02. März 2018

Der erste Mensch wird wohl in den 2030er-Jahren auf den Mars stehen

Thomas Zurbuchen ist der erste Schweizer Wissenschaftsdirektor der Nasa und verantwortet das milliardenschwere Raumforschungsprogramm der USA. Ein Gespräch über künftige Mondmissionen, Aliens, glückliche Zufälle und seine Herkunft als Sohn eines Freikirchenpredigers.

Thomas Zurbuchen
Zuständig für derzeit 106 Nasa-Missionen: Wissenschaftsdirektor Thomas Zurbuchen.

Thomas Zurbuchen, wie schon einige andere US-Präsidenten hat auch Donald Trump angekündigt, es würden bald wieder Amerikaner zum Mond fliegen – und später auch zum Mars. Wird das diesmal mehr als eine Ankündigung?

Absolut. Eine der wichtigen Aufgaben der Nasa ist die bemannte Weltraumforschung. Geplant ist, in der Umlaufbahn des Monds eine Basis zu schaffen, wo Menschen lernen können, auf sich allein gestellt im All zu überleben. Wir haben 400 Millionen Dollar mehr Budget als zuvor – das reicht, um zurück zum Mond zu fliegen und diese «Lunar Orbiting Platform» zu platzieren. Natürlich soll uns das wissenschaftlich voranbringen, aber auch Firmen und andere Länder sollen die Basis nutzen können.

Wie sieht der Zeitplan genau aus?

In den nächsten ein, zwei Jahren werden wir gemeinsam mit privaten Firmen Instrumente auf dem Mond platzieren – übrigens ein Projekt, das ich selbst leiten werde. Die ­Basis dürfte zwischen 2023 und 2025 in der Mondumlaufbahn sein.

Und wann folgt der Schritt zum Mars?

Dort haben wir jetzt schon zwei Rover, weitere Missionen folgen kommenden Sommer und 2020. Gegen Ende der 2020er-Jahre werden wir Marsproben zur Erde zurückbringen. Dazu müssen wir allerdings erst noch eine Rakete erfinden, die von einem anderen Planeten aus abfliegt, und zwar ganz autonom. Das hat noch keiner je gemacht. Aus Nasa-Perspektive wird der erste Mensch voraussichtlich in den 2030er-Jahren auf der Marsoberfläche stehen. Aber es gibt natürlich andere Länder und auch private Firmen, die am gleichen Ziel arbeiten und vielleicht schneller sein werden.

Ist es denn überhaupt sinnvoll, Menschen ins All zu schicken? Wäre es nicht viel günstiger und ungefährlicher, den Weltraum mit Maschinen zu erforschen?

Es gibt gute Gründe, gewisse Forschungsaufgaben mit Menschen durchzuführen. Einerseits haben wir als Spezies den Drang, Neues und Unbekanntes zu erforschen. Das war hier auf der Erde schon immer so, und diese Entdeckungen haben uns auch immer vorwärtsgebracht. Andererseits können Menschen vor Ort einfach besser und effizienter forschen. Sie heben nicht einfach den erstbesten Stein auf und untersuchen ihn, sondern sie suchen sich genau den, der uns weiterbringt. Roboter können viel, aber Menschen sind in dieser Beziehung noch immer überlegen. Das mag in 50 Jahren anders sein, aber noch ist es nicht so weit.

Das alles kostet sehr viel Geld. Kritiker finden, es gebe genug Probleme auf der Erde: Man solle die Gelder besser für Lösungen investieren.

