02. Oktober 2017

Hilfe für suchtkranke Eltern

Daniela wurder schwanger, als sie noch drogensüchtig war. Abtreiben kam für sie nie infrage - sie wollte für ihre Tochter da sein. Im Fischerhuus in Birmensdorf ZH haben beide ein neues, vorübergehendes Zuhause gefunden. Heute freut sie sich auf ihr Leben danach.

Das Fischerhuus in Birmensdorf
Das Fischerhuus in Birmensdorf ZH bietet Platz für suchtkranke Eltern und deren Kinder.

Ein Mädchen springt die Aussentreppe zur Laube hoch, ein anderes rennt ihm nach, sie lachen. Ihre beiden ­ Mütter sitzen vor dem stattlichen Riegelhaus – sie tauschen sich aus, schauen dem Nachwuchs zu. Andere Eltern sitzen auf Stühlen vor dem Haus, rauchen, schwatzen.

Ein Nachmittag in einem ganz ­normalen Mehrfamilienhaus – so scheint es auf den ersten Blick. Doch hier ist das Leben etwas anders: Es hat eine Überzahl alleinerziehender Mütter, die Organisation im Haus ist strukturiert, ein bisschen wie in einer grossen WG: Heute ist beispielsweise Familientag, alle sind da. Im Erdgeschoss befinden sich Büroräume der Sozialarbeitenden, wo sich die Bewohnerinnen täglich melden. Einmal pro Woche gibt es eine Haussitzung.

Wer hier wohnt, hat oft eine schwere Vergangenheit – ein Leben mit Drogensucht, Medikamentenmissbrauch, Abhängigkeit, mit ­psychosozialen und körperlichen Problemen, ein Alltag auf der Gasse und eine Kindheit mit Eltern, die ihr Leben nicht im Griff hatten.

Das Fischerhuus in Birmensdorf ZH ist ein Haus des Vereins Die Alternative. Hier leben Mütter und Väter mit ihren oft kleinen Kindern. Sie sind dabei, den Weg in ein normales Leben zu finden. Die Erwachsenen sind in der Regel zwischen 18 und 45 Jahre alt, die Kinder von neugeboren bis siebenjährig Es ist die schweizweit einzige Institution, in der bei Suchtproblemen beide Elternteile mit ihren Kindern zusammenwohnen können.

Eine der Bewohnerinnen ist Daniela (30). «Ich hätte eigentlich gar nicht schwanger werden können, so viel wie ich intus hatte.» Das war vor zwei Jahren. Sie war gerade dran, die Notbremse zu ziehen, als sie kurz nach Eintritt in die Therapie schwanger wurde. Als sie merkte, dass sie ein Kind erwartete, kippte ein Schalter in ihr um. «Es war ganz klar, dass ich auf keinen Fall einen Rückfall wollte. Das war ich meinem Kind schuldig.» Abtreibung war nie eine Option. Seither ist die junge Frau clean: keine Drogen mehr, keine Lust mehr darauf. Was geblieben ist, ist die Angst. «Die Suchterkrankung wird immer in mir stecken, die werde ich nie los. Ich werde mein Leben lang aufpassen müssen.»

Daniela war zuvor Monate in Therapie im Ulmenhof in Ottenbach ZH, ihre Tochter kam bald nach dem Umzug ins Fischerhuus zur Welt. «Ich wusste, ganz allein schaffe ich es nicht.» Sie wusste aber auch: «Diese Verantwortung will ich tragen.» Ihre Tochter soll nicht unter ihrer Sucht leiden. «Sie soll gut aufwachsen. Sie trägt keine Schuld an meinen Problemen Ihr langjähriger Partner und Vater des Kindes war überfordert: Er trennte sich noch während der Schwangerschaft von ihr. «Das war hart, aber schliesslich das Beste.»

Zurück in den Alltag finden

In den Zwei- und Dreizimmerwohnungen des Fischerhuus’ wohnen derzeit zehn Erwachsene mit ihren Kindern. Sie wollen in ein neues eben finden. Das heisst: lernen, sich an feste Tagesrhythmen zu gewöhnen, in der Berufswelt Fuss zu fassen, mit alltäglichen Anforderungen und Überforderung umgehen zu können.

«Die Eltern haben sehr viele Themen, die sie nun gleichzeitig bearbeiten müssen: ein oft jahrelanges Ausblenden von Alltagsschwierigkeiten, der Umgang mit Emotionen, alte Konflikte mit den Eltern und ihrem Umfeld. Dazu kommen existenzielle Dinge wie Schulden aus unbezahlten Rechnungen, Steuern und Bussen», sagt Michael Rohner (46), einer der drei Sozialarbeitenden im Fischerhuus. «Gleichzeitig müssen sie lernen, Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen.» Also ganz normale Sachen wie mit dem Kind spielen und reden, Geschichten erzählen, merken, wenn es Hunger hat, Windeln wechseln, waschen.

