15. Januar 2018

Im Kampf mit finsteren Mächten

Auch in der Schweiz gibt es Menschen, die davon überzeugt sind, dass der Teufel existiert. Und dass seine Dämonen negativen Einfluss auf ihr Leben nehmen. Heilsarmeeoffizier Beat Schulthess betet schon seit 30 Jahren mit Leuten, die glauben, von solchen Wesen besetzt zu sein. Und generell registrieren die Kirchen eine erhöhte Nachfrage nach Exorzismen.

Beat Schulthess beim Befreiungsdienst
Beat Schulthess (2. von rechts) und sein Team ringen mit dem Dämon in Renate T.

Die junge Frau windet sich, ihr Kopf zuckt hin und her. «Wir befehlen dir auszufahren, im Namen Jesus von Nazareth!», deklamiert Beat Schulthess mit lauter, kommandierender Stimme. «Jesus Christus ist Sieger! Wir rühmen die Blutskraft Jesu!» Links und rechts halten zwei Mitarbeiterinnen des Heilsarmeeoffiziers die sitzende Frau an den Schultern. Dann verzerrt sich ihr Gesicht, sie bleckt ihre Zähne. Eine gepresste, kehlige Stimme, die so ganz anders klingt als ihre eigene, zischt ein trotziges «Nein!» – «Doch!», widerspricht Schulthess. «Jesus Christus ist Sieger!» Sie windet sich erneut, steht unter höchster Anspannung und sackt dann ein wenig in sich zusammen.

Drei Stunden dauert der sogenannte Befreiungsdienst im grossen Gebetssaal der Heilsarmee in Uster ZH. Zehn Heilsarmisten ringen mit einem Dämon, der sich in Renate T.*, einer 36-jährigen Sozialarbeiterin aus Deutschland, festgesetzt hat und offenbar einfach nicht rauswill. Schulthess befindet sich mit drei Mitarbeitenden im selben Kreis wie Renate, in einem zweiten Kreis sitzt ein weiteres Grüppchen, das während der ganzen Zeit betet, christliche Lieder singt und so Schulthess und Renate in ihrem Kampf unterstützt.

Viele halten uns für verrückt, aber ich habe Dinge erlebt, die sich nicht anders erklären lassen.

Beat Schulthess

Was für manche völlig irr klingen mag oder wie eine Szene aus einem Horrorfilm, ist für Beat Schulthess (59) nicht nur Realität, sondern Alltag. Und er weiss sehr wohl, wie das auf Aussenstehende wirkt. «Viele halten uns für verrückt, aber ich habe Dinge erlebt, die sich nicht anders erklären lassen. Und diese Erfahrungen kann einem niemand nehmen.» Zu oft schon kamen leidende Menschen zu ihm, voller Ängste, Depressionen, abhängig von Alkohol, Pornografie oder Drogen – Menschen, die laut Schulthess alles versucht haben, was die Schulmedizin zu bieten hat, und dennoch nicht von ihren Leiden loskamen. «Und nach dem Befreiungsdienst war bei vielen Hilfesuchenden plötzlich alles anders. Von einem Tag auf den anderen kein Tropfen Alkohol mehr und eine so starke Veränderung im Verhalten und Fühlen, dass ihr Umfeld sie kaum wiedererkannt hat.»

Sozialarbeiter des Okkulten

Schulthess leitet die Heilsarmee im Zürcher Oberland und sieht sich als Sozialarbeiter, als jemand, der Randständigen hilft wie andere Süchtigen oder Obdachlosen, bloss im okkulten Bereich. Seit fast 30 Jahren beschäftigt er sich mit Menschen, die aus ihrer und seiner Sicht von Dämonen besetzt sind, die ihnen das Leben zur Hölle machen.

Der Heilsarmeeoffizier kommt ursprünglich aus einer reformierten, jedoch nicht sonderlich religiösen Familie – seine ersten Kontakte mit der übersinnlichen Welt hatte er, als seine Eltern mit ihm zu Pendlern und Heilern gingen. Mit 19 entschied er sich bei einem Evangelisationsanlass für den Glauben, «weil es sich richtig anfühlte». Ein nächtlicher Traum von Menschen in Uniform führte ihn zur Heilsarmee, wo er erst Rekrut, dann Soldat und mit 26 Jahren Offizier wurde.

