06. Juli 2017

Homeoffice - Top oder Flop?

Flexible Arbeitsmöglichkeiten boomen, das klassische Büro hat ausgedient. Was steckt hinter dem Trend Homeoffice, wie gelingt es und bei wem?

Homeoffice
Arbeiten, wann und wo ich will: Bevor ich loslege, will ich wissen, worauf ich achten sollte.
Lesezeit 6 Minuten

Verschlafen schlurfe ich durch die Wohnung, trinke einen ersten Kaffee und setze mich dann im Pyjama aufs Sofa, den Laptop auf meiner Schoss. Doch ich schaue mir keine Serie an, denn es ist Dienstag, ich arbeite. Von Zuhause aus. Den ganzen Tag ungeschminkt und im Pyji – nice, diese Vorstellung. Aber ist Homeoffice wirklich Pyjama und gemütlich? Arbeite ich am Ende effizienter, konzentrierter? Oder verleitet der Schmuddel-Look zum Rumhängen und Nichtstun? Brauche ich für das Produktive die sichere Struktur des Büros? Welche Arbeiten kann ich gut von Zuhause erledigen? Und wie kann ich überhaupt meine Chefs davon überzeugen, dass Homeoffice etwas Gutes ist?

Was hältst du von Homeoffice?

Als Homeoffice-Neuling will ich mehr wissen und frage darum einen Bekannten, der Homeoffice-erprobt ist.

«Die Pause mache ich lieber mit Kollegen als alleine.»

Joel Dacosta (29) arbeitet bei der Postfinance als Kundenberater und macht an zwei bis drei Tagen pro Woche Homeoffice. «Ich habe keinen Arbeitsweg und bin effizienter, weil es weniger Ablenkung gibt», schwärmt er. Aber es gibt auch Nachteile: «Ich mag den Kontakt mit Menschen, beim Homeoffice bin ich den ganzen Tag alleine». Darum arbeitet er maximal an zwei Tagen pro Woche zu Hause.

Und was meint der Experte dazu? Hartmut Schulze (57) ist Arbeits- und Organisationspsychologe an der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW. Mit seinem Team forscht er zu neuen Arbeitsweisen und deren Auswirkungen auf den Menschen und die Arbeitswelt. Er beantwortet meine Fragen zum Homeoffice – nicht aus dem Büro, sondern von zu Hause aus.

«Büros werden sicher nicht abgeschafft, aber ihr Charakter wird sich verändern.»

Herr Schulze, Seit wann gibt es Homeoffice?

Bei Selbständigen, in der Landwirtschaft und bei Lehrern gibt es das Arbeiten von zu Hause aus natürlich schon lange. Im Angestelltenbereich kam der Begriff in den 70/80ern auf. Damals herrschte die Öl-Krise und gerade in Amerika gab es viele Staus. Man wollte darum das «Telecommuting» fördern, also das Arbeiten von zu Hause aus. Verbunden mit den neuen Generationen von Laptops, Smartphones und schnellen Netzen gab es dann mit der Jahrtausendwende nochmals eine Steigerung, heute arbeitet in der Schweiz etwa ein Viertel der Angestellten teilweise im Homeoffice. Das heisst, sie arbeiten an ein bis zwei Tagen pro Woche von zu Hause. Im europäischen Vergleich liegt die Schweiz im oberen Mittelfeld, weit verbreitet ist diese Art des Arbeitens in Holland und den skandinavischen Ländern.

Warum nicht die ganze Zeit?

Die meisten Menschen möchten nach einem bis zwei Tagen ihre Kollegen wieder sehen, weil sie den Austausch brauchen. Darum ist es wichtig, eine Balance zu haben zwischen Arbeit im Büro und Arbeit von zu Hause aus.

Was sind die Vorteile von Homeoffice?

Man kann in Ruhe etwas bearbeiten. Und man hat mehr Einfluss auf die Entscheidung, wann und wo man arbeitet. Dies trägt zur Stresskompensation bei, wie unsere Studien zeigen. Bereits ein halber Tag bringt was. Wenn man am Morgen zu Hause eine Einheit erfolgreich erledigen konnte, ist man am Nachmittag im Büro gelassener, auch bei unerwarteten Unterbrüchen. Und Mitarbeiter lernen eine neue Fähigkeit: Sie müssen sich überlegen, welche Arbeit sie wo am besten erledigen können. Früher gab es ja nur das Büro. Aber auch heute ist das Büro für bestimmte Aufgaben, die v.a. mit Kommunikation und Kooperation zu tun haben, die bessere Alternative.

Gibt es auch Nachteile?

Ja, was in unseren Studien immer wieder kommt beim Homeoffice ist die geringere informelle Kommunikation: Man hat weniger Kontakt mit den Kollegen und den Vorgesetzten. Zudem muss man in einen Arbeitsmodus kommen, um seine Arbeit zu erledigen. Das gelingt einigen vielleicht leichter im Büro als zu Hause. Darum ist es hilfreich, wenn man sich zu Hause einen Arbeitsplatz einrichten kann, falls man von dort arbeitet.

Welche Tätigkeiten eignen sich für Homeoffice?

