16. Oktober 2017

Hurtige Empörung

Bänz Friedli findet Entrüstung (nicht immer) angebracht. Hier kannst du die Hörkolumne herunterladen und dich mit dem Autor oder anderen LeserInnen austauschen.

Filmplakat von «Flitzer»
Wie political correct müssen/sollen/dürfen Filme sein? Und was ist mit dem Rest des Lebens?

Das Einzige, was man Bendrit vorwerfen kann ... Sie kennen Bendrit nicht? Fragen Sie Ihre Enkel! Bendrit ist der fette Jugo, der mit Faxen auf Facebook und Instagram Abertausende junger Leute begeistert. Man kann ihm vorwerfen, dass sein Ausdruck «geischtig behindert» ein bisschen passé ist. Er verwendet ihn im Film «Flitzer», in dem er einen Coiffeur spielt, im Grunde aber sich selbst. «Di Idee isch geischtig behindert», sagt er zu einem Kunden, der Sportwetten auf Leute abschliessen will, die nackt in Sportveranstaltungen platzen.

Die Wogen gingen hoch, kaum lief der Kinotrailer: Der Ausdruck sei diskriminierend. Pro Infirmis verlangte gar das Herausschneiden der entsprechenden Szene. Wie gesagt, der Ausdruck ist alt. Vor zehn Jahren schon kamen unsere Kinder mit Pausenplatzschimpfwörtern wie «Missgeburt», «Hirnamputiertä» und «Behindi» daheim an. Natürlich reagierte ich, wie Eltern reagieren müssen, erklärte, dass ich solche Wörter nicht dulde. Ging dann aber in mich und musste eingestehen, dass der Slang unserer Jugendtage nicht besser war. «Möngu» und – übler noch – «Köntu» warfen wir uns an den Kopf, womit wir auf die missgebildet geborenen Opfer des Medikaments Contergan anspielten. Jugendliche müssen solche Grenzen ritzen. Wir würden uns gescheiter daran stören, dass die mächtigsten Männer der Welt das saudische Schurkenregime hofieren. Dass am Zürcher Filmfestival einer gefeiert wird, der mehrere Mädchen vergewaltigt hat, Roman Polanski. Und daran, dass viele Menschen in unserem Land in schreiender Armut leben, derweil einigen wenigen fast alles gehört.

Heute sage man «kognitiv beeinträchtigte Menschen», habe ich aus dem Aufruhr um Bendrit gelernt. In den USA geht die Political Correctness noch weiter. Lehrerinnen dürfen Michelangelos David nicht mehr zeigen, weil jemand sich an dessen Schnäbi stossen könnte. Wozu das führt? Dazu, dass eines Tages ein Rüpel namens Trump kommt, dessen Programm einzig darin besteht, all die überkorrekten Richtlinien zu verletzen, der pöbelt, Frauen und schwarze Sportler schmäht, Häme und Rassismus sät. Darüber sollten wir uns entrüsten. Nicht über Jugendslang.

Bestimmt haben Sie sich am «fetten Jugo» gestört. Aber so würde Bendrit sich selber bezeichnen. Mal sind seine Filmchen und Bildchen im Web ernsthafte Gesellschaftssatiren, mal Albernheiten wie «Sport isch wie e Droge für mich … Ich seg Nei zu Droge», garniert mit einem debilen Grinsen. Moment! «Debil» darf ich nicht schreiben. Sonst kommt die Korrektheitspolizei. Über deren Empörung dürften sich Bendrit und Co. übrigens gefreut haben – beste Gratiswerbung für ihren Film.

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 19.10. Sursee LU, 20.10. Glattzentrum ZH, 21.10. Olten SO

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