Doch er fühlte sich seltsam kraftlos, hatte das Gefühl, irgendetwas stimme nicht mit ihm – bis ihm jemand sagte, er könnte durch die früheren okkulten Praktiken seiner ­Familie vorbelastet sein. Ein Lossagegebet führte zu einem grossen Befreiungsgefühl. Die Erfahrung sprach sich herum, und plötzlich kamen Leute aus der okkulten Szene zu ihm, die um Hilfe baten. «Ich habe das nicht gesucht, es ist einfach so passiert.»

Heilsarmee-Offizier Schulthess blickt auf 30 Jahre Erfahrung im Befreiungsdienst zurück.

Ein Jahr lang rang er mit sich, ob er sich auf den Befreiungsdienst spezialisieren solle oder nicht, diskutierte es mit seiner Frau Monika – schliesslich entschieden sie, dieses Angebot gemeinsam aufzubauen. Zu Beginn arbeiteten sie sehr diskret, doch schon bald beschäftigten sie sich zwei Tage die Woche nur noch mit Seelsorge in diesem Bereich, und die Nachfrage wurde so gross, dass sie schliesslich ein ganzes Team aufbauten. «Aber wir waren damit in der Heilsarmee Exoten, und unsere Arbeit ist nicht unumstritten. Es brauchte einen Chef, der dafür offen war, um es so anzubieten, wie wir das heute tun. Und natürlich schreckt es auch einige ab – Gläubige und Spender.» Trotz dieser Widerstände liess sich Schulthess nicht beirren: «Ich empfinde es als Berufung, als Auftrag, ich muss das tun. Und ich freue mich über die Menschen, die dank unserer Arbeit frei werden. Die sich bei uns zum ersten Mal ernst genommen fühlen mit ihrem Leid.»

Menschen wie Renate T. – sie ist überzeugt, dass ihr Grossvater sie im Alter von neun Jahren dem Teufel verkauft hat. Schon immer habe er okkulte Rituale vollzogen, sei selbst auch von einem Dämon besetzt und überhaupt ein schlimmer Mann gewesen, habe die eigene Frau und seine fünf Töchter misshandelt. Ihre Familie hatte deshalb jahrelang keinen Kontakt mit ihm, doch 1989 meldete er sich eines Tages überraschend, und Renates Mutter entschied, ihn mitsamt ihren Zwillingstöchtern zu besuchen. Beim Abschied bat der Grossvater um ein persönliches Andenken von Renate und wies auf die Kette mit ihrem ersten Milchzahn, die sie um ihren Hals trug. Renate wollte sie nicht hergeben, aber ihre Mutter tat das schliesslich, damit Ruhe war.

Der Dämon stellt ein Ultimatum

«Wenige Wochen später spürte ich, wie etwas in mich eindrang, nachts im Bett, durch den Nacken, eine Art dunkler Geist.» Die Stelle habe tagelang wehgetan, wie nach einem Schleuderunfall. Und eine Stimme in ihrem Kopf habe ihr ein Ultimatum gestellt: Ihr Grossvater habe mit ihr und ihrer Seele einen Blutschwur gemacht, ein okkultes Ritual mit dem Körperteil einer Person. Sie habe zwei Wochen Zeit, dem zu widersprechen. Tue sie das nicht, gelte der Blutschwur – sie gehöre dann den dunklen Mächten, und ihr Grossvater sei von diesen befreit und erhalte zudem Geld. Natürlich habe sie das alles als Neunjährige nicht verstanden, es jedoch ihrer Mutter erzählt. «Die sagte nur, ich solle nicht halluzinieren.» Und so verstrich die Frist ohne Widerspruch.

Kurz darauf, so erzählt sie, habe ihr Grossvater eine Million D-Mark im Lotto gewonnen, und aus der bis dahin lebensfrohen Renate wurde ein zurückgezogenes, ängstliches, jähzorniges Kind. Mutter und Grossmutter wunderten sich, hinterfragten es aber nicht. «Ich hatte zwei Seelen in mir, und meine eigentliche Persönlichkeit wurde unterdrückt, ich wurde von jemand Fremdem geführt.» Es gab auch andere Zeichen: Im Konfirmationsunterricht hatte sie Migräneanfälle und kämpfte mit Übelkeit, ihre Schul- und Ausbildungszeit war ein ewiger Kampf mit Misserfolgen, und da waren immer wieder diese Stimmen, die sie dazu brachten, sich anders zu verhalten, als sie es wollte. Zudem hatte sie Vorahnungen, wenn ihr nahestehenden Menschen oder Tieren etwas Schlimmes passierte – heftige Kopfschmerzen, die im Zusammenhang mit jemanden auftauchten, der dann später schwer krank wurde oder gar starb.