Am Besten, man bündelt Arbeiten, die hohe Konzentration oder Kreativität erfordern und mit Wissensarbeit zu tun haben, und erledigt diese von zu Hause aus. Wenn es darum geht, Berichte zu verfassen, ein Konzept zu erarbeiten. Also dann, wenn man nicht ganz eng in die Abläufe des Unternehmens eingebunden ist. Gerade, wenn es auch schwierigere Arbeiten sind. Bei komplexen Arbeiten ist es wichtig, dass man sich konzentrieren kann und nicht abgelenkt wird. Hingegen können weniger anspruchsvolle Arbeiten, wie Daten zu übertragen, am besten im Büro erledigt werden. Diese Arbeiten fordern einen weniger, sind langweiliger und es ist gut, wenn man seine Kollegen um sich hat, weil diese die eigene Aufmerksamkeit steigern können. Da wäre Homeoffice verschenkt.

Man muss ehrlich für sich entscheiden, ob Homeoffice das Richtige ist

Für welche Personen eignet sich Homeoffice?

Ich glaube, dass Homeoffice dann funktioniert, wenn man es koppelt mit flexiblen Arbeitsmöglichkeiten auch im Büro und von unterwegs. Also dass man verschiedene Tätigkeiten an verschiedenen Orten ausführen kann. Jedoch muss jede und jeder letztlich für sich entscheiden, ob Homeoffice das Richtige ist. Alle, die keine Arbeit nach Hause nehmen wollen, weil sie strikt privates und geschäftliches trennen, werden mit Homeoffice nicht glücklich. Sie sollten vielleicht eher einen Coworking-Space in der Nähe wählen, wenn sie nicht im Büro arbeiten wollen.

Mit dem Homeoffice-Trend wittern Unternehmen die Chance, Kosten zu sparen. Für zwölf Mitarbeiter gibt es nur noch zehn Arbeitsplätze, diese sind nicht mehr fix eingerichtet. Was sagen Sie zu dieser Entwicklung?

Wenn man nur den Kostenaspekt im Kopf hat, funktioniert das Shared-Desk-Modell sicher nicht. Sowieso machen die Personalkosten etwa 90% der Kosten eines Gebäudes aus – gerade die Einrichtungskosten sind oft vernachlässigbar. Die Qualität der Arbeit sollte im Mittelpunkt stehen. Und das tut sie, wenn das Büro so gestaltet wird, dass die Mitarbeitenden wählen können, wo sie arbeiten wollen. Im Idealfall gibt es verschiedene Zonen, die spezifisch und gezielt ausgestattet sind, wie zum Beispiel Businessgarden. Dies ist ein Raum mit vielen Pflanzen, wo im Hintergrund vielleicht sogar ein Bach rauscht. Oder man gestaltet die Sitzungsräume unterschiedlich. Wenn diese Modelle gut umgesetzt werden, und man auch von zu Hause arbeiten kann, braucht es gar keinen festen Platz mehr im Büro.

Ist das die Richtung, in welche sich der Homeoffice-Trend entwickelt?

Homeoffice, und überhaupt, das ortsunabhängige, flexible Arbeiten, wird zum Alltag. Aber es ist immer anteilig, also nicht an fünf Tagen pro Woche. Büros werden sicher nicht abgeschafft, aber ihr Charakter wird sich verändern.

Wie kann ich meinen Chef überzeugen, der nichts von Homeoffice hält? Welche Argumente sind überzeugend?

Die Mitarbeitenden bleiben gesünder und werden produktiver, weil sie die Möglichkeit haben, zu entscheiden, wo sie arbeiten wollen. Das macht sie weniger stressanfällig. So kommen Unternehmen den Angestellten entgegen und steigern ihre Zufriedenheit.

Wie gelingt Homeoffice in der Umsetzung?

Es hört sich sehr einfach an, ’machen wir mal ein bisschen Homeoffice’, aber dafür benötigt es klare Strukturen.Wir empfehlen eine dreimonatige Phase, nach welcher man mit den Vorgesetzten intensiv bespricht, ob es sich bewährt und was man noch verändern muss. Es braucht eine Policy, sowohl von der Geschäftsleitung, wie auch im Team. Darin wird festgehalten, welche Tätigkeiten von zu Hause erledigt werden können, an wie vielen Tagen pro Woche und wer wann und wie erreichbar ist. Obwohl ich finde, dass man im Homeoffice ja gerade nicht ständig erreichbar sein sollte. Und nochmal: die Balance ist sehr wichtig. Wenn alle ihre Termine im Büro durchtakten und den Rest der Woche zu Hause arbeiten, funktioniert es nicht. Es sollte mehrere Präsenztage geben, wo ein gegenseitiger, spontaner Austausch möglich ist und man auch informell etwas besprechen kann. Zudem sollten die Firmen das Homeoffice aktiv unterstützen, mit ganz simplen Dingen. Zum Beispiel, indem sie Druckerpapier zur Verfügung stellen.

Arbeiten Sie selbst auch im Homeoffice?

Ja, jetzt gerade auch.

Und sind trotzdem erreichbar?

Ja, aber nicht grundsätzlich, ich wusste ja, dass Sie anrufen. Ich mache in der Regel montags Homeoffice, da arbeitet meine Frau und ich kann für die Kinder kochen am Mittag. Abgesehen vom fixen Montag richte ich mir oft einen zusätzlichen halben Tag Homeoffice ein, je nach Terminen.

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