10. November 2017

«House of Cards»-Fans im Dilemma

Darf man nach den Sexskandalen um Kevin Spacey, Harvey Weinstein und Co. deren Filme und Serien noch schauen – und gar gut finden? Ja, findet Philosophin Susanne Schmetkamp, aber nicht blauäugig.

House of Cards
Kevin Spacey und Robin Wright als Präsidentenpaar Frank und Claire Underwood in der Netflix-Serie «House of Cards». (Fotos: Keystone)
Lesezeit 6 Minuten

Was haben «House of Cards», «Pulp Fiction» und «Rain Man» gemeinsam? An allen dreien waren in zentralen Funktionen Männer beteiligt, die in den letzten Wochen beschuldigt worden sind, teils über Jahrzehnte Frauen oder Männer sexuell belästigt oder genötigt zu haben.

Zwei von ihnen, Kevin Spacey (58) und Harvey Weinstein (65), sind inzwischen sozial und beruflich geächtet und abgetaucht, ihre laufenden Projekte sistiert oder in Überarbeitung. So hat Netflix entschieden, «House of Cards»-Hauptdarsteller Spacey zu entlassen, und prüft derzeit, wie die letzte Staffel ohne die bisherige Hauptfigur beendet werden könnte. Und Regisseur Ridley Scott schneidet den Star aus seinem neuen Thriller-Drama «All the Money in the World» und dreht dessen Szenen als exzentrischer Milliardär J. Paul Getty mit Christopher Plummer nach. Der dritte, Dustin Hoffman (80), ringt noch um seine Reputation. Und das sind nur drei der prominentesten Namen, inzwischen wurden noch viele weitere mehr oder weniger bekannte Stars beschuldigt.

Film- und Serienfans sind im Dilemma: Wie sollen sie nun mit den Werken dieser Männer umgehen? Auf die schwarze Liste setzen und nie wieder schauen, auch wenn sie noch so gut sind? Oder weiter einfach Fan sein und so tun, wie wenn nichts wäre? Wir haben bei Susanne Schmetkamp um Rat gefragt, die sich am Philosophischen Seminar der Universität Basel mit Kunst und Medien beschäftigt.

Susanne Schmetkamp (40) forscht als Postdoktorandin am Philosophischen Seminar der Universität Basel
Susanne Schmetkamp (40) forscht als Postdoktorandin am Philosophischen Seminar der Universität Basel

Ich bin ein Fan von «House of Cards»: Darf ich traurig sein, dass die sechste und letzte Staffel, wenn überhaupt, nur noch ohne den grossartigen Hauptdarsteller Kevin Spacey kommen wird?

Ja, das dürfen Sie. Aber möglicherweise haben Sie deswegen ein schlechtes Gewissen und eine geringere Wertschätzung für den Hauptdarsteller.

Ein schlechtes Gewissen sollte also schon sein, finden Sie.

Sagen wir lieber: ein ungutes Gefühl. Aber Kunstwerke und ihre moralische Bewertung sind weder eins, noch können wir sie völlig getrennt betrachten. In diesem Fall müssen wir die drei Dimensionen von Kevin Spacey auseinanderhalten: den Privatmenschen, den Schauspieler und Star sowie die Figur Frank Underwood, die er in «House of Cards» spielt. Wer steckt hinter den Taten? Sicher nicht die fiktionale Figur ...

... die sich allerdings moralisch auch regelmässig fragwürdig verhält.

Ja, Figur und reale Person scheinen diesbezüglich nicht unähnlich. Würde Spacey einen Moralisten spielen und das in der Öffentlichkeit auch propagieren, käme noch eine weitere Dimension hinzu. Aber das ist nicht der Fall. Es war auch nicht in erster Linie die Privatperson Spacey, die diese Taten begangen hat, es war der Star, der seine Reputation und Macht gegenüber den Opfern ausgenützt hat. Genauso wie Harvey Weinstein. Das Ganze wurde auch durch ein bestimmtes System möglich gemacht.

Diese Mechanismen der Ausnützung von Macht für sexuelle Handlungen sind wohl auch weiter in der Filmindustrie präsent.

Kann ich den Schauspieler dennoch weiter schätzen?

Da gibt es keine pauschale Antwort. Zwar ist auch Frank Underwood nicht ganz zu trennen von dem Star, der ihn verkörpert, aber Spaceys unmoralisches Verhalten fliesst nicht direkt in seine Arbeit ein. Anders sieht das aus, wenn ein Werk eine moralisch problematische Sichtweise repräsentiert, wie im Fall der deutschen Regisseurin Leni Riefenstahl. Ihre Filme sind ästhetisch grossartig, aber unterstützen ganz klar die Nazi-Ideologie. Ihr Werk und ihre Reputation lassen sich nicht unabhängig davon bewerten, welches Menschenbild sie damit propagierte. Bei Spacey wiederum lebt die Figur Underwood und die gesamte Serie vom Erfolg des Schauspielers. Ich finde, man darf seine Arbeit dennoch weiterhin schätzen, aber es sollte einem dabei bewusst sein, welche Chancen sich ihm gerade durch seinen Erfolg boten. Und dass diese Mechanismen der Ausnützung von Macht für sexuelle Handlungen wohl auch weiter in der Filmindustrie präsent sind. Wenn man aber ein persönliches Zeichen setzen will, dann wird man wohl die Werke dieser Männer boykottieren.

Ächtet man damit nicht auch alle anderen, die daran beteiligt sind? Mitgefangen, mitgehangen quasi? Das ist doch total unfair.

