18. April 2019

Im Einsatz für einen aufgeklärten Islam

Muslime kennen ihre Religion zu wenig und folgen oft unkritisch religiösen Autoritäten, finden Kerem Adıgüzel und Adis Ugljanin. Mit ihrem Verein «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe» wollen sie das ändern. Zweimal pro Monat treffen sich Männer und Frauen in Schlieren ZH zur Korandiskussion. Alle sind willkommen, auch Andersgläubige.

Kerem Adıgüzel und Adis Ugljanin
Kerem Adıgüzel (links) und Adis Ugljanin beschäftigen sich intensiv mit dem Koran und seiner Bedeutung.

Zuerst ein Gebet. Die kleine Gruppe kniet nebeneinander auf Gebetsteppichen Richtung Mekka und ruft Allah an, drei Frauen und zwei Männer, nebeneinander. Danach setzen sie sich im Kreis auf den Boden, jeder mit einem aufgeschlagenen Koran in der Hand und einer Tasse Tee vor sich. Kerem Adıgüzel bittet eine der Frauen vorzulesen, wo sie vorangegangenes Mal aufgehört hatten, bei der Sure 37, Vers 112. Es geht um Abraham und Isaak, die auch im Koran eine Rolle spielen.

Satz für Satz wird gelesen und auseinandergenommen. Welche politischen und spirituellen Botschaften lassen sich darin erkennen? Welche Bedeutung haben sie für unseren Alltag? Schon die Übersetzungen der diversen Korane im Raum unterscheiden sich voneinander, lassen verschiedene Interpretationen zu. Adıgüzel erklärt, beantwortet Fragen, leuchtet Hintergründe und Zusammenhänge aus. Hier gibt niemand etwas vor, das alle zu glauben haben – Widerspruch ist nicht nur erlaubt, sondern gesucht, unterschiedliche Meinungen und Vorstellungen werden akzeptiert.

«Und genauso sollte es auch sonst sein», findet Koranforscher Adıgüzel. Der 31-jährige Schweizer mit türkischen Wurzeln, der als Softwareentwickler bei den SBB arbeitet, ist Präsident des Vereins «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe» . Er setzt sich für ein friedliches, respektvolles Miteinander zwischen allen Menschen ein, egal, woran sie glauben, egal, welche sexuelle Orientierung sie haben. «Genau das ist es, was der Koran und der Islam eigentlich vertreten», sagt Adıgüzel. «Nur leider kennen die meisten Muslime ihre eigene Religion zu wenig und folgen deshalb oft blind religiösen Autoritäten, die ganz andere Ziele verfolgen.» Auch deshalb finden die Treffen alle zwei Wochen in Schlieren ZH konsequent auf Deutsch statt. Und Adıgüzel spricht von «Gottergebenheit» und «Gottergebene», die deutsche Übersetzung von «Islam» und «Muslimen».

Vielfalt der Interpretation zulassen

Den Verein gibt es seit Herbst 2017. «Hauptziel ist es, dass jeder die Möglichkeit haben soll, den Koran selbst kennenzulernen», sagt Mitgründer Adis Ugljanin, ein 28-jähriger Wirtschaftsstudent, der im Kindergartenalter mit seinen Eltern aus Serbien in die Schweiz gekommen ist. «Viele der etablierten Traditionen im heutigen Islam wurden von Menschen geschaffen und lassen sich nicht direkt aus dem Koran herleiten – darunter ist nicht alles schlecht, aber es darf auf jeden Fall hinterfragt werden.» Das jedoch passiere in den Moscheen zu wenig. «Viele getrauen sich nicht.»

Al-Rahman will auf die Mehrdeutigkeiten im Koran hinweisen, sieht die Vielfalt an Interpretationen als Chance und Bereicherung. «Wir möchten den Gläubigen die Möglichkeit geben, sich von der Autorität der Gelehrten zu emanzipieren und die spirituelle Tradition zu vertiefen», sagt Adıgüzel. Missionieren hingegen wollen sie nicht, auch wenn sie hoffen, dass ihr Verständnis eines dialogbereiten, offenen Islam sich weiterverbreitet und so auch das schlechte Image dieser Religion positiv beeinflusst.

