14. Oktober 2019

Imaginärer Hausbesitzer

Bänz Friedli (54) träumt von einem Haus am See. Hier kannst du dich mit dem Kolumnisten und seinen Leser*innen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Am See

«Stellen Sie sich ein Haus am See vor!», forderte der Dichter uns Zuhörende auf. Vorigen Samstag wars, an einer Lesung. «Alle haben in ihrer Vorstellung ein Haus am See», ergänzte er. Und ging dann weiter in seinem Text. Unsinn, dachte ich noch, ich habe doch kein … Und stand doch gedanklich schon ein bisschen an jener Böschung mit dem spätsommerblassen Gras, zwischen kantigen Steinbrocken, hinter mir die Feuerstelle, das Haus – und unten der See. «Stellen Sie sich vor, wie Sie nun auf feinen Kieseln am Ufer liegen und auf den See hinausschauen», fuhr der Schriftsteller fort, «stellen Sie sich den Sonnenstand am frühen Nachmittag vor …» Und schon war ich mittendrin.

Pastellgrün die Wasseroberfläche, breit und ruhig liegt er vor mir da, der See. Das Ufer rundum bewaldet in allen Farben, milchiges Licht verzaubert die Szenerie. «Sie kommen gerade vom Brunch», höre ich den jungen Dichter sagen. Woher weiss der das? Stimmt! Die grosse Veranda, der lange Tisch, darauf ein Pott rabenschwarzer Kaffee, Spiegeleier, gebratener Speck, Früchte und sogar – es ist die Spezialität der Region – Hummersalat. Schiere Ruhe, pures Glück. Und nicht irgendein See ist es, glauben Sie mir, sondern der schönste See der Welt. Eichhörnchen turnen wuselig herum, kraxeln Fichtenstämme empor und wieder herab. Welkes Schilfgras wogt im Wind, zuweilen stapft ein Elch durchs Watt, und von ihm, dem Elch, hat der See auch seinen Namen: Moosehead Lake.

Das Haus gibt es. Schlank ist es auf einer Lichtung in den Hang gefügt, vollends hölzern. Wenn die Nächte kälter werden, knarren die Balken, und wenn es regnet, trommeln die Tropfen aufs Dach. Manchmal bellt fern ein Hund. Ansonsten: Stille. Als wir dort nächtigten, stand es zum Verkauf, und zwar – die Immobilienkrise war gerade über das Land hereingebrochen – zu einem Spottpreis. Dieser wunderbare Rückzugsort war einfach so zu haben! Ein kleines Paradies. «Sehen Sie?», wiederholt der Schriftsteller, «Sie haben ein Haus am See.» Wie seine Geschichte ausgegangen ist, weiss ich nicht. Ich war zu sehr mit meinem Haus beschäftigt.

Ja, ich habe ein Haus am See. Aber nur in meiner Vorstellung. Vermutlich hätte ich es hinbekommen, damals. Ich hätte Erspartes zusammengekratzt, Freunde hätten mir ausgeholfen, wie auch immer. Es wäre zu machen gewesen. Aber ich habe das Haus nicht gekauft. Seither ist es stets aufs Neue traumhaft schön, dorthin zurückzukehren, gerade auch winters, wenn der Schnee sich meterhoch türmt – wohlig zurückzukehren, sich zu freuen und zu staunen, was die Vorstellung vermag.

Bänz Friedli live: 20. 10., Langnau i. E., «Kupferschmiede»

Die Hörkolumne (MP3)

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