Obwohl sie litt, suchte sie sich nur punktuell Unterstützung, etwa eine Gesprächstherapie, um Schwierigkeiten während des Studiums zu lösen. «Psychiatrische Hilfe wollte ich nicht, denn ich sah, was sie bei meiner Mutter bewirkte – nichts.» Diese leide bis heute unter Angstzuständen und Depressionen. 2014 fühlte sich Renate überraschend etwas besser, und als sie mit ihrer Schwester darüber sprach, eröffnete diese ihr, sie habe für sie gebetet, schon länger. Erstmals begann sie, einen religiösen Hintergrund für ihr Problem zu vermuten.

Drei Stunden dauert das Ringen, und am nächsten Tag braucht es einen weiteren Anlauf.

An Halloween 2014 sah sie dann im Fernsehen Christa Mirandas Dokumentarfilm «Erlöse uns von dem Bösen» , der sich mit Exorzismus befasst und in dem auch Beat Schulthess und seine Arbeit vorgestellt wurden. «Darauf reagierten die Dämonen in mir ziemlich heftig. Ich begann Worte in einer Sprache zu sprechen, die ich nicht kannte.» Und Renate wusste: Sie musste zu diesem Mann. Im Mai 2015 hatte sie den ersten Termin in Uster, im August war sie befreit, alle Symptome waren verschwunden, ebenso die Stimmen. 39 Dämonen seien in ihr drin gewesen, sagt sie, der erste habe bei ihr damals sozusagen die Tür geöffnet.

Die möchten, dass ein Guru kommt, ein paar Gebete spricht, und dann ist alles wieder gut. Aber so läuft es nicht.

Beat Schulthess

Für Beat Schulthess war Renates Situation ein klarer Fall. Das ist aber nicht immer so, und in der Regel klärt er sorgsam ab, ob jemand, der zu ihm kommt, nicht eher zu einem Psychologen gehen sollte. «Wir nehmen unsere Verantwortung wirklich ernst und würden niemals jemanden leichtfertig für dämonisiert erklären», versichert er. Dabei arbeitet er auch mit externen Ärzten und Psychiatern zusammen.

«Manchmal kommen Psychiater sogar mit Patienten zu uns, in der Hoffnung, dass wir weiterhelfen können», sagt Schulthess. Und manchmal erlebt er auch Leute, die wütend werden, wenn er zum Schluss kommt, dass ihre Probleme nichts mit Dämonen zu tun haben. «Die möchten, dass ein Guru kommt, ein paar Gebete spricht, und dann ist alles wieder gut. Aber so läuft es nicht.» Einige Leute begleitet er über Monate oder Jahre, bis sie ganz «frei» sind. Das alles unentgeltlich, egal, wie lange es dauert.

Letztlich könne jede Wirkung, jede Manifestation, die man bei Hilfesuchenden sehe, seelisch-emotional sein oder okkult. «Das zu unterscheiden, ist eine grosse Herausforderung. Sonst treibt man Dinge aus, obwohl da gar nichts ist. Das merkt man spätestens dann, wenn sich am Befinden der betroffenen Person nichts ändert.» Auch Schreien, Zucken, ja sogar Erbrechen kann seelisch bedingt sein, betont der Heilsarmeeoffizier. «Intensive Gespräche sind ganz wichtig. Vieles ist auch Intuition aus jahrelanger Erfahrung. Im christlichen Jargon spricht man auch von der Gabe der Erkenntnis. Aber auch ich kann mich irren.» Am Ende sei er lediglich ein Werkzeug Gottes, befreien könnten nur Gott selbst und Jesus.