Gute Länder machen beides gleichzeitig. Das Ziel von Gesellschaften sollte darin bestehen, auf verschiedenen Ebenen erfolgreich zu sein. Sie sollten auch die Probleme angehen, die sich nicht innert eines Jahrs oder zehn Jahren lösen lassen, sondern auch dann, wenn die Früchte sich erst in 50 Jahren ernten lassen. In der Schweiz gibt es mit dem Cern in Genf ein schönes Beispiel dafür. Klar hätte man das Geld gut auch anders ausgeben können, aber Tatsache ist, dass die Schweiz und Zentraleuropa dank des Cern in diesem Bereich international eine Führungsposition einnehmen. Historisch hat sich gezeigt, dass Investitionen in richtig grosse Projekte sich langfristig immer auszahlen. Aber letztlich ist beides wichtig, darum müssen diese Themen von der Gesellschaft auch immer wieder diskutiert und abgewogen werden. Und nicht zu vergessen: Mit dem Geld, das wir für die Weltraumforschung ausgeben, werden Stellen auf der Erde geschaffen.

Das Publikum interessiert sich dabei oft vor allem für Ausserirdische. Denken Sie, dass es da draussen intelligentes Leben gibt und dass wir ihm begegnen werden?

Als Wissenschaftler kann ich nur sagen: Ich weiss es nicht. Persönlich denke ich, dass es da draussen Leben gibt, denn das Universum ist so riesig. Und wenn es Leben gibt, warum nicht auch intelligentes? Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten 20 Jahren im Hinblick auf diese Fragen grosse Fortschritte machen werden.

Muss man sich vor einer Begegnung mit Aliens nicht eher fürchten, wenn man bedenkt, wie schwer sich viele nur schon mit anderen Hautfarben tun?

Es gab in der Geschichte der Menschheit immer wieder grosse Schritte, die viele Fragen aufgeworfen haben, und das wäre ohne Zweifel so ein Schritt. Allen gemeinsam ist, dass sich dadurch neue, grössere Perspektiven eröffnen, was für uns letztlich immer mit viel mehr positiven als negativen Auswirkungen verbunden war. Aber klar: Nach einem Kontakt mit Ausserirdischen müssen wir wieder neu denken lernen über uns selbst und das Leben. Denn es bedeutet, dass es nicht nur einen Weg zum Leben gibt, sondern mehrere. Ein vergleichbar grosser Schritt ereignete sich Ende des Mittelalters, als den Menschen in Europa klar wurde, wie gross die Welt ist und dass auch andernorts hoch entwickelte Zivilisationen existieren. Das hat die damaligen Gesellschaften gezwungen, neu über sich nachzudenken. Für viele ist das sehr ungemütlich, aber es ist eben auch unglaublich bereichernd für uns alle.

Nach einem Kontakt mit Ausserirdischen müssen wir wieder neu denken lernen über uns selbst und das Leben. Denn es bedeutet, dass es nicht nur einen Weg zum Leben gibt, sondern mehrere.

Seit dem Ende der Space Shuttles ist die Nasa auf Russland angewiesen, wenn sie Astronauten ins All bringen will. Parallel dazu haben sich die politischen Spannungen zwischen den beiden Ländern verstärkt. Wie bekommen Sie das zu spüren?

Das Schöne an der Wissenschaft ist, dass man ganz selbstverständlich mit Leuten rund um den Globus zusammenarbeitet. Das funktioniert auch dann, wenn zwischen Ländern politische Spannungen herrschen. Im Sport ist es ähnlich: An den Olympischen Spielen kommen dann doch alle friedlich zusammen.

Sie arbeiten auch an einer neuen Schwerlastrakete. Warum entwickeln Sie so etwas überhaupt noch selbst, statt es den Privaten zu überlassen?

Allein in diesem Jahr braucht die Nasa mindestens zehn Raketen, um Satelliten oder Material für Astronauten ins All zu schicken. Früher haben wir diese Raketen selbst entwickelt, heute stammen praktisch alle aus der Privatindustrie. Wir sind also froh, dass so viele verschiedene Firmen derzeit an Raketen arbeiten, denn es braucht je nach Projekt ganz unterschiedliche Grössen und Stärken. Wir unterstützen die Privaten dabei finanziell, logistisch und wissenschaftlich. Und tatsächlich fragen wir uns regelmässig, was wir noch tun müssen und was wir anderen überlassen können.

