08. Oktober 2017

Improvisieren in der Küche

Wie man mit plötzlichen und logistischen Herausforderungen in der Küche umgeht.

Viel Raum für Improvisation ...
Lesezeit 3 Minuten

Ich liebe Inspiration aus Kochbüchern und fernen Ländern. Mich schrecken lange Zutatenlisten nicht ab, und auch stundenlanges Kochen empfinde ich – wenn die Zeit nicht drängt – eher als meditativ. Und erst noch das Einkaufen. Mir ist kein Weg zu lang, um an die Zutaten zu kommen, die ich für ein Rezept benötige. Zumindest in der Stadt, in der ich fast alles zu Fuss oder mit Tram oder Bus erreiche.

Doch seit wir verlängerte Wochenenden in der französischen Provinz verbringen, hat sich einiges geändert. Der nächste Supermarkt ist 15 Kilometer entfernt, und ich muss nicht erwähnen, dass der mit einer gut sortierten MMM-Filiale oder gar der Lebensmittelabteilung eines Globus nicht konkurrieren kann. Ich finde dort eher drei Sorten Hühnerfutter als Zaatar, Ras-el-Hanout und Belugalinsen. Einen Granatapfelessig oder Dattelsirup? Vergiss es. Den bekomme ich selbst in der 23 Kilometer entfernten Kleinstadt kaum.

Als gebürtige Grossstädterin ist mir das Ich geh noch mal schnell etwas einkaufen mit in die Wiege gelegt worden. Der nächste Laden war immer gut zu Fuss zu erreichbar. So war es auch nie ein Problem, etwas, das man vergessen hatte, noch schnell zu holen. Das ist definitiv bei uns nicht möglich. Deshalb bemühe ich mich, möglichst viel von daheim einzupacken. Das gelingt mir nicht immer.

Und als ich neulich beiläufig – natürlich auf dem Rückweg vom Supermarkt – erfuhr, dass am Abend nicht vier, sondern acht Personen am Tisch sitzen würden und am nächsten Morgen Frühstück und Mittag für acht auch hinzukamen, musste ich kühlen Kopf bewahren. Mir kam zugute, dass ich ohnehin für den Freitag ein Schmorgericht hatte, das grosszügig bemessen war und so auch eine ganze Meute glücklich machte. Die Vorsuppe für den nächsten Abend wurde kurzerhand zum Mittagessen, und ich gesellte dazu ein improvisiertes Pull-Apart-Brot – ein Brot zum gemeinsamen Zerzupfen – mit Camembert und Cranberrys.

Ein Gutes hat das Ganze: Meine Improvisationsfähigkeiten nehmen zu, und so schnell bringt mich nichts aus der Ruhe. Der gewünschte frische Fisch ist nicht erhältlich? Egal, es gehen auch TK-Filets einer ähnlichen Fischsorte. Frische Petersilie? Die eigene im Kräutergarten wurde von den Nacktschnecken mindestens ebenso geliebt wie von mir, und wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben: Der Supermarkt hat kein einziges Bund mehr, wenn einem am Samstagnachmittag danach gelüstet.

Und so gern ich auf Wochenmärkten einkaufe: Der nächstgelegene findet nur am Donnerstagvormittag statt. Der Regionalmarkt mit Produkten aus der Region liegt gut 45 Minuten entfernt und findet jeweils am letzten Freitag im Monat statt. Der freundliche Mitarbeiter im Supermarkt vertröstet mich auf Montag. Ich schaue also, was der Kräutergarten und die stark wuchernden Wildkräuter für mich bereithalten. War nicht auch die Gundelrebe als Soldatenpetersilie bekannt? Die haben wir eigentlich glücklicherweise massenhaft im Garten. Nur muss sie sehr vorsichtig dosiert werden und hat mit Petersilie wenig zu tun. Dann vielleicht eher ein paar Blätter Giersch vom Spaziergang mit Gästen.

Und wo wir gerade beim Grünzeug sind: Spinat? Mist, den hatte ich glatt vergessen (auf die Einkaufsliste zu setzen …). Dass der Garten so viele Brennnesseln und auch noch die im Frühsommer gepflanzte Gartenmelde bereithält, ist ein Segen. So können wir zumindest das Spinatproblem lösen. Und die Problematik des frischen Gemüses generell werden wir vielleicht auch dank Garten bald ad acta legen können. Eventuell.
Diese Situationen lehren mich drei Dinge:

1. Ich kann Leser verstehen, die sich über zu bunte Zutatenlisten beschweren und fragen, wo man dieses oder jenes bekomme. Ich mag inzwischen auch Bücher, die mit 3-6 Hauptzutaten auskommen.

2. Ein gut sortierter Vorratsschrank mit vielen Gewürzen, Ölen und Essigen sowie eine Tiefkühltruhe mit tiefgefrorenen Kräutern ist von unschätzbarem Wert und kann so manch fadem Gericht den nötigen Pfiff verleihen. Wir denken über eine Tiefkühltruhe nach, auch wenn die vom CO2-Aspekt her eher verschwendete Energie ist. Wobei: wenn wir stattdessen weniger mit dem Auto zum Einkaufen fahren, gleicht sich das wieder aus.

3. Improvisieren hilft immer. Auch beim Denken. Es trainiert, macht kreativ und führt immer wieder zu erstaunlichen Ergebnissen. Dann funktionieren auch Rezepte aus hippen Szenerestaurants.

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