11. November 2013

In 2573 Tagen um die Welt

Abenteuer pur: Sieben Jahre lang sind Paul Böhlen und Brigitta Jüni Böhlen rund um den Globus gereist. Erst kürzlich sind die beiden heimgekehrt. Reisemüde sind sie nicht – sie würden jederzeit wieder losziehen.

Brigitta Jüni und Paul Böhlen
280'000 Kilometer haben Brigitta Jüni Böhlen und Paul Böhlen zurückgelegt. Ihr Auto wurde speziell für die Reise in unwegsame Gebiete ausgerüstet – verstärktes Fahrwerk, grössere Tanks, und auf dem Dach sind Solarkollektoren montiert.

Einzig die tibetische Gebetsfahne an der Haustüre deutet darauf hin, dass in dem Einfamilienhaus in Illnau ZH Weltenbummler wohnen. Paul Böhlen (68) und Brigitta Jüni Böhlen (50) leben erst seit ein paar Wochen wieder im Zürcher Oberland: Am 3. September 2006 brachen sie mit ihrem Toyota Land Cruiser zu einer Weltreise auf, die über sieben Jahre dauern sollte. Mit dem Fahrzeug, das sie «Mahangu» tauften, bereisten sie 63 Länder und legten dabei 280'000 Kilometer zurück. Mahangu heisst im südlichen Afrika «Nahrung der Einheimischen». Und das Reisen sei, so Pensionär Paul Böhlen, Nahrung gegen das Fernweh.

Das Ehepaar ist schon immer leidenschaftlich gerne gereist. «Reisen ist ein Virus. Bei uns hat sich dieses festgesetzt. Wir haben keine Kinder, wenig Verpflichtungen, und das hat uns bewogen, auf diese Weltreise zu gehen», erklärt Paul Böhlen, der früher eine Werbeagentur leitete. Wie stark die Passion fürs Reisen ist, zeigt die Lebensgeschichte der beiden: Kennengelernt haben sie sich beim Tauchen auf der Karibikinsel Carriacou. Ihre Beziehung festigten sie auf einer Reise durch Australien, bevor sie 2001 in Namibias Hauptstadt Windhoek heirateten. Die Hochzeitsreise führte nach Argentinien und von dort auf einen russischen Eisbrecher in die Antarktis.

Die Vorbereitung auf die Reise dauerte drei Jahre

«Wir waren bereits einmal 18 Monate auf Achse und haben damals gespürt, dass wir lange unterwegs sein können, ohne müde zu werden und uns auf den Wecker zu gehen», sagt Brigitta Jüni. «Auf diese Weltreise nun bereiteten wir uns drei Jahre lang vor.» Sie kündigte ihre Stelle in der Finanzabteilung von Swiss Life, gemeinsamen suchten sie einen Mieter für das Haus und planten eine grobe Route, die auf meteorologische und politische Gegebenheiten Rücksicht nahm. Bei der Wahl des Fahrzeugs stand die Funktionalität im Vordergrund. Der Land Cruiser ist für Reisen in unwegsame Gebiete ausgerüstet, hat ein verstärktes Fahrwerk, einen Tankinhalt von 180 Litern und einen Schnorchel, mit dem Flüsse bis 70 Zentimeter Tiefe befahren werden können. Die Bordküche ist mit einem Zweiflammen-Gasherd ausgerüstet, auf dem Dach hat es zwei Solarkollektoren.

Das Budget der beiden Weltreisenden betrug 45'000 Schweizer Franken pro Jahr. Darin inbegriffen waren AutoService, Ersatzteile und Treibstoff, Essen, Flüge, Verschiffungen, Visa und Eintritte – der Besuch der Gorillas in Ruanda allein kostete 1000 Franken.

280'000 Kilometer legten die Weltenbummler zurück – das bedeutete fünfmaligen Reifenwechsel, viermaligen Wechsel der Autobatterien und etwa 20 Services. Zwischen den Kontinenten wurde das Fahrzeug im Container verschifft. Während Mahangu auf den Ozeanen unterwegs war – von Buenos Aires nach Walfischbai in Namibia dauerte der Transport fünf Wochen –, flogen Brigitta Jüni und Paul Böhlen in die Schweiz, um Familie und Freunde zu besuchen.

