10. August 2018

Ich und du – blöde Kuh

In ihrer Kolumne zum Dossier «Schulanfang» erinnert sich die Kabarettistin und Autorin Patti Basler an ihre beste Schulfreundin in der Dorfschule.

Patti Basler
Patti Basler (42) ist Poetin, Kabarettistin und Autorin, ehemalige Lehrerin und studierte Erziehungswissenschafterin. (Bild: Tibor Nad)
Lesezeit 1 Minute

Lara hiess niemand bei uns im Dorf. Erst einige Jahre später würden all die Laras, Leas, Lisas und Lenas geboren werden. Lara? Zu kurz war der Name. Klara kannte man, klar, Laura auch. Doch Lara hiessen bei uns nur die Kühe, deren Namen möglichst kurz sein mussten, damit sie auf die kleinen Kreidetafeln im Anbindestall passten. Und weil ich die Kühe des elterlichen Hofs und die Bauernkinder des Dorfs alle beim Namen kannte, zog die exotische Lara mich an wie der Mist die Fliegen.  

Lara war neu in der Klasse, neu im Dorf, neu im Kanton. Schnell war sie Klassenbeste, ohne viel dafür zu tun. Nun war ich nicht mehr die Einzige, die von Fräulein Scheidegger dazu verknurrt wurde, beim Korrigieren der Diktate zu helfen. Was mir verständlicherweise den komplett ungerechtfertigten Ruf einer Streberin eingebracht hatte. Den wurde ich nicht mal los, als ich mich auch nonverbal zu wehren begann gegen die prügelnden Jungs.

Doch nun hatte ich eine Freundin. Eine Verbündete. Eine Gleichgesinnte. Statt ein Fertighäuschen zu kaufen, baute Laras Familie ungeheuerlicherweise einen Bauernhof um. Im Stall stand nun ein Klavier. Im Garten gab es nicht nur Gemüse, sondern auch eine Hütte für uns Kinder. Dort horteten wir nach der Papiersammlung die ergatterten Sexheftli. Wir lernten mehr über unseren Körper als in der Dorfschule. So hatte während der Lektionen fürs Papiersammeln dennoch Unterricht stattgefunden. Ob Fräulein Scheidegger absichtlich einige Heftli in die verschnürten Zeitungsbündel schmuggelte?  

Lara und ich dichteten anzügliche Reime ­darüber und unterhielten uns monatelang auf Hochdeutsch. Möglichst akzentfrei. Wie in den Vorabendserien, die wir beim Grosi schauten. Wir bauten Schlösser aus Luft und ganze Paläste aus Strohballen. Die waren damals noch klein und von Hand zu transportieren. In den stickigen, pieksenden dunklen Gängen machten wir Hausaufgaben und Liebesgeständnisse. Denn in unseren schwärmerischen Liebesrollenspielen waren wir Junge und Mädchen, etwas anderes kannten wir nicht. Beide wollten wir immer der Junge sein. Denn Jungs waren gemäss unserer Erfahrung zwar schlechter in der Schule, hatten aber mehr Spass, mehr berufliche Möglichkeiten und weniger Handarbeitsunterricht. Beim Entrümplen letzthin fand ich den Zettel, den Lara mir in der 4. Klasse unter dem Pult zugesteckt hatte: «Wir zügeln auf Bern.» 

Blöde Kuh, dachte ich damals. Drei Nächte lang weinte ich. Dann suchte ich mir eine neue Freundin. Doch es war nicht dasselbe: Sie wollte nie ein Junge sein. Gabriela hiess sie. Das passte nicht einmal auf die Kreidetafeln der Kühe im Anbindestall. Heute gibt es Freilaufställe und gechipte Kühe. Und ich denke wieder: blöde Kuh! Weil ich mich nie mehr bei Lara gemeldet habe.

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Illustrationen von Sandra Gujer

Mehr Frieden auf dem Schulhof

Schriftzug «Warum mache ich blau, wenn ich die Schule schwänze?

Warum heisst es «blaumachen», wenn ich die Schule schwänze?

Illustration: Kind mit Plüschhund

Ferienende

Christa Rigozzi im Kindergarten/zur ersten Schulzeit

Die besten Schulfreunde der Promis