Workshops zur «geistlichen Kampfführung»

Die Nachfrage nach seiner Dienstleistung ist in den vergangenen Jahren jedenfalls spürbar gestiegen. «Viele Menschen befinden sich in irgendeiner Not und suchen Hilfe. Und wenn es sonst nirgends klappt, kommt man halt auch noch zu uns», sagt Schulthess. «Zudem sind Befreiungsdienste in anderen Kulturen viel verbreiteter, solche Migranten wenden sich natürlich auch an uns.» 20 bis 40 Stunden pro Woche ist er mit Seelsorge und Befreiung in diesem Bereich beschäftigt, sein Team von etwa 40 Leuten leistet rund 8000 Arbeitsstunden pro Jahr. Dazu gehören kostenpflichtige Workshops zur «geistlichen Kampfführung», an denen er sein Wissen an Interessierte weitergibt, zudem etwa 100 Häuserbefreiungen pro Jahr, bei denen Spukerscheinungen ausgetrieben werden. «Vom Kehrichtabfuhrmitarbeiter bis zum Bankdirektor kommen alle zu uns – sämtliche sozialen Schichten, sämtliche Bildungsstufen, ganz Junge ebenso wie ganz Alte.» Darunter auch viele Menschen, die nicht christlich sind, manchmal gar Atheisten.

Diese Arbeit ist für ihn selbst allerdings nicht ungefährlich. Einerseits können Dämonen bei der Befreiung theoretisch auch überspringen, andererseits hat er schon direkte Angriffe von aussen erlebt: Bereits in seinen Anfängen sei seine Gemeinde von einer Frau infiltriert worden, die den Auftrag gehabt habe, eines seiner vier Kinder zu verwünschen. «Der Zweitälteste erkrankte von einem Tag auf den anderen an Leukämie, und zwar so schwer, dass der Arzt den Zehnjährigen gleich im Krankenhaus behalten wollte. Aber wir spürten, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging.» Sie brachten ihn nach Hause. Weil es um den eigenen Sohn ging, zog das Ehepaar einen befreundeten Befreiungsdienstler bei, um sich das genauer anzusehen. Dieser vermutete einen Fluch, worauf die drei mit Lossagegebeten begannen. «Und innerhalb einer Woche war alles weg, einfach so, ohne jegliche medizinische Behandlung, bestätigt und dokumentiert von den Ärzten, die natürlich keinerlei Erklärung dafür hatten.»

Da gibt es schmale, kleine Personen, die plötzlich in der Lage sind, schwere Holztische durch den Raum zu werfen, die ich kaum bewegen könnte.

Beat Schulthess

Schulthess hat bei seinen Befreiungen auch schon Manifestationen erlebt, die sehr viel weitergingen als bei Renate T. «Da gibt es schmale, kleine Personen, die plötzlich in der Lage sind, schwere Holztische durch den Raum zu werfen, die ich kaum bewegen könnte. Leute, die Sprachen sprechen oder Tierlaute von sich geben, zu denen sie normalerweise nicht in der Lage sind.» Erfahrungen wie diese haben ihn darin bestärkt, dass sein Weltbild real ist. «Ich bin überzeugt, dass es diese beiden Fronten gibt, dass Gott und Teufel miteinander um die Vorherrschaft in den menschlichen Seelen ringen. Dennoch wäre es verfehlt zu glauben, dass hinter jedem Busch zwei Dämonen sitzen. Das ist zum Glück nicht so.»

Entsprechend glaubt er auch, dass okkulte Rituale, Flüche und Voodoo funktionieren, wenn man es richtig macht. Und doch ist die Befreiung von Dämonen überraschend simpel: Worte, Gebete, die dadurch erbetene Unterstützung von Jesus Christus, mehr braucht es nicht. Als einziger «Gegenstand» kommt Öl zum Einsatz, das den Betroffenen während der Befreiung in den Nacken oder auf den Kopf gerieben wird. «Es symbolisiert die Kraft des Heiligen Geistes. Wird man damit gesalbt, kann das den Glauben stärken», sagt Schulthess.

Anders als die katholische Kirche bei ihren Exorzismen benutzt Schulthess weder Kreuze noch Weihwasser. «Solche Dinge erhöhen die Gefahr, dass jemand sich in etwas hineinsteigert, das gar nicht da ist. Wir versuchen, unsere Befreiungsverfahren möglichst simpel zu halten und eher zu deeskalieren, als zu verschärfen.» Es gibt auch, anders als bei den Katholiken, keine Liturgie, kein vorbestimmtes, immer gleiches Ritual. «Jede Befreiung ist ein wenig anders, abgestimmt auf die Person.»

Dennoch: Muss man letztlich nicht daran glauben, damit es funktioniert? Und wer das nicht tut, an den kommt auch kein Dämon heran? «Das hat schon was», räumt Beat Schulthess ein. Doch er hat einiges erlebt, das sich damit nicht erklären lässt. «Aber die verschwundene Leukämie meines Sohnes lässt sich so zum Beispiel nicht erklären – es gibt eben auch echte dämonische Belastung. Wer daran tatsächlich glaubt und sich besetzt fühlt, der braucht die entsprechende Hilfe.» Allerdings bleibe auch dann die psychologische, seelsorgerische Nachbearbeitung wichtig. «Man muss dranbleiben, weiter an sich arbeiten.»

