12. Februar 2018

Immer dieses Edelweiss

Bänz Friedli hat mit der Blume wenig am Hut. Hier kannst du dich mit anderen Lesern austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Edelweiss ...
Lesezeit 2 Minuten

Alpenflair in Südkorea: «Edelweiss» wurde eine Pension in Pyeongchang getauft, unweit davon verheisst ein gelber Wegweiser: «Schweiz 8956 km». Das Edelweiss muss als Symbol des Urschweizerischen herhalten, einmal mehr. Aber habe ich die helvetischste aller Blumen schon mal gesehen? Disteln, ja. Vereinzelte Alpenrosen. Enziane gar. Aber Edelweiss? Zu meinem Bild der Schweiz jedenfalls gehört der pelzige Blumenstern nicht. Eher das Hochhaus Prime Tower, das lotterige Stadion Brügglifeld und die Altstadt von Bellinzona. Die Fussballanlage Hardhof zwischen Autobahn und Kläranlage gehört zu meiner Schweiz, der Crestasee, die Betonsiedlung Tscharnergut. Hundert Lieder von Patent Ochsner, Sina und Adi Stern gehören dazu, alte Sketche von Cés Keiser, neue Pointen von Lara Stoll.

Aber das Edelweiss? Gehört nicht zu meiner Schweiz. Man will es mir nur dauernd weismachen. Auf Guetslipackungen und Sackmessern verspricht es Natürlichkeit und Schweizer Herkunft. Dabei ist nicht einmal sein Name schweizerisch. Er stammt aus dem Zillertal, wo die Pflanze scheints zur Geisteraustreibung verwendet wurde. Besungen wird sie im Erzgebirge und dem Tirol, zu ihren Ehren feiert das Dorf Laruns in den Pyrenäen jeden August ein Fest. Schon deutsche Kaiser vereinnahmten sie, später die Nazis. Edelweiss heisst ein Bier aus dem österreichischen Kaltenhausen, eine bayerische Polizeihelikopterstaffel und ein Volksmusikpreis, der in Berlin an die Kastelruther Spatzen und das Naabtal Duo verliehen wurde, nie an einen Schweizer.

Aber die Schweiz schmückt sich doch von alters her mit dem Edelweiss! Denkt man. Falsch. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der junge Nationalstaat sich eine Identität erfand, tauchte die Blume auf Trachten auf. Und die «Bauernhemden», mit denen nun alle ihre Verbundenheit zur Scholle bezeugen, von der Volksvertreterin bis zum Rapper, von Christa Rigozzi bis Köbi Kuhn – uralt? Mitnichten. Das Blumenmuster auf hell­blauem Grund stellte die Weberei Gugelmann im bernischen Roggwil erstmals in den Seventies her, das erste Bild eines Schwingers im Edelweisshemd stammt von 1978.

Weshalb die erflunkerte Idylle? Warum eine Welt beschwören, die es nicht gibt? Gerade wieder hat ein Musiker aus Brienz eine CD «Schnupf, Schnaps + Edelwyss» getauft und singt darauf, wie er von der Alp heim «zu Frou u Chind» kehrt, wo wir doch wissen, dass er geschieden ist und sich soeben auch von seiner Freundin getrennt hat. Sie können sich die Platte bestimmt via Bordsystem anhören, wenn Sie das nächste Mal mit Edelweiss Air an die Wärme fliegen, auf die Seychellen oder so. Ganz schweizerisch. 

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli

Benutzer-Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

Verwandte Artikel

Festtage: Zeit, sich etwas zu wünschen

Wunschliste

Mehrere Menschen beim Brunch, Teller mit verschiedenen Gerichten

Für mehr Traditionen!

Bänz Friedli

Daddy cool

Ausverkauf (Schaufenster)

Der Lockruf der Läden

Informationen zum Author