21. Mai 2013

«Ich wurde im Spital neben der Kaffeemaschine abgestellt»

Die Karriere der ehemaligen Profi-Snowboarderin Tanja Frieden wurde durch einen beidseitigen Achillessehnenriss vor drei Jahren jäh beendet. Im Interview spricht sie über ihre Verletzung, die Behandlung und was sie rückblickend daraus gelernt hat.

Tanja Frieden
Tanja Frieden, ehemalige Profisnowboarderin (Bild: zVg)

Ein Sturz in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2010 verhinderte die Teilnahme und die angestrebte Titelverteidigung. Wie erlebten Sie den Unfall?

Es war eigentlich ein fast alltäglicher Sturz, optisch überhaupt nichts Wildes. Dennoch rissen beide Achillessehen und ich brach mir ausserdem meine Fussgelenke. Eine mehr als eine seltene Verletzung.

Was ist in den ersten Minuten nach dem Sturz passiert?

Man hat mir die Schuhe ausgezogen. Wie das bei dieser Verletzung möglich war, ohne sie aufzuschneiden, ist mir heute ein Rätsel. Der Arzt sagte mir noch vor Ort, dass mindestens eine Achillessehne gerissen sei. Da wusste ich sofort, dass Olympia für mich gelaufen war. Die Sehne ist der Hauptanker des Körpers.

Anschliessend wurden Sie ins Spital gebracht?

Genau, ich wurde in ein Spital in Québec gefahren. Dort hat man mich erst mal neben der Kaffeemaschine abgestellt. Da die Verletzung nicht lebensbedrohlich war, landete ich auf der Prioritätenliste der Ärzte wohl ziemlich weit unten. Am nächsten Tag wurde ich nach Zürich geflogen und direkt in die Hirslanden-Klinik chauffiert.

Ist eine Achillessehnen-Operation ein Routine-Eingriff? Verlief alles unproblematisch?

Der Eingriff an sich verlief sehr gut, die Ärzte haben sich prima um mich gekümmert. Allerdings war mein Körper auf die verwendeten Vicryl-Fäden allergisch. Deshalb verheilten die Narben nicht so wie sie sollten. Diese wurden alternativmedizinisch mit Arnika und Akkupunktur behandelt, sind aber bis heute gut zu sehen.

Nach der Entlassung aus dem Spital begann sofort das Aufbautraining?

Nein. Ich sass zunächst drei Monate mit den Füssen im Gips im Rollstuhl, anschliessend konnte ich erste Gehversuche mit eingegipsten Füssen machen. Nach der Operation erklärte ich den Rücktritt und musste deshalb nicht ein Aufbau zurück in den Spitzensport machen, sondern «nur» in den Sportalltag. Somit hatte ich keinen Zeitdruck. Eine neue Erfahrung für mich.

Hatten Sie den Rücktritt ohnehin geplant nach Olympia 2010?

Ja. Vancouver wäre für mich das letzte Rennen gewesen. 14 Jahre Spitzensport sind genug.

Wie verläuft die Regeneration, wenn die Verletzung keinem durchtrainierten Profisportler passiert?

Bei einem einfachen Achillessehnenriss kann der Fuss relativ schnell wieder belastet werden. Aber jeder der sich die Sehne reisst, muss auf jeden Fall mit einer langwierigen Reha-Phase rechnen. Bei mir dauerte sie insgesamt neun Monate.

Ich kann mir vorstellen, dass die mentale Verarbeitung des Unfalls weitaus schwieriger zu bewerkstelligen ist, als der physische Aufbau....

Bei der Aufarbeitung des Unfalls half mir persönlich sicher die Erfahrung aus 15 Jahren Spitzensport. Ich lernte früh, immer vorwärts zu schauen und mich auf die nächste Aufgabe zu fokussieren.

Das tönt jetzt fast schon zu einfach. Wie haben Sie das konkret gemacht?

Ich habe mir kleine Zwischenziele gesetzt und mich darüber gefreut, wenn ich sie erreicht habe. Zum Beispiel den Weg in die Physiotherapie zu Fuss zurückzulegen. Zudem versuchte ich, das Erlebte als Chance wahrzunehmen. Einmal blieb ich mit dem Rollstuhl im Schnee stecken und musste befreit werden. So konnte ich erstmals nachvollziehen, wie Menschen mit Behinderung den Alltag erleben. Das war für mich sehr bereichernd.

Welche Tipps würden Sie unseren Lesern abschliessend auf den Weg geben, wenn Sie einen Achillessehnenriss erleiden?

Am wichtigsten ist sehr gute ärztliche Hilfe. Stecken Sie sich wie ich Zwischenziele und freuen Sie sich, wenn Sie diese erreichen. Nutzen Sie die Reha-Phase als Rückzug aus der schnelllebigen Zeit, in der wir leben. Ich empfinde das als etwas sehr wertvolles.

Das Interview wurde telefonisch geführt.

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