25. Februar 2013

«Ich will mir nicht vorstellen, wie es ist, meine Kinder zu verlieren»

Der Film «The Impossible» erzählt die wahre Geschichte einer spanischen Familie, die den Tsunami überlebt hat. Naomi Watts spielt den Überlebenskampf der Mutter so eindringlich, dass sie für einen Oscar nominiert wurde.

Naomi Watts
«Die Szenen unter Wasser haben mich in Angst versetzt.» Schauspielerin Naomi Watts über ihre Rolle im Film «The Impossible».

Naomi Watts, haben Sie selbst schon einmal eine Naturkatastrophe miterlebt?

Ich habe Erdbeben in Los Angeles miterlebt. Auch das grosse in den 90er-Jahren. Und als Teenager kam ich einmal in einen bösen Sog im Meer: Als meine Familie von England nach Australien emigrierte, lebten wir zuerst eine Weile in Bali. Mein Bruder und ich waren keine sonderlich guten Schwimmer, und wir drifteten mehr und mehr ab. Ich sah, wie meine Mutter in Panik geriet. Doch irgendwie kamen wir dann wieder an Land. Aber es gab Tote an dem Strand. Wasser und Wellen machen mir deshalb immer noch Angst. Aber natürlich kann man meine Erfahrungen nicht mit dem Tsunami von 2004 vergleichen.

Als Teenager kam ich einmal in einen bösen Sog im Meer.

Sie spielen in «The Impossible» die Mutter einer Familie, die den Tsunami damals in den Ferien in Thailand auf wundersame Weise überlebt hat. Wie ist es Ihnen als Schauspielerin gelungen, sich in so eine Katastrophe hineinzufühlen?

Ich habe eine rege Fantasie. Aber so rege ist sie nicht, dass ich mir vorstellen könnte, von einem Tsunami weggespült zu werden und danach ums Überleben zu kämpfen, nicht wissend, wo die andere Hälfte der Familie ist. Ich kann und will mir auch nicht vorstellen, wie es ist, meine eigenen Kinder zu verlieren oder nicht zu wissen, wo sie sind. Es war mir daher sehr wichtig, Maria Belón zu treffen. Wir sassen uns am Anfang einfach nur gegenüber und hielten uns die Hand. Es war ein eindrücklicher Moment.

Die Schauspieler und das Ehepaar Alvarez Belón bei der Premiere des Films «The Impossible»: Vater Enrique Alvarez, Naomie Watts, Film-Sohn Tom Holland, Ewan McGregor, Mutter Maria Belón und der Regisseur Juan Antonio Bayona (von links)(Bild: Getty Images).
Die Schauspieler und das Ehepaar Alvarez Belón bei der Premiere des Films «The Impossible»: Vater Enrique Alvarez, Naomie Watts, Film-Sohn Tom Holland, Ewan McGregor, Mutter Maria Belón und der Regisseur Juan Antonio Bayona (von links)(Bild: Getty Images).

Haben Sie auch über «Survivor’s Guilt» gesprochen, also über die Schuldgefühle, die man entwickelt, weil man überlebt hat und viele andere nicht?

Ja, sie kennt das Gefühl. Es war schwierig für sie, mit ihrer Familie das Katastrophengebiet zu verlassen, denn das gemeinsam Erlebte schweisst einen auch mit fremden Menschen zusammen. Mir ging es nach dem 11. September in New York ähnlich. Man entwickelt ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das man sonst nicht spürt.

Sind Sie ein Mensch, der immer auf den Notfall vorbereitet ist? Haben Sie zum Beispiel Vorräte angelegt, oder rüsten Sie sich speziell aus für eine Reise?

Nein, vermutlich bin ich nicht genügend vorbereitet. Man kann sich ja auch nicht auf alles vorbereiten. Als wir in Thailand drehten, musste ich für eine Szene nach Bangkok. Die Kinder liess ich in Phuket, wo wir den Rest filmten. Ausgerechnet an dem Abend gab es eine Tsunami-Warnung. Das hat mir schon etwas Angst gemacht. Aber eigentlich kann man nur darauf vertrauen, dass man gute Leute um sich hat, weiss, wo alles ist und wer die wichtigen Kontakte hat.

Die erste Fahrt ins Katastrophengebiet war schon aufwühlend.

Sie haben in Spanien, aber auch an Originalschauplätzen in Thailand gedreht. Wie haben Sie den Tsunami-Tatort erlebt?

