09. März 2015

Illegale Hanfplantagen: Es geht um viel Geld

Die Meldungen über Hanfanbauer, die der Polizei ins Netz gehen, häufen sich. Mehrere Hundert Anlagen werden jedes Jahr entdeckt. Ob die vollständige Legalisierung von Cannabis etwas daran ändern würde, ist umstritten. Was ist Ihre Meinung dazu?

Indoor-Hanfanlage
Diese Indor-Hanfzucht wurde im März 2013 von der Kantonspolizei St. Gallen in Balgach SG ausgehoben.

Eine kleine Hanfzucht in der Wohnung eines Baselbieter Polizistenpaares, eine Riesenanlage in einer Gewerbesiedlung in Bülach ZH, eineinhalb Kilo Marihuana in Schaffhausen: Praktisch im Wochentakt meldet die Polizei im Moment die Aufdeckung von illegalen Indoorhanfplantagen und deren Produkten. Ende Februar wurde die St. Galler Polizei zu einer Schiesserei in Altstätten SG gerufen. Es gab zwei Schwerverletzte und zwei Verhaftete – auch hier ging es um Hanf. Der Zürcher Rechtsanwalt Oliver Jucker, der Klienten illegaler Hanfanlagen vertritt, kann sich vorstellen, dass Kriminaltouristen die Plantage überfallen haben. In der Schweiz wird immer brutaler um Hanfanlagen gekämpft, wie Eugen Rentsch (57) von der St. Galler Kantonspolizei bestätigt. Als Leiter der Abteilung Betäubungsmitteldelikte war er beim Einsatz in Altstätten dabei. Er kann die Entwicklung im Hanfhandel besonders genau beobachten: In keinem anderen Kanton ist die Anzahl aufgeflogener Anlagen so steil angestiegen wie im Kanton St. Gallen.

Seit Herbst 2013 werden Erwachsene für Cannabiskonsum nur noch gebüsst und nicht mehr angezeigt. Und im Parlament wird über den kassenpflichtigen Einsatz von Cannabis bei bestimmten Krankheiten debattiert. Ob die Entkriminalisierung von Cannabis zu weniger illegalen Anlagen führen würde, bezweifelt Eugen Rentsch. Er weiss aber, wie man den Tätern auf die Spur kommt

DAS INTERVIEW mit Eugen Rentsch (57), Leiter der Abteilung Betäubungsmitteldelikte bei der St. Galler Kantonspolizei

«Polizisten wissen, dass jede Anlage früher oder später auffliegt»

Eugen Rentsch Kapo St. Gallen
Eugen Rentsch

Eugen Rentsch, letztes Jahr wurden im Kanton St. Gallen 70 Hanfplantagen ausgehoben. Im Jahr zuvor waren es nur 19. Was ist passiert?

Das Qualitätsbewusstsein in der Cannabisproduktion ist gewachsen. Mit dem Outdooranbau landet man heute keinen grossen Coup mehr. Indoor-anlagen liefern bessere Produkte und sind ergiebiger. Sie rentieren also mehr. So wurden in den letzten Jahren praktisch alle Zuchten nach drinnen gezügelt. Vermutlich wird auch gesamthaft mehr Cannabis angebaut.

Wo wird das Cannabis konsumiert?

Ein grosser Teil in der Schweiz, aber einiges wird auch über die Grenze geschmuggelt.

Und warum ist gerade Ihr Kanton so ein Eldorado für Hanfanbauer?

Die Grenznähe könnte eine Rolle spielen, denn das Cannabis wird gern nach Deutschland und Österreich verkauft, das wissen wir von unseren ausländischen Kollegen. Und uns sind letztes Jahr gleich mehrere Gruppen ins Netz gegangen, die jeweils verschiedene Anlagen besassen.

Mit welcher Strafe müssen Hanfbauern rechnen?

Je nach Vorstrafen sowie Grösse der Plantage und Höhe des Umsatzes zwei bis drei Jahre Gefängnis.

Wer sind die Betreiber?

Man kann sie grob in zwei Gruppen unterteilen: jene, die selber kiffen und neben dem Eigenbedarf noch ein bisschen etwas für Freunde anbauen, und solche, die bis zu 100 000 Franken in eine Anlage investieren und damit auch gutes Geld machen. 500 Pflanzen werfen gut 100 000 Franken im Jahr ab.

Ist das dann ein Fulltime-Job, oder arbeiten die Betreiber noch nebenher?

Ich sags mal so: Wenn sie nicht Hanf züchten würden, hätten sie wohl keinen Job. Sobald die Anlage mal steht, läuft vieles vollautomatisch: Bewässerung, Beleuchtung, Düngung.

Und dann gibt es Polizisten wie Ihre Berufskollegen aus Baselland, die damit schnelles Geld machen wollten.

Für so etwas habe ich überhaupt kein Verständnis. Die beiden haben auch nicht sehr weit gedacht. Sie wissen ja, wie ermittelt wird und dass jede Indooranlage irgendwann auffliegt.

Wie finden Sie die Plantagen?

Oft rufen uns Nachbarn der Betreiber an und sagen, es rieche süsslich im Haus. Abgedunkelte Fenster und ungewöhnlich hohe Stromrechnungen sind auch verdächtig. Denn die Pflanzen müssen im Dunkeln stehen und künstlich beleuchtet werden. Oft führen uns auch Kiffer, die uns ins Netz gegangen sind, zu ihren Lieferanten.

Die Anlage in Altstätten haben Sie entdeckt, weil Sie von den Betreibern zu einer Schiesserei gerufen wurden.

Genau. In der ganzen Schweiz gibt es eben nicht nur Gruppen, die mit wenig Aufwand viel Geld machen wollen, sondern auch jene, die das Gras abholen möchten, ohne dafür zu arbeiten. Beides sind kriminelle Banden – oft aus dem Balkan – und im Kampf um die Plantagen wird immer mehr Gewalt eingesetzt.

Wie werden die Anlagen vor solchen Überfällen geschützt?

Da gibt es Türen, die unter Strom stehen, vergitterte Fenster oder Sprayanlagen, die Reizstoffe auf die Einbrecher versprühen.

Gäbe es weniger Kriminalität im Hanfanbau, wenn der Cannabiskonsum legal wäre?

Das glaube ich nicht, denn das sind zwei verschiedene Dinge. Für den legalen medizinischen Einsatz, der gerade diskutiert wird, müssten lizenzierte, kontrollierte Zuchten angelegt werden. Dagegen gibt es wirklich nichts einzuwenden. Den illegalen Handel würde das aber nicht tangieren, solange damit so viel Geld zu machen ist

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