19. Januar 2018

Im Zivildienst des Vaterlandes

Immer mehr Männer wollen lieber Zivildienst leisten, als zum Militär zu gehen. 6785 neue Zivis wurden im vergangenen Jahr zugelassen – seit Jahren steigt die Zahl. Der Bundesrat will mit einer Gesetzesrevision dagegen halten. Das Interview mit dem Leiter des Zivildienstes.

Zivi
Zivis helfen zum Beispiel im Schulzimmer aus – und unterstützen dabei Kinder und Lehrer.
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Ob im Altersheim oder auf der Alp: Täglich sind im Land junge Männer als sogenannte Zivis im Einsatz. Sie haben alle unterschrieben, dass ein Militärdienst nicht mit ihrem Gewissen vereinbar ist. Deshalb setzen sie sich auf andere Weise für die Gesellschaft ein.

Was spricht (oder sprach) für dich für den Zivildienst?

Die Dauer des Zivildiensts beträgt das Anderthalbfache des theoretisch noch zu leistenden Militärdiensts. Vom Jahr 2011 bis ins Jahr 2017 sind die Zulassungen zum Zivildienst von 4670 auf 6785 gestiegen. Gegen diesen Trend will der Bundesrat mit einer Revision des Zivildienstgesetzes vorgehen. Vor allem für die Männer, die nach abgeschlossener Rekrutenschule zum Zivildienst wechseln wollen, soll der Zugang erschwert werden, zum Beispiel mit einer Wartefrist von einem Jahr. Zudem soll es eine Mindestanzahl von 150 zu leistenden Diensttagen geben.

Mehr Männer für die Armee
Die Massnahmen sollen dazu führen, dass wieder mehr Männer der Armee zur Verfügung stehen. Denn im Gegensatz zum Zivildienst hat sie mit zu wenigen Soldaten zu kämpfen. Vonseiten des Militärs hat man eine Idee, weshalb viele Männer zum Zivildienst wechseln. «Einzelne Befragungen bei den jungen Leuten weisen darauf hin, dass es ihnen in erster Linie um die Flexibilität und persönliche Aspekte geht», sagt Armeesprecher Daniel Reist. «Sie schlafen in der Regel zu Hause und haben fixe Arbeitszeiten. Das ist in der Armee anders.»

Zivildienstleiter Christoph Hartmann erklärt im Interview, warum es möglich sei, dass viele Männer erst nach der Rekrutenschule Gewissensbisse haben.

Aufhören, Armee und Zivildienst gegeneinander auszuspielen

Christoph Hartmann (50) leitet den Zivildienst.

Wie erklären Sie sich den stetigen Anstieg der Zivildienstleistenden?

Je mehr Männer sich für den Zivildienst entschieden haben, desto mehr erfahren andere davon. Der Zivildienst ist mittlerweile Teil der Schweizer Landschaft geworden.

Und wird von vielen als attraktiver empfunden als die Armee. Warum?

Letztlich wissen wir das nicht ganz genau. Ein Grund mag sein, dass sich die Männer ihre Einsätze grösstenteils selber aussuchen können. Sie haben Einfluss darauf, wann und wo sie ihren Dienst leisten. Es sind also die Bedingungen, die attraktiv sind.

Zu attraktiv?

Das ist schwierig zu sagen. Die Frage ist immer, womit man vergleicht. Offenbar ist der Zivildienst genügend attraktiv, dass junge Männer, die aus Gewissensgründen nicht Militärdienst leisten können, bereit sind, trotzdem einen persönlichen Dienst zu leisten. Obwohl dieser eineinhalb Mal länger dauert als in der Armee.

Wollen diese Männer nicht viel eher einfach die Armee umgehen?

Wir stellen fest, dass bei vielen die Wahrnehmung da ist, frei wählen zu können, und man so zum Beispiel auch nach der Rekrutenschule zum Zivildienst wechselt. Der Bundesrat will mit einer Gesetzesrevision klarstellen, dass das keine freie Wahl ist. Es muss ein Gewissenskonflikt da sein. Bei der Revision geht es deshalb auch darum, den Wechsel nach abgeschlossener Rekrutenschule zum Zivildienst schwieriger zu machen.

Knapp 40 Prozent der Gesuchsteller haben die Rekrutenschule absolviert. Ist es realistisch, dass derart viele Männer plötzlich in einen Gewissenskonflikt geraten?

Das wissen wir nicht. Früher mussten die Männer sich vor einer Kommission erklären. Seit 2009 reicht es, den Gewissenskonflikt durch eine Unterschrift zu bezeugen und den Tatbeweis zu erbringen: Die Männer leisten bei uns mehr Diensttage als in der Armee und beweisen damit, dass es ihnen ernst ist. Ob alle tatsächlich einen Gewissenskonflikt haben, können wir nicht wissen. Denn wo fängt ein solcher an und wo hört er auf? Es ist daher auch schwierig zu beurteilen, ob jemand wirklich keinen Konflikt hat

Die Vermutung, dass es so ist, liegt nahe.

Ich habe lange beim IKRK gearbeitet. Im Ausland bin ich erfahrenen Berufsmilitärleuten begegnet, die einen schweren Fall erlebt haben – und dann merkten, dass sie keinen Militärdienst mehr leisten können. Über einen Gewissenskonflikt entscheiden wir nicht nur ein Mal im Leben. Wenn jemand zum Beispiel Vater wird, können sich seine Überzeugungen ändern.

Der Wechsel nach der RS soll also weiterhin möglich bleiben.

Genau. Am Grundsatz, dass Schweizer Männer Militärdienst leisten und bei einem Gewissenskonflikt zu einem zivilen Ersatzdienst Zugang haben, ändert sich auch mit einem neuen Gesetz nichts. Diese Tür soll offen gelassen werden, aber der Einsatz soll höher werden. Es geht darum, die Wahrnehmung wieder zu verändern.

Waren Sie selber im Militär?

Ja, ich war Oberleutnant. Von dieser Ausbildung habe ich profitiert. Ich achte die Armee und den Zivildienst sehr. Wir sollten aufhören, beide Institutionen gegeneinander auszuspielen. Schliesslich haben wir dasselbe Ziel: dass junge Männer einen persönlichen Dienst am Land leisten. Und nicht einfach den «blauen Weg» wählen, also Ersatzabgaben bezahlen.

Werden weiterhin immer mehr junge Männer den Zivildienst wählen?

Eine sichere Prognose ist nicht möglich. Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahlen weiter steigen. Darum hat der Bundesrat beschlossen, Massnahmen zu ergreifen. Auch die Armee führt Neuerungen ein, sie wird flexibler und damit attraktiver. MM

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