06. September 2018

Im Wallis auf Kräuterpirsch

Unterwegs im grössten Paradies für seltene Pflanzen: Auf der Kräuterwanderung hoch über Saas Almagell VS ist zu erfahren, was gut riecht, toll schmeckt und wovon man lieber die Finger lässt.

Das Schmalblättrige Weidenröschen ziert die Ufer des Mattmarksees.
Das Schmalblättrige Weidenröschen ziert die Ufer des Mattmarksees.
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Warum duftet diese Blume, stinkt dieses Kraut? Darf ich die Pflanze pflücken, ohne ihren Bestand zu gefährden? Und schmeckt sie sogar? Oder wird sie mich umbringen, wenn ich sie zu Salat verarbeite? Fragen über ­Fragen begleiten den Wanderer, wenn er die Augen offen und die Nase auf Empfang hat.

Auch die Gruppe, die sich an einem kühlen Spätsommertag am Mattmarksee hoch über Saas Almagell VS auf den Weg macht, hat Fragen zu den Blumen, Kräutern und Gräsern am Wegesrand. Als privater Guide dabei: Reto Nyffeler (52), Botaniker an der Uni­versität Zürich, die mit vier Millionen Objekten eins der grössten Herbarien der Welt beherbergt. Nyffeler hat an dem soeben erschienenen Buch «Von Alpenblumen und Menschen» mitgearbeitet (siehe Box unten) und kann zu jedem Kraut Auskunft geben, das im Saastal wächst. Die hübschen pinkfarbenen Blüemli etwa, die sich apart vom Silbergrün des Bergsees abheben. Bestimmt eine absolute Rarität, vermutet die Wandergruppe, etwas, das es nur auf dieser Höhe über 2000 Metern gibt, oder? Nach ausgiebigem kollektivem Bewundern der Blumen klärt der Botaniker auf: Es ist ein Weidenröschen. Wächst auch im Unterland und breitet sich sehr effizient aus.

Erkennen kann lebensrettend sein

Rosenwurz
Es gibt Rosenwurz zu entdecken, in der Naturheilkunde bekannt als «Antistresspflanze».

Etwas ernüchtert bewegen sich die Wanderer zum nächsten Gewächs, immerhin diesmal eine echte ­Seltenheit, nämlich ein Purpur-Enzian. Dieses Exemplar ist bereits verblüht, aber es verströmt immer noch einen zarten Duft.

Im Schneckentempo und mit geschärftem Blick gehts weiter auf dem schmalen Pfad zwischen See und Felswand, mit Halt beim tödlichen Germer, dem leuchtend gelben Steinbrech, der grünen Wolfsmilch, der zierlichen Glockenblume – mal ausgeschnitten, mal bärtig – und bei vielen weissen Blümchen, die auf den ersten Blick alle gleich aussehen und sich dann als komplett verschiedene Arten entpuppen: als Augentrost etwa, Sumpfherzblatt, Labkraut oder als Moschus-Schafgarbe, dem Kraut, aus dem der Engadiner Kräuterlikör Iva hergestellt wird.

Das richtige Bestimmen der Funde ist zuweilen lebensrettend. Gudrun Turner (63), Wanderführerin im Prättigau GR (siehe nächste Box) erinnert sich lebhaft an die afrikanische Touristin, die auf einer Kräutertour bei den Preiselbeeren nicht genau zuhörte und tags darauf auf einer unbegleiteten Bergwanderung von den giftigen Früchten des Seidelbastes naschte – im festen Glauben, es handle sich um Preiselbeeren.

Echter Seidelbast
Schon wenige Früchte des Echten Seidelbastes können tödlich sein.

Sie konnte in letzter Minute vor einer schweren Vergiftung bewahrt werden. Unvergessen auch ein Freund Turners, der ein Meer von Pflanzen in den Garten setzte und dabei Maiglöggli mit Bärlauch verwechselte. «Der Kollege lebt nicht mehr», sagt Turner. Fügt dann aber lachend hinzu: nicht wegen der Pflanzen! Er hatte zum Glück Bärlauch für Maiglöggli gehalten und nicht umgekehrt.

Kräuter für Bonbons

Maiglöggli sind am Mattmarksee nicht zu sichten. Dafür gibt es nirgends in der Schweiz so viele seltene Pflanzen wie hier und im Mattertal. Ausserdem kommen 80 Prozent aller heimischen Wildkräuter im Wallis vor. Darum baut auch Bonbonproduzent Ricola seine Kräuter hier an.

Als die Wanderer sich auf den Heimweg machen, steckt in der einen oder anderen Hand ein Blümlein. Das ist erlaubt, erklärt Botaniker Reto Nyffeler: Ausser von geschützten Pflanzen darf man von jeder ein wenig pflücken. Die Faustregel: nur eines von 25 der gleichen Population nehmen. Den Rest bitte stehen lassen.

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