12. September 2019

Im Rennen um einen Emmy

Die Emmys sind für die TV-Welt, was die Oscars fürs Kino sind. In der Nacht auf den 23. September darf die Schweiz mitfiebern: Die Zürcher Regisseurin Lisa Brühlmann ist für eine Folge der coolen US-Thrillerserie «Killing Eve» nominiert.

Lisa Brühlmann
Nach dem Schweizer Filmpreis bald auch einen Emmy? Regisseurin Lisa Brühlmann in Zürich. (Bild: Olivia Pulver)
Lesezeit 4 Minuten

Die Serientitel von Lisa Brühlmanns Konkurrenz in der Kategorie «Beste Regie, Drama» zeigen eindrücklich, in welcher Liga die 38-jährige Schweizerin mitspielt: «Game of Thrones » und «The Handmaid’s Tale» , zwei der erfolgreichsten und renommiertesten TV-Serien der vergangenen Jahre. Serien zudem, die Brühlmann selbst schaut und grossartig findet. Dennoch glaubt sie, dass sie eine Chance hat, die begehrte Trophäe für «Killing Eve» nach Hause zu bringen. «Es ist völlig unberechenbar, umso mehr als alle diese Serien ja in diversen Kategorien nominiert sind.»

So wird sie also am Sonntagabend vorbereitet im Microsoft Theatre in Los Angeles sitzen, in einem Kleid von Modissa und mit einer Rede in der Tasche, just in case. «Aber auch falls ich nicht gewinne, wird das ein Erlebnis sein – ich bin zum ersten Mal an einer solchen Gala.»

Theoretisch könnte sie im Vorfeld bei den Juroren der Academy of Television Arts & Sciences noch für sich werben, doch davon haben ihre Agenten abgeraten. «Das sei nicht nötig, die entscheidenden Leute hätten schon alles, was sie bräuchten, hiess es.» Abgesehen davon hat sie ohnehin keine Zeit, denn derzeit dreht sie in Boston für die letzte Folge der zweiten Staffel von «Castle Rock» , einer von Gruselautor Stephen King inspirierten Serie. Eine Episode von «Servant», der neuen Serie des US-Thrillerspezialisten M. Night Shyamalan, hat sie schon früher in diesem Jahr abgedreht.

Erfolg dank «Blue my Mind»

Dass die Zürcherin in der US-Serienwelt plötzlich so gefragt ist, hat sie «Blue my Mind» zu verdanken, ihrem ersten richtigen Spielfilm, mit dem sie nicht nur den Schweizer Filmpreis 2018 gewonnen hatte, sondern auch auf internationalen Festivals Furore machte. «Dadurch ist eine Agentin auf mich aufmerksam geworden, über die nun diese Serienprojekte zu mir kommen.»

Die Anfrage der Produzenten von «Killing Eve» war die erste, und Lisa Brühlmann musste sich zunächst die erste Staffel anschauen, um sich zu entscheiden. «Ich bekomme viele Angebote und sage oft Nein, das Projekt muss wirklich zu mir passen.» Denn jeder Film und jede Serienepisode sind Referenzen. «Man ist immer nur so gut wie das letzte Projekt, deshalb ist es so wichtig, sorgsam auszuwählen, was man macht.»

Im Zentrum von «Killing Eve» stehen zwei Frauen, die ruchlose, kreative Serienkillerin Villanelle (Jodie Comer) und die clevere MI5-Agentin Eve Polastri (Sandra Oh), die die Killerin eigentlich jagen sollte, doch zunehmend von ihr fasziniert ist, was dieser nicht verborgen bleibt.

Plötzlich mit echten Stars auf dem Set

Brühlmann wurde im Spätsommer 2018 für zwei Episoden der zweiten Staffel angefragt, einen Monat später stand sie bereits auf dem Set. Zu Beginn sei sie nervös gewesen, plötzlich Stars wie Sandra Oh oder Fiona Shaw (Eve Polastris Chefin) zu dirigieren. «Aber sie waren sehr nett, und nach ein paar Tagen fühlte es sich ganz normal an, mit ihnen zu arbeiten.»

Meistens haben Gastregisseure einer Serie keinen allzu grossen Spielraum, noch kreativ einzugreifen. «Hier jedoch war das anders», erzählt Brühlmann. «Das Drehbuch stand zwar, aber viele Details waren noch offen. So konnte ich zum Beispiel die Idee einbringen, dass Villanelle bei einem Besuch in Amsterdam einen Mord nach einem Gemälde im berühmten Rijksmuseum inszeniert. Und ich konnte viele Drehorte selbst auswählen.» Dadurch bekam die Folge eine eigene, quasi «europäische» Handschrift. «Deshalb haben die Produzenten sie wohl auch für die Emmys eingereicht.»

Lisa Brühlmann startete ursprünglich als Schauspielerin in die Filmwelt, ihre Leidenschaft galt aber schon immer der Regie. Bereits mit acht Jahren inszenierte sie gemeinsam mit einer Freundin «Aladdin und die Wunderlampe» fürs Schultheater. «Ich schrieb das Skript, textete Lieder, besetzte die Rollen. Wenn ich mir das Video heute anschaue, ist es alles etwas chaotisch, aber im Grunde war das der Anfang.»

Sie ist froh um ihre Erfahrung als Schauspielerin. «Das gibt mir noch eine andere Perspektive, wenn ich selbst mit Schauspielern arbeite.» Derzeit fühlt sie sich jedenfalls hinter der Kamera wohler als davor.

Künftig wieder mehr Fokus auf eigene Projekte

Dass Lisa Brühlmann so rasch auch international gefragt war, kam unerwartet. «Natürlich ist das schön und aufregend, aber ich muss auch aufpassen, dass ich mich nicht überarbeite.» Gegen Ende Jahr ist noch ein weiterer Regieeinsatz geplant, dann will sie wieder kürzertreten und 2020 auf eigene Projekte fokussieren. Zusammen mit ihrem Mann, dem Regisseur Dominik Locher, entwickelt sie derzeit eine Serie und eine Miniserie, und sie arbeitet an einem neuen Spielfilm. Es sei jedoch zu früh, schon mehr darüber zu erzählen. Nur etwas lässt sie sich entlocken: «Eine der Serien ist für den internationalen Markt gedacht.»

Das Regiepaar wohnt in Zürich und hat zwei Kinder im Alter von zwei und sechs Jahren. «Bisher liess es sich immer arrangieren, dass sich einer von uns um die Kinder kümmerte, während der andere arbeitete.» Aber notfalls würden auch die Grosseltern einspringen oder eine Nanny engagiert. Zum Dreh nach Boston reiste jedenfalls die ganze Familie mit. Doch so reizvoll die Arbeit in den USA ist, vorerst plant Lisa Brühlmann, der Schweiz treu zu bleiben. Und beweist so, dass man es auch von hier aus in der internationalen Unterhaltungswelt zu etwas bringen kann.

Emmys: 23.9. ab 1 Uhr morgens auf TNT Serie

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