Die erste Fahrt ins Katastrophengebiet war schon aufwühlend. Man sieht die Zerstörung immer noch, und jeder hat etwas zu erzählen. Geschichten ohne Ende. Erinnerungen an den letzten Moment, als man sein Kind nicht mehr halten konnte und loslassen musste. Einfach unglaublich. Wir fanden in der Nähe des Drehorts einen schönen Strand und befreundeten uns mit dem Mann, der ihn unterhält. Er hat mehrere Familienmitglieder im Tsunami verloren. Es ist alles noch so frisch, man kann gar nicht anders, als das alles mitaufzunehmen.

Am 26. Dezember trifft die Springflut auf Patong Beach auf der thailändischen Ferieninsel Phuket. (Bild: Keystone).
Am 26. Dezember trifft die Springflut auf Patong Beach auf der thailändischen Ferieninsel Phuket. (Bild: Keystone).
(Bild: Keystone)
(Bild: Keystone)

Waren die Dreharbeiten auch körperlich anstrengend?

Extrem! Man sagt ja, Wasser sei das schwierigste Element zum Drehen, und das war es auch. Als Schauspieler kann man die Kontrolle über die Performance so ziemlich vergessen, man schluckt einfach viel Wasser, taucht auf und wieder unter. Das ging ja noch, aber die Unterwasserszenen haben mir schon Angst gemacht. Ich war an einem Stuhl festgemacht. Der wirbelte herum. Einmal in die falsche Richtung, da bekam ich Panik. Vielleicht wollten sie einfach, dass ich verängstigter aussah. (lacht) Aber es war auch so klaustrophobisch genug für mich.

Die gewaltigen Wassermassen hinterlassen nichts als Verwüstung. (Bild: Keystone)
Die gewaltigen Wassermassen hinterlassen nichts als Verwüstung. (Bild: Keystone)

Vor «The Impossible» haben Sie die Undercover-Agentin Valerie Plame gespielt, danach Prinzessin Diana, und bald werden Sie Gertrude Bell verkörpern, die britische Nahostexpertin aus den 20er-Jahren. Sind fiktive Rollen gar nicht mehr interessant für Sie?

Doch schon. Aber ich fand halt in allen Fällen die Geschichten dieser Frauen erzählenswert. Wenn man sie treffen kann, ist das vorteilhaft, bei anderen, wie Diana, gibt es viel Informationsmaterial. Aber am Schluss muss man aufpassen, dass man sich nicht in einer Imitation verzettelt. Man muss seine eigene Interpretation der Figur finden.

Insbesondere der Film «Diana» von Regisseur Oliver Hirschbiegel hat bereits hohe Wellen geworfen, obwohl er erst in der zweiten Jahreshälfte in die Kinos kommt. Gibt Ihnen das nicht zu denken?

Mutig sei mein Entschluss, diese Rolle zu spielen, sagten viele. Das heisst im Klartext: Du hast nicht alle Tassen im Schrank! Jeder hat das Gefühl, Diana zu kennen, und hat eine Meinung, wie sehr ich ihr ähnlich sehe oder eben nicht. Aber wie gesagt, mich fasziniert ihre Geschichte. Diana war eine Person, die viel erreicht hat, aber hart für ihr Glück kämpfen musste − eine wunderbare Frau voller Traurigkeit.

Im Gegensatz zu vielen Ihrer Berufskolleginnen liess der Durchbruch bei Ihnen lange auf sich warten. Wie blicken Sie heute, als Schauspielerin, die zum zweiten Mal für den Oscar nominiert ist, auf diese Zeit zurück?

Es scheint mir, als sei es erst gestern gewesen, als ich noch von einer Ecke der Stadt zur anderen fahren musste, um ein Blatt Papier für eine Vorsprechprobe abzuholen, weil man es mir nicht faxen konnte. Gute zehn Jahre flog ich unter dem Radar, ohne wahrgenommen zu werden. Dann hatte ich das Glück, dass David Lynch mich für «Mulholland Drive» engagiert hatte. Das ist immer noch der Film, auf den ich am meisten angesprochen werde, er ist über all diese Jahre aktuell geblieben. Dass ich damals eine grossartige Rolle für einen grossartigen Filmemacher spielen durfte, war ein grosses Glück, denn so sahen mich andere grossartige Filmemacher, und das Telefon fing endlich an zu klingeln.

Und jetzt sind Sie gefragter denn je. Kommt da manchmal Ihre Familie zu kurz?

Ich habe tatsächlich ein sehr vollgepacktes Jahr hinter mir. Ich bin auch viel gereist, weil gleich zwei der Filme weit weg von New York, wo ich mit meiner Familie lebe, gedreht wurden. Das mache ich normalerweise nicht. Denn unsere beiden Buben gehen jetzt in die Schule. Da muss ich eine Rolle schon unbedingt spielen wollen. Denn die Familie mitzunehmen, ist nicht immer einfach, und es muss die Mühe deshalb wirklich wert sein.

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