Ja. Aber wenn bei einer Produktion zum Beispiel Menschenrechte verletzt oder Tiere getötet wurden und die Beteiligten davon wussten, wäre ein Boykott ja auch gerechtfertigt. Eine wichtige Frage ist dabei, wo man die Grenze zieht. Natürlich ist auch fraglich, wie viel man mit einem privaten Boykott erreicht – wirksamer ist immer eine Form des öffentlichen Protests. Das hilft, die Gesellschaft für solche Folgen von Machtasymmetrien zu sensibilisieren und daran zu arbeiten, sie künftig zu verhindern.

Sind es nicht oft gerade die persönlichen Abgründe, die Menschen zu grossen Künstlern machen? Dafür gibt es doch unzählige Beispiele.

Man kann sich überlegen, welches Leben der Privatmann Kevin Spacey hatte, der sich offensichtlich mit dem Zugeben seiner Homosexualität immer schwergetan hat. Das entschuldigt seine Taten nicht, aber es darf beim Beurteilen seiner Handlungen mit einfliessen. Mit der Argumentation des abgründigen Künstlers läuft man jedoch Gefahr, einen Geniekult zu betreiben oder einem Mythos des Künstlers aufzusitzen und jegliches moralisch problematisches Verhalten einfach damit zu entschuldigen, dass es eben Künstler seien.

Es wird diskutiert, ob man Spacey die Oscars wieder aberkennen soll, die er für «The Usual Suspects» und «American Beauty» gewonnen hat. Wäre das eine angemessene öffentliche Sanktion oder eher ein kleingeistiges Nachtreten, das oberflächlich befriedigt, aber nichts bewirkt?

Eine schwierige Frage. Die Oscars erhielt er als Anerkennung für seine künstlerische Arbeit, und an deren Qualität besteht kein Zweifel. Auf der anderen Seite haben sie zu jenem Ruhm und Starstatus beigetragen, der es ihm ermöglicht hat zu tun, was er getan hat. Eine Aberkennung seiner Leistung hat Signalwirkung, es zeigt: So geht es nicht weiter. Aber die Wertschätzung der Ästhetik darf nicht auf ausschliesslich moralischen Kriterien beruhen. Vielleicht genügt das Mass der Empörung auch, die es jetzt erreicht hat.

Der bis vor kurzem noch gefeierte Schauspieler Kevin Spacey wird wohl lange keine Rollenangebote mehr erhalten.
Der bis vor Kurzem noch gefeierte Schauspieler Kevin Spacey wird wohl lange keine Rollenangebote mehr erhalten.

Darf man Spacey je wieder für eine Rolle engagieren? Wird das irgendjemand wagen? Vielleicht in zehn Jahren?

Ridley Scott schneidet ja nun sogar Szenen mit Spacey aus seinem neuen Film. Hier wird ein Exempel statuiert. Ist das Hysterie oder ein Schritt, mangelnden Respekt zu sanktionieren? Auch hier ist der Übergang fliessend. Man wird Spacey in seinen Rollen künftig sicher nicht mehr nur als fiktionale Figur sehen können, sondern zumindest für eine Weile immer auch die reale Person dahinter. Umgekehrt hat er eine Chance verdient: Wenn er eine Therapie macht und Willen zur Änderung zeigt, sollte man das anerkennen und ihn auch wieder engagieren. Aber das wird sicherlich eine Weile dauern.

Etwas anders ist die Lage bei Harvey Weinstein, dessen Filmarbeit immer nur hinter den Kulissen stattgefunden hat. Sind seine Filme unbedenklicher weiter zu geniessen?

Dass er nicht selbst auf dem Bildschirm erscheint, ermöglicht sicher einen einfacheren Umgang mit seinen Filmen. Auf der anderen Seite hat auch Weinstein enorm von ihnen profitiert, und der Regisseur Quentin Tarantino hat zugegeben, über die Jahre einiges mitbekommen und nichts unternommen zu haben. Wenn man boykottiert, müsste man das eigentlich auch mit den Komplizen machen. Am Ende gibt es nur graduelle Unterschiede zwischen den Fällen Weinstein und Spacey.

Die sexuellen Übergriffe beider Männer haben offensichtlich über Jahrzehnte stattgefunden, und viele wussten Bescheid. Wie erklären Sie sich, dass sich das alles so lange unter dem Deckel halten liess?

Macht und die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft sind sicherlich Faktoren und dass viele das, was sie hörten oder sahen, schlicht nicht so ernst genommen haben. Es könnten aber auch Eigennutz und finanzielle Überlegungen dahinter stecken, wenn man bedenkt, was die Enthüllungen nun ausgelöst haben. Für die Filmemacher bedeutet das grosse Einbussen, Schauspielkollegen verlieren ihre Engagements, weil Projekte eingestellt werden oder nicht mehr zustande kommen. Möglicherweise gibt es in unserer Zeit aber auch eine grössere Sensibilisierung für das Thema, sodass sich die Taten nicht mehr verheimlichen liessen. Vielleicht ist das Fass – nach vielen anderen Sexismusfällen der letzten Jahre – jetzt einfach übergelaufen.

Wir leben in einer Zeit, in der Empörung rasch entsteht und sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Was macht das mit uns als Gesellschaft?

An sich ist moralische Empörung gut – man sollte nicht wegsehen, sondern die Augen offenhalten, sich solidarisieren, auf die Strasse gehen. Gerade wenn es um Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit geht, wie in diesen Fällen. Problematisch sind die Mitläufer, die auf der Welle mitreiten, ohne sich wirklich inhaltlich damit auseinanderzusetzen – umso mehr, als die Empörung aus nichtigen oder kleinlichen Anlässen stattfindet oder gar die Falschen trifft. Die Philosophie plädiert für reflektierte moralische Urteile und einen Sinn für Angemessenheit.

Filmproduzent Harvey Weinstein in einem Foto aus besseren Tagen.
Filmproduzent Harvey Weinstein in einem Foto aus besseren Tagen.

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