03. Januar 2018

Im «Tandem» fast eine Familie

Was früher selbstverständlich war, ist heute Pionierarbeit: Kinder, Betagte und Beeinträchtigte verbringen ihre Tage gemeinsam. Zum Beispiel im «Tandem» im zürcherischen Bülach. Eine noch rare Betreuungsform.

ältere Beeinträchtigte und Kinder
Wenn ältere Beeinträchtigte und Kinder gemeinsam Tage verbringen, profitieren alle.
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Sienna ist heute eine Prinzessin und hat gerade einen Fischotter geboren. Im Gumpi-Zimmer der zwei miteinander verbundenen Parterrewohnungen in Bülach ZH spielen Sienna (4), Aliyah (4) und Ronja (2) Familie. Innerhalb von drei Stunden werden noch ein Löwe und ein Rentier geboren. Den Stofftieren ziehen die Mädchen Windeln an und geben ihnen den Schoppen.

Wie jeder Tag in der Tagesbetreuung Tandem hat auch dieser mit Singen im Kreis begonnen. Danach durften die Kinder entscheiden, was sie spielen möchten. Heute ist auch Herbert Schwaninger hier. Der 74-Jährige sitzt im Rollstuhl und kommt jeden Donnerstag. Dann kann seine Frau, die ihn sonst pflegt, für einen Tag ihre Kräfte schonen. Der Senior lässt sich an den Basteltisch schieben, lacht und sagt zur Betreuerin: «Sie müssen in die Fahrschule für den Rollstuhl.» Das Manövrieren ist gar nicht so einfach, denn die Kinder springen herum und setzen sich dann auf die Bank am Tisch, wo Zopfbrötchen für den Zvieri gemacht werden.

Sie müssen in die Fahrschule für den Rollstuhl.

Herbert Schwaninger ist nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt und kann nur mit einer Hand den Teig kneten. Ronja, die neben ihm sitzt, macht es ihm nach, obwohl sie zwei gesunde Hände hat. Gemeinsam amüsieren sie sich über die Form ihres Gebäcks: Was für Herbert Schwaninger eindeutig ein Gipfeli ist, ist für Ronja ein Regenbogen.

Für viele Kinder sind die Senioren im «Tandem» Ersatzgrosseltern. Etwa für Aliyah – ihre Grosseltern leben in Italien. Aliyah spaziert nicht gern, drum darf sie sich auf die Knie von Herbert Schwaninger setzen und im Rollstuhl mitfahren, wenn sie draussen sind. Mit einer älteren Frau, die das «Tandem» früher besucht hatte, schaute sich Aliyah Bilderbücher an. Ohne zu reden, weil die Frau gar nicht mehr sprach – was Aliyah überhaupt nicht irritierte. «Sie ist jetzt ­gestorben», erklärt das Mädchen und spielt mit Sienna und Ronja weiter Familie.

Noch nicht selbsttragend

In Bülach gibt es Platz für zwölf Kinder und fünf Senioren. Doch nach vier Jahren ist die Institution noch nicht ausgelastet und daher nicht selbsttragend, sondern auf den Trägerverein angewiesen. «Wir sind aber überzeugt, dass sich dieses Modell eines Tages rechnet», sagt «Tandem»-Initiantin und -Leiterin Ruth Sarasin. «Vorausgesetzt, dass sich Krankenkassen und Gemeinden finanziell beteiligen.» Zurzeit müssen die Angehörigen der älteren Menschen den Aufenthalt selber bezahlen.

Für die Betagten schliesst das «Tandem» eine entscheidende Lücke. Denn oft werden ältere Menschen zu Hause betreut und gepflegt, bis es nicht mehr geht und die nächste – und meist ­letzte – Station das Pflegeheim ist. Ältere Menschen kommen für einen, zwei oder drei Tage ins «Tandem», die Angehörigen werden entlastet und können sich so zu Hause länger und nachhaltiger um die Pflegebedürftigen kümmern.

Voraussetzung ist, dass sich Krankenkassen und Gemeinden finanziell beteiligen.

Das «Tandem»-Team setzt auf die Aktivierung und die essenzielle Reizstimulierung alter Menschen. Die Kleinen ihrerseits lernen schon früh und auf natürliche Art, mit den Einschränkungen anderer Menschen umzugehen. Das erhöht die Sozialkompetenz der Kinder. Und ganz nebenbei geniessen sie es, dass da Menschen sind, die Zeit haben, um ihnen Geschichten zu erzählen oder mit ihnen zu spielen. Die jüngeren gewinnen zwar meist, aber die älteren Menschen bleiben geistig fit.

Was die «Tandem»-Mitarbeiter leisten, ist Pionierarbeit. Leider fehlt es noch an Nachahmern in der Schweiz. «Es gibt viele Interessierte, aber bisher wenige, die sich an ein solches Projekt wagen», sagt Ruth Sarasin. «Wahrscheinlich scheut man den Aufwand.» Es brauche Fachpersonen für zwei Generationenbereiche und genügend Geld für eine grosszügige Wohnung. «Wir haben eine Krippenbewilligung, für den Seniorenbereich gibt es eine solche aber noch nicht», so Sarasin. Für dieses Betreuungsmodell gebe es noch keine Richtlinien.

Alles wird gemeinsam gemacht

Neben den Kindern und den Senioren profitiert auch das Personal: «Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen in zwei Bereichen arbeiten», erklärt Sarasin. «Die Kleinkindererzieherinnen kümmern sich auch um ältere Menschen, und die Pflegefachfrauen spielen mit den Kindern in der Puppenecke. Das macht ihre Arbeit spannend.»

Um 11.30 Uhr gibt es Hörnli mit Apfelmus für die Kinder und Riz Casimir für die Erwachsenen. Herbert Schwaninger strahlt: «Ich freue mich, dass ich miterleben darf, wie die Kinder wachsen.» Ob es ihm nicht zu laut sei zwischen den kleinen Rabauken? «Nein, nein!», winkt er ab, «bei mir zu Hause ist es dann wieder still genug.»

Nach dem Essen wird ein Wagen mit Zahnbürsten und -bechern zu den Tischen gebracht. Gemeinsam putzen alle ihre Zähne. Herbert Schwaninger hilft Aliyha. Als alle Kinder bereits in den Bettchen für den Mittagsschlaf liegen, wird er für die Mittagsruhe in eines der Spitalbetten gelegt.

Spielen, essen und backen
Spielen, essen und backen: Das ist anstrengend, macht aber auch Spass.

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