17. November 2017

Walter Pfeiffer hat die Schönheit im Sucher

Mit Bildern von hübschen Jungs fing in den 70er-Jahren alles an. Heute arbeitet Walter Pfeiffer als Starfotograf für die bedeutendsten Modemagazine der Welt. Wie es dazu kam, erzählt der Dokumentarfilm «Walter Pfeiffer – Chasing Beauty».

Suchend schaut Walter Pfeiffer sich um: «Wo sind die Bubis?» Der 71-Jährige ist bereit für das Fotoshooting, aber die beiden Models sitzen nicht mehr auf ihrer Couch. Schliesslich findet er sie beim Rauchen draussen vor der Tür.

Die attraktiven jungen Männer kommen eilig rein und ziehen sich auf Pfeiffers Bitte hin ohne Zögern bis auf die Unterhosen aus. Um die wohlgeformten, athletischen Körper drapieren Assistenten ein paar Stoffe, die ein wenig verhüllen, aber nicht zu viel. Dann kommt Pfeiffer, knipst, charmiert mit den Jungs, knipst – es ist ganz locker und geht ziemlich schnell.

Walter Pfeiffer bereitet das Foto-Shooting mit den Models Nicola Troxler (links) und Raphael Maz Niño vor.

«Mit einem so berühmten Fotografen zu arbeiten, ist eine Ehre», sagt Raphael Maz Niño (20) später, als die beiden Models wieder angezogen sind. Sie hätten erst einen Tag zuvor von ihrer Agentur One Time Management vom Auftrag erfahren und dann quasi «über Nacht realisiert, wer er wirklich ist», erzählt Nicola Troxler (19).

Beide betrachten es als Kompliment, für die Fotos ausgewählt worden zu sein. «Und er ist auch total locker und herzlich mit uns; es geht nicht nur um unser Aussehen», sagt Nicola. Überhaupt: Solange alles professionell bleibt und klar ist, wo die Bilder landen, wären sie auch bereit, sämtliche Hüllen fallen zu lassen – wie einst einige ihrer Vorgänger bei Walter Pfeiffer.

Gerade genug Geld für Katzenfutter

Damals war Walter Pfeiffer mit seinen Fotos nur einem kleinen Kreis bekannt und lebte von der Hand in den Mund. «Ich hatte gerade genug Geld, um Futter für meine Katzen kaufen zu können, mehr lag nicht drin.» Nach einer Lehre als Dekorateur arbeitete Pfeiffer als freischaffender Illustrator, Plakatgestalter und Künstler. Daneben begann er ab 1972 zu fotografieren – und dies bald so erfolgreich, dass seine künstlerischen Fotos von starken, schönen Frauen und attraktiven jungen Männern schon bald in Magazinen und Büchern, später auch in Kunstausstellungen gezeigt wurden.

Pfeiffers Porträt von Gus Wüstemann, früher Fotomodel, heute Architekt (Filmausschnitt; aus dem Bildband «Welcome Aboard. Photographs 1980–2000», Edition Patrick Frey, 2001)

Von 1974 bis 1976 unterhielt er auf einem Stockwerk einer halb zerfallenen Jugendstilvilla ein offenes Haus, in dem eine ähnliche Atmosphäre herrschte wie in Andy Warhols berühmter Factory in New York. Mitte der 80er-Jahre begab er sich für eine Ausstellung in der Kunsthalle Basel auf die Suche nach dem Ideal männlicher Schönheit und fotografierte die Gesichter von Hunterten junger Männer in Zürich und Paris.

Die Models zu finden, war nicht immer leicht. «Ich fragte nie selbst, dafür bin ich viel zu schüchtern. Ausserdem mag ich es gar nicht, abgewiesen zu werden.» Stattdessen war er mit Freunden unterwegs, die für ihn fragten. Und machte einer mit, erzählte der oft im Kollegenkreis weiter, dass da einer war, der coole Fotos schoss: Plötzlich hatte Pfeiffer eine ganze Schar für seine Kamera.

Dem Regisseur Iwan Schumacher (70) ist es gelungen, ein paar dieser Models vor die Kamera zu bringen und sie in seinem Dokumentarfilm «Walter Pfeiffer – Chasing Beauty» erzählen zu lassen, wie das damals war. Fast alle waren heterosexuell. «Aber das war kein Problem», erzählt eins der damaligen Models, «denn Walter wahrte immer professionelle Distanz.»

