20. Mai 2019

Hilfsbereite dumme Kuh

Bänz Friedli (53) ist sehr, sehr irritiert. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Ein- und Ausstiegsbereich von (Regio-)Zügen
Kann für Kinder gefährlich sein: Ein- und Ausstiegsbereich von (Regio-)Zügen.

Letzthin in der S-Bahn. Eine vierköpfige Familie will aussteigen. Gedränge herrscht, die Stopps sind an diesem Bahnhof stets kurz. Ein wildes Durcheinander aus hetzenden Pendlerinnen und Geschäftsleuten, der Ein- und Ausstieg ist für Kleinkinder nicht ungefährlich – ein falscher Tritt, und sie stürzen zwischen Waggon und Perronkante in den Gleisbereich hinab. Nun muss man sich die Familie, die sich zum Aussteigen bereitmacht, so vorstellen: Der Vater geht an Krücken, die Mutter ist damit beschäftigt, den Kinderwagen an anderen Passagieren vorbei in Position zu bringen. Die beiden Kinder, vielleicht sechs- und zweieinhalbjährig, stehen etwas hilflos und wankend daneben. Eine Bekannte, wir nennen sie hier Franziska, hat es nur gut gemeint. Sie nahm, derweil der Vater sich mit den Krücken aus dem Gefährt mühte und die Mutter den Kinderwagen über die Stufen hinabhievte, deren kleine Tochter bei der Hand. Spontan, aus Sorge und Hilfsbereitschaft. Für Sekunden nur, bis das zwei-, vielleicht dreijährige Mädchen auf dem Perron sicheren Tritt hatte. Worauf die Mutter sie anfuhr: «Was fällt Ihnen eigentlich ein, ein fremdes Kind anzufassen?» Eine Frechheit sei das.

Franziska: eine weisshaarige, freundliche Frau. Nicht, dass sie Dank erwartet hätte für die kleine Geste. Aber gleich beschimpft zu werden? Sie war perplex. «Unverschämt!», fluchte die Mutter, die das Kind auf den Arm genommen hatte, als müsste es getröstet werden. «Dummi Chue! Dummi Chue!», fiel nun das Mädchen gar noch mit rhythmischem Sprechgesang ins Gezeter der Mutter ein, im Tonfall kindlicher Sandkastenschmähungen.

Was darf man heute noch? Was wird bereits als Übergriff taxiert? Vor Ostern zögerte ich, ein Schächtelchen mit Schoggieiern, das ich kurz zuvor in einem anderen Laden geschenkt bekommen hatte, einem fremden Kind weiterzureichen. Ich bat dessen Mutter um ihr Einverständnis. Und es war mir fast peinlich, wie überschwänglich sie sich bedankte; ich schenkte ja nur ein Werbegeschenk weiter. Franziska, wie gesagt, hatte es nur gut gemeint. Wie die Eltern es zuliessen, dass das Kind sie aufs Unflätigste beschimpfte, darüber schüttelt sie noch nach Wochen den Kopf.

Gewiss, als unsere Kinder klein waren, ärgerte ich mich das eine oder andere Mal, wenn ältere Frauen sich im Supermarkt in die Erziehung einmischten. Doch an Franziskas Stelle hätte ich dasselbe getan: die Hand des Kindes genommen, ohne die Einwilligung der Eltern abzuwarten. Ich glaube freilich nicht, dass ich die «dummi Chue!» so ruhig hingenommen hätte wie sie.

Bänz Friedli live: 22. 5. Solothurn, 25. 5. Domat/Ems GR, 31. 5. Burgdorf BE

Die Hörkolumne (MP3)

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