17. September 2018

Immer diese Touristen

Bänz Friedli regt sich auf. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Schlafender Tourist in der Rigi-Bahn
Doof sind immer nur die anderen (Touristen)!

Er war doch nicht etwa in der Rigi-Bahn eingenickt, dieser doofe Chinese? Wie habe ich mich diesen Sommer echauffiert angesichts eines Touristen, dem in der ruckelnden Zahnradbahn der Kopf zur Seite gekippt war und der nun mit der Schläfe am Fensterglas vor sich hinpennte. Bestimmt bist du ihnen auch schon begegnet: den Reisenden, die dösend in unseren Postautos und Bergbahnen hängen und in Gipfelrestaurants schon über der Vorspeise wegschlummern. Da fahren sie um die halbe Welt – und dann verschlafen sie doch tatsächlich die atemberaubende Aussicht! Es darf nicht wahr sein.

Ob ihre Müdigkeit der Höhe, der Hitze oder den Reisestrapazen geschuldet ist, wissen wir nicht. Wir denken einfach: Spinner! Aber vielleicht ist das ein bisschen vorschnell. Wenn wir uns über lärmende Jugendliche im Bus ärgern – «Die heutige Jugend!» –, sollten wir dann nicht kurz überlegen, wie wir denn so waren, mit 15? Der Junkie, der oft durchs 14-er-Tram taumelt und «Häsch mr zwäi Stutz?» brabbelt: Er nervt. Aber kenne ich seine Geschichte? Habe ich eine Ahnung, weshalb er so tief gefallen ist? Das klingt nun etwas moralisch, ich weiss. Und ich kann nicht versprechen, dass es mir gelingt. Aber es wäre einen Versuch wert, uns beim nächsten Mal in den anderen hineinzuversetzen, ehe wir ihn verurteilen. Ein Freund von mir fand dafür mal die hübsche Formel: «Jedes Mal, wenn wir auf jemanden zugehen, den wir sowieso für ein Arschloch halten, könnten wir uns doch innerlich sagen: Vielleicht ist er kein Arschloch.»

Nicht, dass mir all dies sofort eingefallen wäre, als ich mich über den Fremden in der Rigi-Bahn aufregte. Zunächst regte ich mich einfach tüchtig auf. Später erst musste ich an das Bleichgesicht mit dem Rossschwanz denken, diesen Lulatsch mit dem schweren schwarzen Rucksack, der vor vielen, vielen Jahren auf der indonesischen Insel Java die ganze Fahrt in einem Überlandbus verschlief. Stundenlang. Der Weg führte durch tropische Wälder und Hügellandschaften, vorbei an Reisfeldern, Tempeln und Wasserfällen. Es war, als führe man durch einen Tunnel aus üppigem Grün. Unbeschreiblich.

Doch die lange Anreise, all die Eindrücke, die unbekannten Gesichter, Gerüche und Geräusche, der beschwerliche Aufstieg zum Kraterrand des Vulkans am Vortag – all das musste ihn so erschöpft haben, dass er ob des monotonen Ratterns des Gefährts in einen tiefen Schlaf verfiel. Meine Frau schildert mir den Pflanzen- und Blütenzauber noch heute in den schönsten Farben. Der Lulatsch war ich.

Bänz Friedli und Thomas C. Breuer live: 19.  September Dübendorf ZH, 29.  September Braunwald GL

Die Hörkolumne (MP3-Format)

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