15. Oktober 2018

Himmeltraurig schön

Bänz Friedli gibt sich mit Blues dem Blues hin. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Herbstlaub
Herbst ist die Welt in allen Farben sehen - zumindest für unseren Kolumnisten.

Die frühen Schatten, das blasse Licht, verdorrte Beeren, fahles Gelb – ein Nachmittag im Oktober ist es, die Sonne bleich. Und ich hatte gar nicht mehr gewusst, wie sehr ich den Herbst mag. Schon schickt ein Reiseveranstalter mir, versehen mit zwei Ausrufezeichen in der Betreffzeile, die Aufforderung «Trotzen Sie dem Winterblues!». Aber wer spricht denn von Blues? Die Mailwerbung bietet Billigflüge in alle Himmelsrichtungen an, um dem angeblich so Schrecklichen zu entfliehen: dem Umstand, dass die Tage kürzer und die Nächte kalt werden. Zugegeben, auch ich habe schon über das Ende eines Sommers geklagt, auch ich habe schon Shirts mit der Aufschrift «Eternal Summer» getragen, mir sogar mal eine Postkarte mit der Losung «Eternal Winter» gekauft, weil ich mir in der Snowboardsaison zuweilen wünschte, sie möge nie aufhören, weil ich extreme Hitze und extremen Schneefall gernhabe – aber, Himmel, wie langweilig wäre das? Wenn wir nur immer das Eine hätten?

Wir sollten die Übergangszeiten mögen. In denen nichts eindeutig ist. Die Tage der Melancholie, die Nächte, in denen man wieder Kerzen anzündet. Dazu Musik, wie man sie nur im Herbst hört, Songs, so schön traurig und so himmeltraurig schön, dass sie zu der Zeit passen, die nicht mehr Sommer und noch nicht Winter ist, bei mir momentan ­ «It Makes No Difference» von Shannon McNally, in dem sie auf Amerikanisch singt: «Kein Sonnenschein mehr, Regen fällt, nie hingen die Wolken so tief.» Aber es spielt keine Rolle, welches Lied – du hast bestimmt deine eigenen Herbstklänge. Mit Melancholie meine ich nicht zur Schau gestellten Weltschmerz und schon gar nicht Selbstmitleid. Herbst bedeutet nicht, dauerbetrübt zu sein. Aber nie ungetrübt. Eines Herbsttags vor vielen Jahren sah ich in New Orleans einen Trauerzug, und wie die Musikkapelle sich nach wenigen schleppenden Takten zu fröhlicher Marschmusik aufschwang, werde ich nie vergessen. Wie sie im Tod das Leben feierten, im Schmerz Freude zeigten.

Herbst heisst, die Welt in allen Farben zu sehen, sich auch des Schweren bewusst zu sein. Im Wissen, wie schlecht es um die Welt steht, in einer Welt voller Totschlag, religiösem Wahn und Naturverwüstung, kann Leichtigkeit im Grunde nie uneingeschränkt gelingen. Es kann einem höchstens trotz allem leicht zumute sein. Lebensfreude? Ist doch immer getrübt. Was nicht heisst, dass sie nicht gerade dadurch tiefer sein kann. An diesem sonnigen Oktobertag habe ich mir vorgenommen, ihn dann auch zu mögen, wenn er nass und garstig ist, den Herbst. Shannon McNally wird mir beistehen. Und genau genommen ist ihr Song, den ich so mag, ein Blues.

Die Hörkolumne

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