Exorzismusdrama in Deutschland

Renate T. ist Schulthess für seine Hilfe sehr dankbar – umso mehr, als das Thema in Deutschland stark tabuisiert ist, seit 1976 die Studentin Anneliese Michel infolge von wochenlangen Exorzismusritualen an Unterernährung gestorben ist. Ihre Eltern und zwei Pfarrer wurden 1978 in einem weltweit beachteten Prozess zu Haftstrafen verurteilt. Zu Recht, findet Beat Schulthess. «Diese Exorzisten sind viel zu weit gegangen, so was ist völlig unverantwortlich.» Die Folge: «Wenn man in Deutschland irgendwem etwas über Dämonen erzählt, wird man gleich für verrückt erklärt», sagt Renate.

Genau das war nach ihrer Befreiung im August 2015 das Problem: Zwar wissen ihr Freund, ihre Schwester und ein paar gute Freundinnen Bescheid, aber das Unterstützungssystem für die neue Lebensphase war nicht stark genug. «Viele brauchen nach der Befreiung eine enge Begleitung, um in ein neues Leben zu finden», sagt Schulthess. Doch Renate wohnt zu weit weg, als dass die Heilsarmee Uster helfen könnte. Und schliesslich kamen Ängste wieder zurück – und mit ihnen drei Dämonen.

Wenn man in Deutschland irgendwem etwas über Dämonen erzählt, wird man gleich für verrückt erklärt.

Renate T.

Den letzten dieser drei Dämomen wollten Schulthess und sein Team nun kürzlich in Uster austreiben. Doch nach dem dreistündigen Ringen spürt Renate ihn noch immer. Phasenweise hat er die Kontrolle über ihren Körper und ihre Worte, davon ist sie überzeugt. «Das ist dann so, als stünde ich neben mir», erklärt sie, «und ich versuche dagegenzuhalten.» Es braucht am Tag danach nochmals eine Stunde Kampf, bis sie sicher ist: Jetzt bin ich frei.

Beat Schulthess rät, von Angst bestimmte Gedanken künftig sofort zu stoppen und durch biblisch orientierte zu ersetzen – damit Renate ­diesmal auch wirklich frei bleibe. «Gedankenkontrolle ist sehr wichtig, ebenso ein Umfeld, das versteht, hilft und für einen betet.» Renate hofft, in der Nähe ihrer Heimat eine christliche Gemeinde zu finden, die für dieses Thema ein offenes Ohr hat. Und dass sie nun endlich ihr Leben «frei und selbst­bestimmt, mit Gott» führen kann.

*Name der Redaktion bekannt

Das sagen andere zu Exorzismen

Der kritische Beobachter: Georg Otto Schmid (51) ist Leiter der Evangelischen Informationsstelle (Relinfo) in Rüti ZH.

Beat Schulthess geht es primär darum, zu helfen

«Im Schnitt meldet sich einmal pro Woche jemand bei uns, der sich von bösen Geistern belastet fühlt – das ist deutlich häufiger als noch vor fünf Jahren. Und gelegentlich beobachten wir, dass jemand sich durch einen Befreiungsdienst oder einen Exorzismus vom dämonischen Einfluss befreit fühlt und dies als grosse Erleichterung erlebt. Andere Betroffene allerdings machen eine eigentliche Tour d’exorcisme von esoterischen Anbietern über pfingstliche Befreiungsdiener und katholische Exorzisten weiter zu Beat Schulthess, ohne eine nachhaltige Befreiung zu erleben. Bei diesen Menschen scheint sich die Vorstellung von Besessenheit durch die exorzistischen Bemühungen eher zu verstärken als aufzulösen.

