brücken, immer mit Hilfe der lokalen Bevölkerung.

Von diesen Veränderungen bekommt der Schweizer Toni Rüttimann (48), der seit 14 Jahren in Südostasien lebt, weniger mit. Er baut für die arme burmesische Bevölkerung in den entlegensten Gebieten Brücken. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind in Myanmar besonders gross. Der Brückenbauer und seine lokalen Helfer haben in den letzten Jahren in Kambodscha, Indonesien, Laos, Myanmar und Vietnam über 300 Brücken realisiert; fast ein Drittel davon steht in der einstigen britischen Kolonie Burma.

Rüttimann ist unmittelbar nach der Matura mit 19 Jahren vom Engadin nach Ecuador in ein Erdbebengebiet gereist, um zu helfen. Damals hatte er keine Ahnung vom Brückenbauen. Inzwischen ist «Toni el Suizo», wie sie ihn da nannten, seit 28 Jahren auf Wanderschaft und hat mit seiner Arbeit geschätzten zwei Millionen Menschen geholfen. «Ich habe keinen Wohnsitz und bin Migrant, ein Wanderarbeiter. Gemeldet bin ich bei der Schweizer Botschaft in Bangkok. Aber ich habe weder ein Haus noch eine Niederlassung und wechsle alle paar Wochen das Land», erzählt er. Sein Hab und Gut passt in zwei Taschen. In der einen befinden sich sein Laptop und sämtliche Daten über die laufenden Projekte, in der anderen die Kleider. «Das ist schwer vorstellbar, aber eben meine Lebenshaltung.» Er hoffe, bis zu seinem letzten Tag die eine oder andere Art Brücken zu bauen, sagt der Engadiner und meint dies durchaus auch im übertragenen Sinn. Was Staatsmänner nicht geschafft haben, ist ihm gelungen: Dank seiner ehrlichen Art erhielt er vom damaligen Staatschef General Than Shwe Unterstützung.

Renato Bühlmann im «Sharky's».
Renato Bühlmann in einem seiner Lieblingsrestaurants in Yangon, dem «Sharky's»

Ein eigentlicher Myanmarpionier ist der Ostschweizer Renato Bühlmann (49). Als Küchenchef nahm er bereits 1994 die Arbeit im damals legendären Hotel Strand in der Nähe des Yangon Rivers auf und ist bis 1999 dort geblieben. Nach Umwegen über die USA und Marokko kehrte er nach Myanmar zurück, weil ihn ein Freund fragte, ob er ihn beim Import von Essen und Wein unterstützen könne. Heute arbeitet er als Geschäftsführer einer Handelsfirma mit lokalen Partnern, vor allem Hotels und Restaurants, und ist auf die Beschaffung von Speisen und Weinen spezialisiert. Bühlmann, der seit Februar 2015 mit einer Burmesin verheiratet ist, erinnert sich, wie er anfangs ein Visum nur für einen einzigen Monat erhielt. Touristen gab es praktisch keine, Supermärkte sowieso nicht. Aber die grösste Veränderung betrifft den Verkehr in Yangon. «Nach meiner Ankunft 1994 war es eine Seltenheit, wenn man in Yangon vor einem Rotlicht mehr als sechs Autos sah», sagt er. Früher kostete ein japanischer Klein­wagen über 40 000 Franken oder vier Malso viel wie heute, eine Lizenz für den Autoimport 200 000 Franken. Das wurde liberalisiert. Auch die Kommunikation, sodass heute selbst Mönche an ihren Handys hängen.

Bühlmann lebt in einer besonders interessanten Zeit in Myanmar – nach dem klaren Wahlsieg der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi (70) und ihrer Partei im November 2015. Bis Ende Februar 2016 muss sie nun eine neue Regierung bilden. «Alle hoffen, dass der Ausgang dieser Wahlen zu positiven Änderungen führt», sagt der Schweizer, der seine Karriere im Landgasthof Schäfli in Wängi TG lancierte. Das Porträt der «Lady», wie Suu Kyi in Myanmar respektvoll genannt wird, ist überall im Land zu sehen.

Shwedagon
Die Shwedagon-Pagode in Yangon ist eine der schönsten ihrer Art.

Touristen rät Renato Bühlmann, die Shwedagon-Pagode zu besuchen – am besten vor dem Eindunkeln um 17 Uhr (Bild oben) und am Morgen. Zu den Musts in Yangon gehören auch die Chinatown und der Scott-Markt (montags geschlossen) mit burmesischen Lackarbeiten, Schnitzereien, Silberschmiedarbeiten, Gold, Edelsteinen, Taschen, Ölgemälden und Textilien. Achtung: Fälschungen sind nie auszuschliessen. Zu Bühlmanns Lieblingsrestaurants zählen das «Sharky’s Food» mit seiner westlichen Küche, basierend auf lokalen Qualitätsprodukten, oder das neue Rangoon Tea House mit moderner burmesischer Küche.

Die landesweit wichtigste Sehenswürdigkeit ist nicht nur für Bühlmann die historische Königsstadt Bagan mit über 2000 Tempeln und Pagoden aus Ziegelstein.

Bagan
Bagan mit seinen über 2000 Tempeln gehört zu den eindrücklichsten Ecken des Landes.

Bagan bildet auch einen der Ausgangspunkte für eine Schifffahrt auf dem Irrawaddy, bei der man einen Einblick in den ländlichen Alltag der Burmesen erhält. Entlang des 2000 Kilometer langen Flusses spielen sich beschauliche Szenen ab: Bauern bestellen ihre Felder, Familien waschen sich im braunen Fluss, und goldige Pagoden wechseln sich mit Palmen ab.

«Sanctuary Ananda».
Die «Sanctuary Ananda» ankert am Ufer in Bagan.

Am bequemsten ist die Fahrt mit der «Sanctuary Ananda». Das Schiff ging im Oktober 2014 erstmals auf Fahrt und offeriert in sämtlichen Suiten private Balkone. Die rund 40-köpfige gastfreundliche Crew besteht vorwiegend aus Burmesen. Die Jumbo Prawns und das Beef Wellington des thailändischen Chefkochs Sumet sind himmlisch.

Zwei Mal pro Jahr befährt das 4,8 Millionen Dollar teure Schiff den nördlichen Teil des Irrawaddy, wo man mit etwas Glück auch Delfine zu Gesicht bekommt. Die Exkursionen mit dem Luxusschiff zeigen, wie vielfältig Myanmar auch abseits der klassischen Route Yangon–Bagan–Mandalay–Inle-See ist. So sind noch immer 40 Prozent des Landes mit Regenwald bewachsen, und im Grenzgebiet zu Indien und China befindet sich mit fast 6000 Metern der höchste Berg Südostasiens.

Ngapali Beach
Knapp vier Kilometer lang ist der Strand des Ngapali Beach.

Im Norden von Yangon breiten sich in Ngapali kilometerlange Sandstrände aus. Sie sind von Touristenmassen – wie das ganze Land – nahezu un­berührt. Hoffentlich noch lang.

Bilder: Reto Wild

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