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08. Dezember 2014

Posthotel Löwen Mulegns: Rettung nötig

Die 77-jährige Donata Willi möchte mit Neffe Andrin das Posthotel am Julier vor dem Verfall retten.

Posthotel Löwen Mulegns
Das Hotel Löwen in Mulegns gehört zu den traditionsreichsten Gasthäusern im Kanton Graubünden.

Donata Willi (77), die Wirtin des Posthotels Löwen an der Julierstrasse in Mulegns GR, hofft, dass ihr in die Jahre gekommenes, geschichtsträchtiges Postkutschenhotel bald in frischem Glanz erstrahlt. Damit Gäste dort auch künftig so königlich logieren können wie einst Prinz Charles’ Ururgrossmutter oder Papst Paul VI. Eine Stiftung soll das Bijoux retten.

Gut sieben Millionen Franken sind nötig, um das altehrwürdige, 1870 erbaute Hotel im Bündner Bergdorf Mulegns direkt an der Julierpassstrasse wieder in Schwung zu bringen. Alle Hoffnungen ruhen auf Andrin C. Willi (38), dem Neffen, diplomierten Hotelier, der in Zürich als Chefredaktor das Gourmetmagazin «Marmite» verantwortet.

Donata Willi ist Hausherrin, Servierdame, Zimmermädchen, Küchenfee, Waschfrau, Raumpflegerin und Gärtnerin in Personalunion. «So lange, bis sie mich hier rausjagen», sagt sie.
Donata Willi ist Hausherrin, Servierdame, Zimmermädchen, Küchenfee, Waschfrau, Raumpflegerin und Gärtnerin in Personalunion. «So lange, bis sie mich hier rausjagen», sagt sie.

Das architektonische Bijoux ist würdevoll gealtert, der Fassadenputz blättert ab. Das Dach des Anbaus, in das es reinregnete, wurde jüngst mit Unterstützung des Bündner Heimatschutzes und der Denkmalpflege saniert. Im Vergleich zum Hotelgebäude sieht man der attraktiven, unglaublich flinken Gastgeberin Donata Willi die 77 Jahre nicht an. Mit «Ich bin die Donata!», begrüsst sie ihre Gäste im schmucken Arvenstübchen. Braungebrannt ist sie, chic in einen schwarzen Anzug gekleidet, die langen, naturfarbenen Haare zu einem Rossschwanz zusammengebunden.

Bereits seit über 50 Jahren führt die Dame des Hauses zusammen mit der Familie das einstige Postkutschenhotel. Und versprüht mit ihrer jugendlichen Wendigkeit und vornehmen Eleganz fast noch mehr Charme als das spätklassizistische Gebäude aus den Ursprüngen des Hotelbaus.

Weniger Gäste und Einwohner, mehr Verkehr

Für Glitter und Glamour sorgten in den goldenen Zeiten schillernde Persönlichkeiten, nächtigte hier doch 1894 die englische Prinzessin Mary Adelaide, die Ururgrossmutter von Prinz Charles, samt ihrem Gefolge. Anfang 60er-Jahre machte der spätere Papst Paul VI. hier Mittagshalt. Und auch Berühmtheiten wie Albert Schweitzer und Wilhelm Conrad Röntgen liessen es sich im Posthotel gut gehen – vermutlich beim Hausgericht, den Julia-Forellen.

Das Hotel liegt an der Passstrasse zum Julier. Wie durch ein Nadelöhr schlängelt sich der Verkehr heute an ihm vorbei, während früher Postkutschen mit illustren Gästen haltmachten.
Das Hotel liegt an der Passstrasse zum Julier. Wie durch ein Nadelöhr schlängelt sich der Verkehr heute an ihm vorbei, während früher Postkutschen mit illustren Gästen haltmachten.

Wer mit der Postkutsche via Julierpass zur Bäderkur ins Engadin fuhr, machte zur Blütezeit des Posthotels in Mulegns halt, um die strapaziöse Alpenreise angenehmer zu gestalten. Mehr als 22'000 Passagiere kutschierten im Jahr 1900 über den Julierpass. In Mulegns waren bis zu 90 Pferde gleichzeitig eingestallt. Hier wurde das Pferdegespann gegen neue Tiere ausgewechselt. Und am nächsten Tag ging die Reise frisch gestärkt weiter.

Bau der Albulalinie beendete jäh alle Träume

Auf der blumengeschmückten Terrasse sind eben Gäste eingetroffen. Donata Willi serviert Kaffee und Gipfel. Der Verkehr rauscht vor dem Haus vorbei. Jeden Tag quälen sich 4000 Fahrzeuge durch das Nadelöhr beim Hotel in Mulegns. «Die meisten fahren heute durch», sagt sie, «Ziel Engadin oder Italien. Mit der schnellen Strasse hat sich alles geändert.» Auch im Dorf, das gerade noch 26 Einwohner zählt.

Das jähe Ende für den «Löwen» kam mit der Eröffnung der Albulalinie der Rhätischen Bahn im Jahr 1903, als sich die Reisezeit von Chur ins Engadin von 14 auf 4 Stunden verkürzte. Sodass das Hotel 1908 nur mehr 1527 Gäste zählte. Dank Vermarktung als Luftkurort mit «grossem Ozongehalt in der Luft» konnte sich Mulegns als «Touristenort» neu positionieren. Und dank des Baus des Marmorera-Staudamms zwischen 1950 und 1955 erlebte es nochmals eine Hochblüte. «Das war eine aufregende Zeit», erinnert sich Donata Willi an ihre Mädchenjahre im Hotel. Leute des Dammbaus, Ingenieure, Techniker, Maschinisten hatten sich bei ihnen einquartiert.