Im Fischerhuus haben die Kinder von klein auf einen Platz in der Kita des Kinderhauses «Tipi» und werden hier an vier Tagen von einer festen Bezugsperson betreut. Das gibt den Eltern – oft alleinerziehenden ­Müttern – Zeit, sich um ihr Leben zu kümmern: um ihren Job, um sich selbst und die Probleme, die sich in den vergangenen Jahren angehäuft haben. «In der Kita können wir das Kind beobachten und erkennen, wie es ihm psychisch und physisch geht. Wenn die Mütter mit dem Alltäglichen überfordert sind, merken wir das und können sie unterstützen», sagt Rohner. Die Kita ist auch Vorsorge, falls Eltern rückfällig werden. So ist das Kind nicht völlig verloren: «Es lebt in einer vertrauten Umgebung und wird von seiner Bezugs­person weiterhin betreut und umsorgt.» Selten passiert es, dass eine Mutter nicht mehr auftaucht. «Wir müssen auf alle Fälle vorbereitet sein – das ist die Realität.» ­Blau­äugigkeit hat in zeitgemässen ­Sozialtherapien nichts zu suchen.

Für Daniela war es alles andere als einfach, ihr Kind in der Kita zu lassen. «Ich brachte es fast nicht übers Herz, meine Tochter abzugeben», erinnert sie sich. «Ich hatte das Gefühl, ich würde mein Kind weggeben und alles verpassen.» In einer Übergangsphase ging sie täglich mit ihrer Kleinen drei Stunden ins «Tipi», heute schafft sie es, sich an vier Morgen von ihrer Tochter zu verabschieden, um in einem Verkaufsladen einer Partnerinstitution zu arbeiten.

Daniela ist zuversichtlich, bald wieder einen Job in der Pflege zu finden. Sie hatte lange Zeit eine gute Stelle im Gesundheitsbereich. Sie weiss, was es heisst, pünktlich und zuverlässig zu sein,Verpflichtungen zu haben, Aufgaben zu erfüllen. Dies ist nicht bei allen Müttern im Fischerhuus der Fall.Daniela weiss auch schon, wie und mit wem sie in Zukunft wohnen will, denn im Fischerhuus hat sie eine Freundin fürs Leben danach gefunden. «Wir ticken genau gleich und passen einfach zusammen.»

Drogen nehmen will sie nie mehr: «Wenn ich einen Rückfall hätte, wäre die Tochter die Hauptleidtragende. Und ich würde es nicht überleben, wenn sie weg wäre.»

In der Schweiz leben mehrere Zehntausend Kinder bei suchtkranken ­Eltern. Während man bei Alkoholismus mit etwa 100 000 betroffenen Kindern aus problematisch oder abhängig konsumierenden Verhältnissen rechnet, sind zuverlässige Zahlen bei harten Drogen schwierig. Man findet Angaben von 3500 bis 4000 Kindern, aber Stephan Germundson (54), Geschäftsleiter von «Die Alternative», sagt: «Die Dunkelziffer ist hoch.»

Süchtige Eltern: eine Katastrophe

Der Drogenkonsum wird oft verheimlicht, denn die Furcht der Eltern ist gross, dass die Behörden sich einmischen und eine Fremdplatzierung der Kinder verfügen könnten. Von den Kindern wird erwartet, dass sie trotz ihrer Not schweigen, damit niemand erfährt, was zu Hause los ist.

Oft wachsen diese Kinder in katastrophalen Umständen auf. «Je nach körperlichem und seelischem Befinden der Eltern verhalten sich diese ihren Kindern gegenüber abwechslungsweise in liebevoller Zuwendung oder in gereizter Ablehnung», sagt Stephan Germundson. «Diese Kinder beginnen, ihren eigenen Wahrnehmungen nicht mehr zu trauen und sind mit ihren Gefühlen und Ängsten allein und zutiefst verunsichert.»

Sie werden vernachlässigt, sind teils verwahrlost und müssen manchmal sogar hungern. Sie haben niemanden, der ihnen bei den Aufgaben hilft, mit ihnen in die Badi geht, ihnen das Znüni vorbereitet. Manche erleben auch den Konsum von Mutter oder Vater mit. Schulkollegen mit nach Hause zu nehmen, das geht natürlich auch nicht. Diese Kinder müssen oft von klein auf ­Verantwortung übernehmen – für sich selbst und für die Eltern.

Auch Marco (25) ist im Frühling nach der einjährigen stationären Suchtbehandlung im Ulmenhof ins Fischerhuus gekommen. Zusammen mit seiner Frau: Sie hat nicht mit Abhängigkeit zu kämpfen, dafür aber mit einem labilen Seelenleben. Ihr gemeinsamer Sohn ist zwei Jahre alt.

Marco hat eine zehnjährige Drogenkarriere hinter sich. Vor zwei Jahren hat er die Kurve gekriegt, als ihm seine Freundin sagte, sie sei schwanger. Der Tod seines Vaters und das Ende einer Liebesbeziehung hatten ihn als Teenager in ein Loch gerissen, aus dem er nicht mehr herauskam. Seine Selbstmedikation: Heroin und Schlafmittel, geraucht und intravenös.