Inwiefern?

Die Nasa ist sehr erfahren darin, Menschen ins All zu befördern. Den privaten Unternehmen fehlt diese Erfahrung. Mit unserer Rakete wollen wir nicht mit der Privatindustrie konkurrieren, sondern im Gegenteil unser Know-how an sie weitergeben. Auch bei der «Falcon Heavy» von SpaceX haben wir mitgeholfen: Die Rakete startete auf Nasa-Gelände, und wir stellten technische Unterstützung zur Verfügung. Ideal wäre für uns, wenn wir später so viel wie möglich von Privaten kaufen könnten und es nicht mehr selbst entwickeln müssten. Aber bis es bei den Raketen so weit ist, dauert es noch ein bisschen.

«Dass ich genau in dieser Position bei der Nasa gelandet bin, ist vielleicht Zufall», sagt Thomas Zurbuchen. «Weniger aber, dass ich in einer Führungsposition in der Forschung bin – darauf weist meine Karriere in den vergangenen 20 Jahren klar hin.»

Sie sind der erste Schweizer in dieser ­hohen Position bei der Nasa – und wurden dafür sogar angefragt. Wie kamen Sie zu der Ehre?

Ich hatte als früherer Direktor der Innovationsprogramme der University of Michigan schon zuvor mit der Nasa zusammengearbeitet und auch als Forscher schon viele Erfahrungen mit ihr gesammelt – mein erstes Instrument für sie entwickelte ich an der Universität Bern im Rahmen meiner Masterarbeit. Natürlich gibt es global gesehen mehrere Leute, die diese Kombination mitbringen, aber eben auch nicht allzu viele.

Offenbar hätten Sie damals auch Innovationsdirektor bei Amazon werden können ...

Genau, einer der Direktoren – das sind Leute, die milliardenschwere Projekte innerhalb der Firma initiieren und begleiten. Auch das wäre ein gutes Angebot gewesen, aber am Ende hat mich die Nasa mehr gereizt.

Kann man eine solche Karriere planen, oder ist das eine Aneinanderreihung glücklicher Zufälle?

Ich glaube, da spielen beide Faktoren mit. Rückblickend erkennt man immer viele Zufälle. Ich war zum Beispiel mal in einem Restaurant, und da stand dann plötzlich diese Frau im Raum, mit der ich heute verheiratet bin. Aber am Ende ist es eben mehr als das: Man muss auch bereit sein, Dinge zu lernen, und Möglichkeiten schaffen, aus solchen Zufällen etwas zu machen. Dass ich genau in dieser Position bei der Nasa gelandet bin, ist vielleicht Zufall, weniger aber, dass ich in einer Führungsposition in der Forschung bin – darauf weist meine Karriere in den vergangenen 20 Jahren klar hin.

Was gehört alles in Ihr Aufgabengebiet?

Einerseits manage ich unsere derzeit 106 Missionen; das schliesst ein Forschungsbudget von 6 Milliarden Dollar ein. Andererseits bin ich für die mittel- und längerfristige Strategie des Wissenschaftsprogramms zuständig: In welchen Bereichen engagieren wir uns und mit welchen Partnern? Thematisch beschäftigen wir uns mit Erdwissenschaften. Derzeit haben wir zum Beispiel 24 Satelliten, die ohne Unterlass die Erde beobachten, dazu gehören Wettersatelliten, die auch in Europa genutzt werden. Dann ist da die Raum- und Planetenforschung innerhalb und ausserhalb unseres Sonnensystems. Und ausserdem die Astrophysik, bei der wir uns mit den grossen Fragen beschäftigen, etwa wie das Universum überhaupt angefangen hat.

Die Nasa hat gute Unterstützung bei Demokraten und Republikanern, das hilft. Unser Budget ist sogar ein bisschen höher als vorher.

Sie traten Ihre Position noch unter Prä­sident Obama an – hat sich mit der neuen, eher wissenschaftsunfreundlichen Administration etwas geändert für Sie und Ihre Arbeit?