Auch in der katholischen Kirche steigt die Nachfrage nach Exorzismus – vor allem wegen der Migration. Da kommen Menschen, die das von zu Hause kennen und es hier nun ebenfalls in Anspruch nehmen möchten, was unter hiesigen Theologen auch zu Irritationen führt. Dennoch wird der katholische Exorzismus nach dem Rituale Romanum zunehmend in Anspruch genommen. Der grosse Exorzismus wird allerdings relativ restriktiv praktiziert: Es braucht zuvor ein psychiatrisches Gutachten, dass keine psychische Störung vorliegt – zudem braucht es Anzeichen vom Übernatürlichen. Beim kleinen Exorzismus sind die Hürden tiefer, entsprechend häufiger wird er ausgeführt. Ebenso wie die Befreiungsdienste in der charismatischen, pfingstlichen Szene. Dort wird bei zahlreichen Befindlichkeiten eine Beeinflussung durch böse Geister für möglich gehalten. Mir selbst ist noch kein Fall begegnet oder aus erster Hand geschildert worden, der mich glauben liess, dass es so etwas tatsächlich gibt.

Fälle, wo sich Exorzist und Betroffener gegenseitig hochschaukeln

Dass Beat Schulthess weitherum als einer der seriösesten Anbieter im Bereich des Befreiungsdiensts gilt, hat auch mit seiner Einbindung in die Heilsarmee zu tun. Zudem unternimmt er einiges, um Risiken zu reduzieren, sind doch bei solchen Befreiungen andernorts auch schon Menschen gestorben: Er zieht eine zweite oder dritte Person hinzu, unterbindet Manifestationen eher als sie zu fördern, vermeidet die direkte Ansprache von Dämonen, um die zu betreuende Person in ihrer Selbstwahrnehmung als besessen nicht noch zu bestärken. Und er lässt sich auch nicht auf jede selbstdiagnostizierte Besessenheit ein. Demgegenüber gibt es andere Fälle, bei denen sich Exorzist und Betroffene gegenseitig hochschaukeln – der möglichst schlimme Verlauf des Rituals bestätigt dann beide in dem Glauben an ihr Weltbild.

Beat Schulthess hingegen geht es aus meiner Sicht vor allem um eines: Menschen zu helfen. So nimmt er sich Personen an, die mit ihren Problemen zum Teil jahrelange Therapie-Odysseen hinter sich haben, ohne nachhaltige Besserung zu erleben, und versucht, im Rahmen seines Weltbilds für diese Klienten eine Lösung zu finden. Zwar würde ich diesen eine Behandlung wünschen, welche die Probleme ernst nimmt, ohne sie auf böse Geister auszulagern. Andererseits muss ich auch zugeben, dass bei manchen Menschen, die zu Schulthess finden, alle anderen Therapieansätze schon erfolglos versucht wurden. Hier zeigt sich denn auch das Heilsarmee-Erbe: für die Menschen da zu sein, die eigentlich keine Optionen mehr haben.»

Der Psychologe: Franz Schlenk (48) ist Fachpsychologe für Psychotherapie FSP in Olten, er berät auch Patienten, die bei sich dämonische Einflüsse vermuten.

Im Modell Besessenheit steckt ein Hilfeappell

«Menschen haben Erlebnisse und versuchen, diese einzuordnen und sich zu erklären. Dabei ist die Interpretation einer dämonischen Besessenheit letztlich auch nur ein Verstehensmodell, nicht anders als Begriffe wie ‹Depression› oder ‹Zwangsgedanken›. Im Modell Besessenheit steckt ein Hilfeappell im Sinne von ‹ich fühle mich einer Kraft hilflos ausgeliefert›. Solches Leiden und das dazugehörige Erleben muss ernst genommen werden, auch wenn es nicht immer Ausdruck einer psychischen Störung sein muss. Psychologinnen und Psychologen haben gelernt, dass es nichts Übernatürliches jenseits unseres Erlebens gibt, von dem wir psychologisch sinnvoll sprechen können.

Deshalb versuchen wir, das Erleben des Betroffenen zu verstehen und daraus notwendige Veränderungen abzuleiten. Dies hat den Vorteil, dass ein Patient sich selbst besser verstehen lernt und lernen kann, sich selbst zu helfen. Aus psychologischer Sicht beinhalten Besessenheitssymptome eine bedeutsame Botschaft – wenn sie nicht verstanden und berücksichtigt, sondern nur ‹weggemacht› wird, werden diese Symptome immer wieder kehren.

Je nach zugrunde liegendem Störungsbild sind die Erfolgszahlen der psychologischen Psychotherapie im Allgemeinen relativ gut, bis zu 75 Prozent. Aber einige, die zu Exorzisten gehen, haben Psychiatrie- und Therapieerfahrungen hinter sich, die offensichtlich zu wenig geholfen haben. Idealerweise werden bei der psychotherapeutischen Behandlung Zusammenhänge für die Betroffenen deutlich, die sie vorher nicht sehen konnten, etwa innere Motivkonflikte. Solche Erklärungen können die Interpretation als dämonische Besessenheit in den Hintergrund treten lassen.

