26. März 2018

«Husröiki» bei den Stüssis

Bänz Friedli fühlt sich etwas überrumpelt. Hier findest du die Hörkolumne und kannst dich mit dem Autor und anderen Leser(inne)n austauschen.

Tulpenstrauss
Tulpen für die Stüssis. Plus zwei Quadratmeter Rollrasen (nicht im Bild).

Wenn es gegen Frühling geht, muss ich an die Stüssis denken. Anfang Jahr haben sie ihr Häuslein bezogen, hübsch am Ortsrand mit Blick auf den Glärnisch. Das war nun, genau genommen, kein eigentliches Häuslein mehr, sondern ein Haus. Sie hatten ja vorher schon ein Eigenheim bewohnt, nur eben: ein kleineres. Eines Samstags nun luden sie ein – Freunde, Nachbarn, Bekannte. Wir brachten Tulpen mit und dachten an einen netten Apéro.

Es stellte sich als Bettelaktion heraus. Schon am Eingang hing eine Liste: «Bitte eintragen!» Und beim Anstossen kam Vater Stüssi eindringlich aufs Thema zu sprechen. Es sei eben so, sagte er den «lieben Leuten», dass sie sich keinen Rasen leisten könnten, die ganze Bauerei sei kostspielig gewesen, und wenn man nun nach draussen schaue, müsse man doch zugeben, dass es trostlos aussehe: vor dem Haus alles matschig und braun, die reinste Baustelle noch. «So wollen wir nicht in den Sommer gehen», schloss Stüssi, «deshalb sind wir auf die Idee mit dem Crowdfunding gekommen. Wir wären schampar dankbar, wenn jeder von euch uns mindestens einen Quadratmeter Rollrasen sponsern würde.» Der Rasen, ergänzte die frisch coiffierte Gattin, werde übernächste Woche verlegt, «beste Schweizer Qualität, gäll, Schatz?» Der Quadratmeter à Fr. 21.90 plus Gärtnerkosten. Mit 30 Stutz pro Quadratmeter sei man dabei.

«Crowdfunding», sagte der gute Stüssi. Klingt so rassig. Längst kennt man die Sponsorenläufe sporttreibender Grossnichten und Nachbarskinder, die einem immer wieder bewusst machen, wie viele Grossnichten und Nachbarskinder man hat. Seit einigen Jahren nun gibt es Crowdfunding: Schwarmfinanzierung. Da gehts darum, etwas vorauszubezahlen, was man sich ohnehin gekauft hätte. So habe ich unlängst für den Bildband eines befreundeten Fotografen eingezahlt, ein Kinderbuch über berühmte Politikerinnen, die neue CD der US-Sängerin Emily Duff. Alles gut und recht. Da hab ich ja am Ende etwas davon. Unangenehm ist nur, wenn man ultimativ genötigt wird – «Noch fehlen 1800 Franken, nur noch zwei Tage Sammelfrist!» –, sich das Büchlein eines, nun ja, minder begnadeten Lyrikers aus dem erweiterten Bekanntenkreis zu sichern, das man sich mit Sicherheit nie gekauft hätte.

Item, die Stüssis. Sie haben das Prinzip des Crowdfundings nur so halb begriffen, scheint mir. Aber man hält sich ja dann nicht dafür, Nein zu sagen, also habe ich zwei Quadratmeter Rollrasen bezahlt. Diesen Sommer ist es an der Zeit, ihn auch endlich zu nutzen und mich bei den Stüssis auf meinem Rasenstück in die Sonne zu legen.

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 28. März Zug, 6./7. April Flaach ZH

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