«Wenn uns unsere Freunde bitten, über unsere Reiseerlebnisse zu berichten, dann sind wir glattweg überfordert. Wir haben so viel erlebt und wissen gar nicht, wo wir beginnen sollen», meint Brigitta Jüni. Zu den eindrücklichsten Begegnungen gehören sicher jene mit den Gorillas in Uganda oder das Tauchen mit Walhaien in Dschibuti. Doch ebenso wichtig waren die Begegnungen mit Menschen; ganz gleich, ob es ein kirgisischer Schafhirte, ein pakistanischer Politiker oder ein indischer Guru war. All diese Erlebnisse haben die beiden in ihren Reiseberichten festgehalten. Paul Böhlen übernahm das Schreiben, seine Frau steuerte die Bilder bei. «Mit den Reiseberichten haben wir diese lange Reise und die vielen Erlebnisse überhaupt erst verarbeiten können», sagt Paul Böhlen.

Kilometer entfernt wurde Osama Bin Laden getötet

In die brenzligste Situation kamen sie, ohne es zu ahnen: Um auf dem Landweg nach Indien zu gelangen, mussten sie mit Begleitschutz durch Pakistan reisen. Auf dem Weg zurück aus dem Karakorum planten sie, in Abbottabad zu bleiben, entschieden dann jedoch, ein paar Kilometer ausserhalb der Stadt zu übernachten. Am nächsten Morgen sah Paul Böhlen, dass die Einheimischen gebannt auf den TV-Bildschirm in einer Hotellobby starrten. Auf seine Frage, was passiert sei, bekam er die Antwort: «Letzte Nacht haben US-Soldaten Osama Bin Laden in Abbotabad getötet.»

Oft werden die Weltenbummler gefragt, wie sie es auf so engem Raum ausgehalten haben. Das Rezept von Brigitta Jüni: «Gegenseitiger Respekt, und man muss dem anderen Freiraum einräumen. Wenn Paul lesen oder schreiben wollte, dann habe ich ihm Zeit dazu gelassen. Und er liess mir alle Zeit, die ich brauchte, um gute Aufnahmen zu schiessen.» Bei Meinungsverschiedenheiten haben sie diskutiert und sich dabei noch besser kennengelernt. Und jeder hatte seine Aufgabe: Paul Böhlen war Fahrer und Berichterstatter, seine Ehefrau Navigatorin, Fotografin und verantwortlich für die Homepage. Brigitta Jüni war zudem «Bordingenieurin», denn Paul Böhlen, das gibt er unumwunden zu, hat zwei linke Hände. Hilfreich war, dass die Globetrotter Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch und ein paar Brocken Arabisch und Portugiesisch sprechen. Am meisten jedoch, so meint Brigitta Jüni, hätten sie die Zeichensprache gebraucht.

Seit Ende September sind sie wieder in der Schweiz. Schritt für Schritt treten sie in den Alltag ein. «Ich bin glücklich, dass wir gesund zu Hause angekommen sind», sagt Brigitta Jüni. Ihr Mann fügt an: «Eigentlich sind wir noch gar nicht richtig angekommen. Irgendwie kann ich kaum glauben, dass sieben Jahre vorbei und wir schon wieder hier sind.» Aufgefallen ist den beiden bereits, dass der Verkehr in der Schweiz extrem zugenommen hat. Ausserdem haben sie auf ihrer Reise, die sie oft mit Armut und Elend konfrontierte, mehr Abstand zu materiellen Werten bekommen. Jetzt, beim Auspacken von Möbeln und Kleidern, realisieren die beiden, wie viel Überflüssiges sie besitzen. Sie sind daran, Kleider und Möbel auszusortieren – im Reisefahrzeug hatte jeder ein kleines Fach für Kleider zur Verfügung.

Das Fernweh der Globetrotter ist nie gestillt

Auch der Einkauf von Lebensmitteln ist in der Heimat einiges einfacher als auf der Reise: «In der Mongolei waren wir schon froh, wenn wir ein paar schrumpelige Tomaten kaufen konnten.» Am meisten vermisst haben die beiden nebst Familie und Freunden Käse, Brot und Schokolade – «Letzteres gilt vor allem für Paul», meint Brigitta Jüni schmunzelnd.

Für die Globetrotterin geht Anfang Dezember der Arbeitsalltag los. Sie wird wieder für Swiss Life arbeiten und hat dies mit einem Konferenzgespräch von Kirgistan aus organisiert. Paul Böhlen wird sich den Reiseberichten widmen und später vielleicht auch ein Buch
schreiben. Ob nach der langen Reise ihr Fernweh gestillt sei? «Nein», antwortet das Ehepaar. Neugierde und Lust aufs Reisen könne man nie stillen. «Aber jetzt sind wir erst einmal zu Hause und freuen uns auf den Winter, auf gutes Brot, Fondue und das Langlaufen im Zürcher Oberland. Und auf unsere Besucher aus aller Welt», fügt er an. «2014 erhalten wir Besuch aus Südkorea, Japan, Australien und Russland. Dann kommt die Welt quasi zu uns.»

Bilder: Gerry Nitsch

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