Manifestationen sind unbewusste Inszenierungen der Betroffenen

Exorzisten versichern gelegentlich, bei Betroffenen zuerst abzuklären, ob nicht ‹nur› ein psychisches Problem vorliegt. Dafür jedoch braucht es eine fundierte Ausbildung in Psychopathologie und viel Patientenerfahrung – Laien können das nicht seriös. Wenn man zudem dazu neigt, psychisches Erleben als fremdbeeinflusst zu interpretieren, dürfte die Unterscheidung zwischen dämonisch und psychisch zusätzlich tendenziös ausfallen.

Die Manifestationen, die bei der Befreiung manchmal auftreten und die Diagnose der Besessenheit zu bestätigen scheinen, sind aus psychologischer Sicht unbewusste Inszenierungen der Betroffenen. Das menschliche Traumerleben und die Lehre der psychischen Störungen liefern eindrückliche Zeugnisse davon, zu welchen unbewussten Inszenierungsleistungen Menschen fähig sind. Es gab schon Fälle, bei denen jemand ‹im Schlaf› aufgestanden ist, zum Beispiel den Rasen gemäht hat und wieder ins Bett zurückkehrte, ohne es bewusst mitzubekommen. Man sollte die kreative Potenz von Erwartungen und Befürchtungen, von Wünschen und Hoffnungen nie unterschätzen.

Es braucht die Zusammenarbeit mit psychologisch ausgebildeten Fachleuten

Manchmal verschlimmern die Befreiungsrituale die Lage, selbst Todesfälle sind dokumentiert. Viel häufiger sind aber geringfügigere Verschlimmerungen. Da einfache religiöse Formeln und Handlungen in den meisten Fällen die der Besessenheit zugrunde liegenden psychologischen Prozesse nicht zu lindern vermögen, kehren diese mit hoher Wahrscheinlichkeit zurück. Dies lässt die Betroffenen oft noch mehr verzweifeln. Die psychotherapeutische Hilfe stösst an Grenzen, wenn sich jemand nicht auf eine psychologische Bearbeitung von Besessenheitserfahrungen einlassen kann. Der mit dem Befreier geteilte Glaube an eine dämonische Besessenheit beeindruckt das psychische System aber meiner Meinung nach nur bedingt – unsere psychischen Prozesse haben ihre eigene Logik und lassen sich nicht so schnell überlisten.

Beat Schulthess kann man zugute halten, vergleichsweise vor- und umsichtig vorzugehen, es geht ihm jedenfalls nicht um finanzielle Ausbeutung. Zudem erhalten Menschen bei ihm Aufmerksamkeit und Zuwendung, was je länger je mehr ein rares Gut wird in unserer Gesellschaft – und für sich alleine schon heilende Effekte haben kann. Es braucht aber unbedingt die Zusammenarbeit mit psychologisch ausgebildeten Fachleuten, um nicht eine ernsthafte psychische Erkrankung zu verkennen.»

Der Atheist: Andreas Kyriacou (51) ist Präsident der Freidenker-Vereinigung Schweiz.

Da behandeln Laien Menschen, die psychologische oder medizinische Hilfe brauchen

«Es gibt weder Gott noch den Teufel und schon gar keine Dämonen, die Menschen besetzen können. Exorzismen sind aus meiner Sicht nicht nur unsinnig sondern problematisch: Da werden Menschen, die eigentlich psychische oder medizinische Hilfe brauchen, von Laien behandelt – Laien, die ein Weltbild vertreten, das für verletzliche Personen gefährlich ist. Ihnen wird suggeriert, sie hätten Schuld auf sich geladen, deshalb seien sie nun von einem Dämon besetzt.

In den oft geschlossenen Gemeinschaften der Evangelikalen oder des sehr traditionellen Katholizismus werden den Leuten auf diese Weise Probleme eingeredet, die gar keine sind: Ein nicht gern gesehenes Verhalten wird angeblichen dämonischen Einflüssen zugeschrieben. In evangelikalen Kreisen wird ja auch die ‹Heilung› von Homosexualität angeboten. Aber würde man diesen Leuten nicht einreden, dies sei ein schuldhaftes Verhalten, würden sie viel gelassener mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen.