Die Angst vor dem Islam

Die beiden jungen Männer sind fast täglich mit Islamfeindlichkeit konfrontiert. «Das fing schon in der Schule an» erzählt Ugljanin. «Im Religionsunterricht wurden alle Glaubensgemeinschaften vorgestellt, der Islam als einzige als per se gefährlich. Diese Vorstellung ist mittlerweile tief verwurzelt.» Besonders heftig sind die Attacken in den sozialen Medien. «Da blühen die wildesten Verschwörungstheorien, Muslime sind quasi an allem schuld.»

Das alles hat natürlich einen Grund. «Viele im Westen haben nach all den Terroranschlägen Angst vor dem Islam, was wir verstehen können», sagt Adıgüzel. «Es liegt an uns, daran etwas zu ändern. Aber das bedingt auch eine grundsätzliche Offenheit und Bereitschaft seitens der Gesellschaft, Muslime aktiv teilhaben zu lassen.» Voraussetzung dafür sei, mehr miteinander zu sprechen statt nur übereinander – in Politik, Kultur, Medien und in den Schulen.

Beide sind sich einig, dass die Voraussetzungen in der Schweiz dafür gut sind. «Das Land ist offen und vielfältig, jeder hat die Möglichkeit, das Maximum aus sich herauszuholen», sagt Ugljanin. «Die Muslime hier sind friedlich, einige haben inzwischen auch richtig gute Jobs, ihre Integration verlief wesentlich erfolgreicher als in Frankreich oder Deutschland, die heute mit viel grösseren Problemen konfrontiert sind.» Einzig die Minarett-Initiative sei ein Fehler gewesen. «Das war reine Symbolpolitik, die nichts änderte und letztlich schadete. Sie erinnert daran, dass Muslime zwar die ungeliebten Jobs auf dem Bau und an der Kasse machen können, sie aber eigentlich nicht erwünscht sind. Dieses Gefühl ist Gift für die Integration.»

Koran
Kerem Adıgüzel und Adis Ugljanin sehen die Vielfalt an Interpretationen des Korans als Chance und Bereicherung.

Im Grunde sei es einfach: «Wer nach dem Koran lebt, wird automatisch ein guter, tugendhafter Bürger.» Die beiden verweisen auf zwei Wissenschaftler, die jedes Jahr mit dem «Islamicity-Index» messen, in welchen Ländern die Kernwerte des Islams am stärksten verwirklicht sind, darunter Prosperität für möglichst viele, Respekt für Menschen- und Zivilrechte, Beitrag zu einer friedlichen und produktiven Welt. 2017 stand Neuseeland an erster Stelle, die Schweiz auf Platz 5, Deutschland auf Platz 12. Das erste kulturell islamische Land, Malaysia, findet sich auf Platz 43. «Der Islam ist also problemlos kompatibel mit der westlichen Welt, seine Kernwerte sind hier sogar stärker verwirklicht als anderswo in der Welt», hält Adigüzel fest.

Bei den in Schweizer Moscheen radikalisierten Jugendlichen handle es sich um Einzelfälle, davon ist Ugljanin überzeugt. «Die meisten hiesigen Muslime werden wütend, wenn wieder irgendwo ein islamistischer Anschlag passiert, mindestens so wütend wie bei einer Mohammed-Karikatur.» Adıgüzel rät dennoch zur Wachsamkeit: «Niemand hat einen genauen Überblick, was in den diversen Moscheen alles passiert. Und die Muslimbruderschaft ist gut organisiert, wir müssen aufpassen und sicherstellen, dass es bei Einzelfällen bleibt.» Die Religion werde von diesen Leuten missbraucht, um politische Machtinteressen durchzusetzen.

Grosse Resonanz – aber vor allem online

Ganz wichtig ist ihm, nicht nur als Muslim wahrgenommen zu werden. «Ich bin auch Ehemann, Offizier, Vita-Parcours-Läufer, Filmfan, mag Science-Fiction, Wissenschaft und Geek-Kram», sagt Adıgüzel. Er wuchs in der Schweiz mit relativ liberalen türkischen Eltern auf, wurde religiös aber eher traditionell geprägt, «auch wenn ich eigentlich nur auf dem Papier Muslim war». Nach der Trauerfeier für einen guten Freund fing er an, sich intensiver mit religiösen Regeln und Gepflogenheiten zu beschäftigen. «Ich realisierte, dass über 80 Prozent der Traditionen gar nichts mit dem Koran zu tun haben, und wollte mehr wissen.» 2007 wurde er Mitglied bei der Koranforschungsgruppe Istanbul und beschäftigte sich während seines Mathematikstudiums nebenher mit islamischer Theologie und Philosophie – erst dadurch wurde er spirituell geprägt.2007 schaltete er seine Website auf, inspiriert von einer anderen aus Deutschland.