Im Gegensatz zur Gastgeberin ist der Hotelküche das Alter anzusehen.
Im Gegensatz zur Gastgeberin ist der Hotelküche das Alter anzusehen.

1959 starb ihr Vater Alois Willi, 1988 ihre Mutter Anna Willi. Donata führte das Hotel zwei gute Dutzend Jahre mit ihrem Bruder Reto Willi, und seit 2000 leitet sie das Etablissement ganz allein als Hotel Garni mit zehn Betten. Nun ist sie Servierdame, Zimmermädchen, Küchenfee, Waschfrau, Raumpflegerin und Gärtnerin in Personalunion. Ihre Gäste im Sommer sind vor allem Wanderer, Biker und Bergsteiger. Und im Winter Skifahrer, die in Bivio und Savognin auf die Pisten gehen, Skitourengänger, Einheimische sowie Gäste aus den Ferienhäusern in der Umgebung.

Zu teure Projekte und grosse Hoffnungen

Mit den wenigen Übernachtungen genügend zu erwirtschaften für den Unterhalt des historischen Gebäudes, fällt der Hausherrin nicht gerade leicht. Darum hofft sie auf ihren Neffen Andrin C. Willi, der federführend ist bei der geplanten Gründung der Stiftung zur Rettung des Posthotels. «Ich wünsche mir, dass der ‹Löwen› sanft renoviert und als historisches Hotel erhalten bleibt, mitsamt Originaleinrichtung», sagt die Gastgeberin. «Geführt mit guter Küche, aber nicht überhöhten Preisen, sondern echt und gut soll es sein. Kein Luxus.» Augenzwinkernd fügt sie an: «Doch wie kommen wir an Samih Sawiris heran?»

An Ideen und Anregungen zur Umnutzung und Wiederbelebung des Hotels aus der Zeit des Klassizismus mangelt es jedenfalls nicht. Viele davon lagen schon auf dem Restauranttisch. So wünscht sich Ludmila Seifert, Geschäftsführerin des Bündner Heimatschutzes, «dass das bedeutende Kulturdenkmal aus der Blütezeit des Postkutschenbetriebs fachgerecht restauriert und als historisches Hotel wiederbelebt wird».

Im Jugendstilsaal, 
der ein wenig später angebaut worden ist, sind rauschende Hochzeitsfeste gefeiert worden.
Im Jugendstilsaal, 
der ein wenig später angebaut worden ist, sind rauschende Hochzeitsfeste gefeiert worden.

2010 kam die Idee eines Sozialprojektes mit Hotel- und Gastrobetrieb aufs Tapet, wo Jugendliche hätten ausgebildet werden können. 2012 präsentierten Architekturstudenten der Universität Liechtenstein Nutzungsvorschläge. Einige Modelle sind im ersten Stock in einer Kammer neben dem prunkvollen Jugendstilsaal ausgestellt. Darunter ein Vorschlag mit Pferden und Stallungen, eine Burn-out-Klinik oder ein römisch-irisches Dampfbad.

Schweizer wollen nicht mehr in die Hotellerie

Im April 2013 präsentierten dann auch die Studenten der Schweizerischen Hotelfachschule Luzern sechs Szenarien mit Albert- Schweitzer-Zimmern und Queen-Marie-Suiten, wie der «Löwen» in Zusammenarbeit mit dem Naturpark Parc Ela betriebswirtschaftlich tragbar geführt werden könnte. «Alle Ideen hochinteressant», findet Donata Willi, «doch alle stecken geblieben, gescheitert am zu hohen Kostendach.»

Und manchmal auch an ein bisschen zu viel Idealismus, findet die Hotelière. Wie die Idee, das ganze Dorf einzubinden, um es mit neuen Arbeitsplätzen zu retten und die Abwanderung zu stoppen. «Welche Schweizer arbeiten heute noch gern in der Hotellerie?», fragt sie, die den Kurs von Mulegns im Gemeindevorstand und als Präsidentin der Kirchengemeinde mitbestimmt. Die Zukunft des Örtchens sieht sie eher als schmuckes Ferienbergdorf mit Umfahrungsstrasse, mit einem restaurierten «Löwen» und einigen Bergbauernbetrieben, die es hier immer geben werde.

Die Zukunft liegt in der Hand des Neffen

Der Ball liegt nun bei Andrin C. Willi, ihrem Neffen, und der breit abgestützten Stiftung, darunter dem Bündner Heimatschutz sowie dem Parc Ela. Noch vor Ende Jahr soll die Stiftung gegründet werden. Willi will eine Publikation mit Betriebskonzept lancieren, um Sponsoren für die sanfte Neubelebung des Hauses zu gewinnen. «Wir wollen so viele Herzen wie möglich erobern. Investoren sollen sich spontan in diesen Ort verlieben und ihn unterstützen wollen.»

Bis es so weit ist, wirtet Donata Willi weiter. Sie sagt mit einer gehörigen Portion Galgenhumor: «So lange, bis sie mich hier rausjagen.»

Bilder: Lea Meienberg

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