Es besteht das Risiko, sich selbst zu schaden

Dass die Nachfrage nach Exorzismen steigt, ist natürlich unerfreulich. In den meisten Fällen ist Glaube oder Aberglaube zwar unproblematisch – wenn es jemandem dadurch besser geht, dass er an Schutzengel glaubt, ist das okay und schadet niemandem. Aber beim Exorzismus, wo es tendenziell um verletzliche Menschen geht, besteht ein Risiko, sich selbst zu schaden. Organisationen, die ein dermassen problematisches Weltbild vertreten, sollten jedenfalls nicht vom Staat beauftragt werden, zum Beispiel Heime zu führen. Sehr gerne würde ich mal eine Fallstudie eines Exorzismus sehen, die mit den gleichen strengen Kriterien wie in der Medizin begleitet und dokumentiert wird und schauen, was dabei rauskommt.

Das Problem ist doch: Wer sich in einem Umfeld bewegt, das von diesem Weltbild überzeugt ist, der hat oft gar keine Chance, sein Leiden auf eine andere Art zu interpretieren oder sein angeblich dämonisch beeinflusstes Verhalten als normal zu empfinden. Und da die Behandlung von einem eingebildeten Krankheitsbild ausgeht, kann sie keine heilende Wirkung erzielen. Schlimmer noch: Da sie auf der belastenden Diagnose ‹besessen› aufbaut, kann sie den Gesundheitszustand einer behandelten Person sogar verschlechtern. Zusätzlich erschweren es solche Dienstleistungen, dass die Betroffenen sich an Psychologen oder Ärzte wenden, wo sie garantiert in besseren Händen wären.»

Der katholische Exorzist: Sandro Vitalini (82) ist Pro-Generalvikar und Exorzist im Bistum Lugano TI.

Eine echte Besessenheit ist ausserordentlich selten

«Bei uns melden sich pro Tag ein bis zwei Personen, weil sie glauben, besessen zu sein. In den vergangenen fünf Jahren hat das leicht zugenommen, es sind häufig Frauen und Menschen aus anderen Kulturkreisen wie Afrika oder Südamerika. Eine echte Besessenheit ist aber ausserordentlich selten. In den 14 Jahren, in denen ich als Exorzist tätig bin, waren es vielleicht ein oder zwei Fälle.

Es heisst ja, besessene Menschen reagieren darauf, wenn man sie mit Weihwasser bespritzt. Einmal habe ich diesen Test gemacht, allerdings mit gewöhnlichem Leitungswasser. Und da sagte die Person mit ganz anderer Stimme, das sei ja nur Leitungswasser – da habe ich schon gestaunt. Auch sonst kommt es vor, dass Menschen mit anderer Stimme und in anderen Sprachen sprechen.

Meistens steckt kein böser Geist hinter den Problemen der Betroffenen

Aber ich bin bezüglich Besessenheit eher skeptisch. Und auch in solchen Fällen begnüge ich
mich mit Gebeten, Segnungen und vielleicht einer Lossprechung, schlicht und ohne grosses Zeremoniell. In der Regel reicht das, und die Menschen fühlen sich danach befreit. Meistens steckt kein böser Geist hinter den Problemen der Betroffenen, sondern sie haben traurige Erlebnisse hinter sich, kämpfen mit Beziehungsproblemen oder Arbeitslosigkeit – und suchen dafür eine Erklärung. Meine wichtigsten Aufgaben sind Zuhören, Verständnis zeigen und Gottes Segen geben. Manchmal schicken mir auch Ärzte oder Psychologen jemanden vorbei, bei dem sie glauben, dies könnte hilfreich sein.

Ich habe keine besondere Ausbildung als Exorzist, der Bischof hat mir diese Aufgabe anvertraut, um sich selbst von dieser Arbeit zu entlasten. Auch ein Austausch mit anderen Exorzisten findet nicht statt. Ich weiss, dass andere Kollegen häufiger von einer dämonischen Besessenheit ausgehen als ich, aber letztlich ist das ihre Sache; ich bleibe skeptisch. Überhaupt finde ich es wichtiger, die Leute zu ‹exorzieren›, die mit Menschen, Drogen oder Waffen handeln,
die Bomben legen und Kriege auslösen. Ob bei denen Dämonen im Spiel sind, kann ich nicht sagen, aber dort liegen die grossen Probleme, die bekämpft werden sollten.»

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