Ugljanin ist als Sunnit aufgewachsen, war sogar dem Salafismus gegenüber nicht abgeneigt. Dann wurde er mit der Regel konfrontiert, dass Kunst Sünde sei. «Als leidenschaftlicher Zeichner stand ich vor der Wahl, meine Werke zu verbrennen oder meinen Glauben zu hinterfragen.» So landete er bei den Schiiten, wo Zeichnen kein Problem ist. Die Terroranschläge im Namen des Islams warfen erneut Fragen auf, online stiess er auf Al-Rahman, wo er gute, überzeugende Antworten fand.

Regelmässige Gebetsanlässe und Diskussionsrunden organisiert Kerem Adıgüzel schon seit 2013. Zu Beginn kam immer etwa das gleiche Dutzend Personen zu diesen Anlässen, seit der Vereinsgründung ist das Publikum vielfältiger geworden, die Zahl der Besucher bleibt jedoch überschaubar. Online ist das Interesse hingegen gross: Im Schnitt zählt die Site 20 000 bis 25 000 Lesende pro Monat.

Es ist vor allem der Bildungsaspekt, der die Leute anzieht. «Besonders Frauen sind stark daran interessiert», sagt Adıgüzel, «auch weil sie in ihrem Umfeld oft mit bestimmten Problemen konfrontiert sind, etwa Einschränkungen durch den Ehemann, die dieser ungerechtfertigt mit dem Koran begründet.» Al-Rahman liefert dann Erklärungen oder aus dem Koran begründbare Gegenargumente. «Dort steht zum Beispiel sinngemäss: ‹Übertreibt es nicht mit eurer Religion.›»

Innerhalb der muslimischen Welt wirken wir schon eher alternativ, das ist sicher für einige eine Hürde.

Der Verein pflegt Kontakte zu diversen muslimischen und nicht-muslimischen Organisationen in der Schweiz. Widerstände und Anfeindungen gibt es kaum. «Innerhalb der muslimischen Welt wirken wir aber schon eher alternativ, das ist sicher für einige eine Hürde», sagt Adıgüzel. Eine weitere ist, dass viele Muslime in ihrer Kultur stark emotional verwurzelt sind. «Hinterfragt man das traditionelle Verständnis des Mainstream-Islam, wird schnell die eigene Identität infrage gestellt.» Die grösste Hürde jedoch sei die Faulheit, ergänzt Ugljanin. «Viele sind daran gewöhnt, sich am Freitag ihre Portion Religion abzuholen, das wars. Aufgrund dieses Halbwissens wird dann über andere geurteilt.»

Organisationen, die vergleichbare Ziele verfolgen gibt es in mehreren Ländern, auch in der islamischen Welt. «Aber ein systematischer Austausch findet nicht statt, weil die Bedürfnisse und Herausforderungen von Land zu Land unterschiedlich sind», sagt Adıgüzel.

Beide sind sich einig: Es ist noch ein langer Weg, bis sich Muslime in der Schweiz und in Europa willkommen fühlen – und dafür braucht es viel Arbeit auf allen Seiten. «Es muss gefördert und gefordert werden», sagt Kerem Adıgüzel. «Und es braucht einen gewissen Vertrauensvorschuss seitens der Bevölkerung, den wir uns aber auch erarbeiten müssen.» Adis Ugljanin sieht in dem aktuellen Konflikt sogar eine Chance: «Statt uns aus dem Weg zu gehen, beschäftigen wir uns miteinander. Und wenn all die gegenseitigen Vorurteile überwunden sind, bleibt am Ende Verständnis.»

Buchtipp: Kerem Adıgüzel: «Schlüssel zum Verständnis des Koran», 2015, bei exlibris.ch

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