Mit einer neuen Administration gibt es immer Veränderungen, sie waren für uns in diesem Fall aber nicht dramatisch. Die Nasa hat gute Unterstützung bei Demokraten und Republikanern, das hilft. Unser Budget ist sogar ein bisschen höher als vorher.

Viele machen sich Sorgen wegen der zunehmenden politischen Polarisierung in den USA. Wie erleben Sie die Entwicklung?

Fortschritt verläuft nicht geradlinig, es geht im Zickzack hin und her. Und es ist nicht das erste Mal, dass sich Menschen um die politische Entwicklung sorgen. Aber ich bin überzeugt, dass der Volkswille ein guter Weg ist, um zu bestimmen, wer die Anführer für die nächste Zeit sein sollen. Im Rückblick wundert man sich dann vielleicht manchmal. Und es wird interessant sein, wie die Geschichte die aktuelle Periode beurteilen wird, nicht nur in den USA, sondern auch in Russland, Grossbritannien, der Türkei oder in Ungarn. Aber die Demokratie ist ein relativ robustes System – selbst wenn es Schwierigkeiten gibt, ist es so aufgebaut, dass es sich selbst retten kann.

Zurbuchen ist in einer Freikirchenfamilie aufgewachsen und noch immer gläubig: «Ich finde in religiösen Texten hilfreiche Lektionen und Weisheiten über das Leben. Sie inspirieren dazu, über die Gesellschaft nachzudenken und darüber, worum es im Leben wirklich geht.»

Sie sind in der Schweiz geboren und aufgewachsen, leben aber seit 1996 in den USA, also fast Ihr halbes Leben lang. Wie eng ist Ihr Verhältnis zur Schweiz noch?

Gewisse Dinge sind weiter entfernt, dazu zählt auch die Politik. Ich könnte nicht mehr alle Bundesräte namentlich aufzählen. Aber ich habe immer noch Familie und Freunde in der Schweiz, verfolge auch, was Schweizer Sportler an grossen Events wie den Olympischen Spielen so tun. Und ich freue mich immer, wenn ich die Schweiz wieder einmal besuchen kann.

Sie sind als Sohn eines Freikirchenpredigers in wenig begüterten Verhältnissen aufgewachsen und hatten offenbar nicht immer eine so glückliche Kindheit und Jugend. Wie hat Sie das geprägt?

Sehr stark. Für mein Berufsleben war es ein riesiger Vorteil, weil es mir dadurch immer leichtgefallen ist, mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten zusammenzuarbeiten. Ich habe auch gelernt, dass es wichtigere Dinge gibt als Geld oder gutes Essen. Aber natürlich war es auch ein Grund für Spannungen, weil meine Welt eine ganz andere wurde als die meiner Eltern. Das passiert vielen Familien: Wenn die Kinder unabhängig werden, kann es vorkommen, dass sie sich in ihrer Entwicklung von den Eltern entfernen.

Sie sind aber noch immer gläubig – wie bringen Sie Religion und Naturwissenschaft unter einen Hut?

Würde ich die Bibel als wissenschaftlichen Text betrachten, wäre das in der Tat schwierig. Aber ich finde in religiösen Texten hilfreiche Lektionen und Weisheiten über das Leben. Sie inspirieren dazu, über die Gesellschaft nachzudenken und darüber, worum es im Leben wirklich geht. Wenn das jemanden zu einem besseren Menschen macht, zu einem besseren Vater, einer besseren Mutter, dann ist das doch etwas Gutes. Was mir in den Bibeltexten auch sehr gefällt, ist die Achtung vor der Natur, das findet in mir grosse Resonanz. Wie die Natur geschaffen wurde, darüber hingegen kann ich in der Bibel nichts lernen, weil sie eben nicht wissenschaftlich ist – das ist ein Text nur dann, wenn er auch falsch sein kann. 

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