War es leicht angesichts so vieler halb bis ganz nackter attraktiver Jungs? «Nein», sagt Walter Pfeiffer und lacht. «Aber es war notwendig, um gute Arbeit zu leisten.» Zudem hätte er ja bei den meisten ohnehin keine Chance gehabt. Sein Privatleben sei generell nicht besonders interessant, erklärt er. Er lässt sich aber immerhin entlocken, dass es langjährige Beziehungen oder eine grosse Liebe nie gegeben habe. «Leider. Aber das kommt vielleicht noch.»

In den späten 80er-Jahren zog Walter Pfeiffer sich aus dem Rummel um seine Fotos und Ausstellungen zurück, fokussierte aufs Zeichnen und Malen und auf seine Lehrtätigkeit an der F+F, der Schule für Kunst und Design in Zürich.

Erfolg dank Wandel des Zeitgeists

Dass sein Leben sich im Alter nochmals derart änderte, kam auch für ihn überraschend. Der Verleger Patrick Frey überredete ihn, ein Buch mit seinen fotografischen Werken von 1980 bis 2000 herauszugeben. Danach kamen allmählich die ersten Aufträge.

«Es passierte nicht auf einen Schlag, wurde aber nach und nach immer mehr.» Und seit er von der US-Agentur Art + Commerce vertreten wird, reissen sich internationale Mode­magazine und -labels um ihn. Anfang Jahr erhielt er von der Photo 17 in Zürich den Lifetime Award. «Ich mache nichts anderes als früher», sagt Pfeiffer, «aber der Zeitgeist hat sich verändert – plötzlich ist diese künstlerische Art der Fotografie populär.»

«Umbrella»: Walter Pfeiffers Inszenierung für eine Kampagne von Fogal, aufgenommen in Sorrento, Italien, im Sommer 2013. (Filmausschnitt)

Die «NZZ» vermutete in einem Porträt über ihn, dass er als Modefotograf so gefragt sei, weil er die perfekte Oberfläche unterlaufe, indem er etwas unbeschwert Alltägliches einbaue, das die üblichen exaltierten Supermodelinszenierungen vermissen liessen. Pfeiffer hört sich das an, nickt und sagt: «Ich will einfach Spass haben am Set. Die Models müssen gut aussehen, klar, aber das reicht nicht. Es sollte inspirierend sein, ­damit der Funke überspringt – so entstehen gute Bilder, glaube ich.»

Vor zwei Jahren meldete sich die Migros bei ihm und fragte, ob er nicht einen Papiersack für sie designen würde. «Das hatte ich ihnen schon früher mal angeboten, als ich das Geld wirklich sehr gut hätte brauchen können. Aber damals wollten sie nicht.» Seine Migros-Künstlertragtasche gilt heute als Sammlerstück, signierte Exemplare gibt es noch im Webshop des Migros-Museums für Gegenwartskunst .

Pfeiffer-Design für die Migros-Tragtasche.

Heute führt der 71-Jährige ein Jetsetleben, verbringt mal eine Woche in Mailand, mal eine in New York, residiert in Erstklasshotels und fotografiert berühmte Models für grosse Namen. Anders als früher aber verbringt er ab und zu eine schlaflose Nacht. «Vor dem ersten Tag eines grossen Fotoshootings habe ich Lampenfieber. An mir hängt so viel, dass ich sehr nervös bin und mich frage, ob wirklich alles gut geht. Man ist in diesem Job immer nur so gut wie die letzte abgelieferte Arbeit.» Bisher sei aber noch nie etwas schiefgegangen.

Manchmal wird es zu viel

Auch wenn es ihm heute finanziell besser geht: «Ich lebe immer noch relativ bescheiden. Wenn ich zu Hause in Zürich bin, koche ich immer selbst für mich, eine alte Gewohnheit von früher, als ich noch jeden Rappen umdrehen musste.» Anders als damals hat er heute jedoch weder Katzen noch Pflanzen, «dafür bin ich einfach zu oft unterwegs».

Pfeiffer ist heute auf der ganzen Welt unterwegs, lebt aber noch immer ganz bescheiden in seiner Zürcher Wohnung.

Manchmal wird es ihm auch ein bisschen zu viel. «Ich bin halt nicht mehr 40.» Kürzlich hat er eine grosse Kampagne abgelehnt, weil es ihm neben allem anderen zu stressig geworden wäre. Gleichzeitig geniesst er sein Leben und den späten Ruhm in vollen Zügen. Dazu gehört auch weiterhin das Fotografieren von attraktiven Jungs, die er übrigens konsequent «Bubis» nennt: «Eine Freundin sagte früher mal zu mir: ‹Ach, du immer mit deinen Bubis!›. Da dachte ich: Jetzt erst recht. Und so nenne ich sie nun also bis heute.»

«Walter Pfeiffer – Chasing Beauty»: ab 23. November im Kino

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