Der junge Vater ist nun weg von der Droge, doch einfach ist es nicht: «Ich hatte ein paar Mal einen Absturz», sagt er. Sein Sohn war da schon auf der Welt. «Die Sucht hat mich getrieben, aber ich ging jeweils wenigstens weg, irgendwo raus. Ich hätte nie in Gegenwart meines Kindes konsumiert.» Das schlechte Gewissen kam immer schnell. «Einmal war mein Bub wach, als ich zurückkam, er fing sofort an zu heulen. Er hat gemerkt, dass etwas nicht stimmt.» Er nimmt einen Schluck Cola. Man merkt, wie seine Gedanken rattern. Er hatte bereits vier Überdosen, war einmal klinisch tot, wurde zwölfmal in die Psychiatrie eingeliefert. Die zwölf Monate Gefängnis vor vier Jahren hatten ihn ein erstes Mal ein bisschen wachgerüttelt. Doch ohne sein Kind und seine Freundin wäre er nie da, wo er heute ist. «Die meisten schaffen es als Familie nicht. Ich hatte grosses Glück, meine Partnerin war nie abhängig.»

In einem Jahr zurück ins reale Leben

So froh Marco ist, hier zu sein, so froh ist er auch, in knapp einem Jahr wieder rauszukommen und ein selbstbestimmtes Leben mit seiner Kleinfamilie zu führen. Unterstützung wird er nach wie vor haben. Die Familien werden auch nach Austritt noch begleitet. Die Beratungsstelle Kanu, die ebenfalls zu «Die Alternative» gehört, übernimmt die Nachbetreuung mit regelmässigen Gesprächen und umfassender, individueller Sachhilfe.

Die Klienten bleiben in der Regel ein Jahr im Fischerhuus in Birmensdorf. Was lange tönt, ist relativ kurz, um ein normales Elternleben zu lernen. Für viele die einzige Option.

Stephan Germundson

Allein mit den Ängsten

Der Fachpsychologe für Psychotherapie Stephan Germundson sagt, niemand wolle den Eltern die Kinder wegnehmen. Aber das Wohl des Kindes stehe immer im Vordergrund. 

Was geschieht in der Regel mit Kindern, die in einem Haushalt mit drogenkranken Eltern wohnen?

Die Abhängigkeit wird verheimlicht, Unterstützungsangebote wie Arztbesuche oder die Mütter- und Väterberatung werden nicht wahrgenommen. Es wird oft verschwiegen, dass Kinder da sind. Die meisten abhängigen Eltern können die Grundbedürfnisse ­ihrer Kinder wie Essen, Trinken und Wickeln ­befriedigen – für mehr reicht die Kraft nicht. Die Kinder verwahrlosen emotional.

Das klingt brutal.

Die Eltern sind zwar physisch präsent, emotional aber häufig nicht erreichbar. Alle diese Kinder beginnen, ihren eigenen Wahrnehmungen nicht mehr zu trauen. Sie sind mit ihren Gefühlen und Ängsten allein und zutiefst verunsichert. Aufgrund der Überforderung werden etliche Kinder mit Beruhigungsmitteln ruhiggestellt. Die Kinder beginnen, sich um die Eltern zu kümmern beginnen, sich um die Eltern zu kümmern. Und verpassen dabei ihre eigene Kindheit

Ist es sinnvoll, dass die Kinder bei den Eltern bleiben?

In den meisten Fällen reichen aufsuchende Unterstützungsangebote. Die Platzierung eines Kindes oder der Familie in einer stationären Einrichtung ist erst angezeigt, wenn das Kindeswohl akut bedroht und das Kind an Leib und Leben gefährdet ist.

Erst eingreifen, wenn es fast zu spät ist?

Nein. Man kann eine Fremdplatzierung auch als Übergangslösung tätigen und dann die Situation der Eltern abklären. Wichtig ist dabei, diese für eine Kooperation zu gewinnen. Die intensive Zusammenarbeit mit den leiblichen Eltern gehört zum Auftrag von Kindesschutzeinrichtungen.

Der Eindruck entsteht, die Ämter agierten nicht immer im Interesse der Eltern.

Das ist falsch. Sowohl die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) wie auch moderne Kinderheime verstehen ihre Rolle so, dass sie mit den Eltern eine Erziehungspartnerschaft einzugehen versuchen. Dies beinhaltet die Planung und allfällige Begleitung von Besuchen und bei Bedarf auch ein Elterncoaching. Niemand will den Eltern die Kinder wegnehmen. Sie sind aber verpflichtet, sämtliche Massnahmen zur Stabilisierung und Weiterentwicklung der oftmals traumatisierten Kinder zu ergreifen.

Kinderheim klingt nicht nach einem schönen Zuhause.

Die Missbräuche in Heimen bis zu Beginn der 70er-Jahre haben einen enormen Imageschaden angerichtet. Dieser lastet noch immer wie ein Schatten über den Einrichtungen. Kinderheime schützen und fördern Kinder. Ein ­Zuhause – nein, das sind sie nicht. Daher sind sie auch nicht auf Dauer angelegt. Wenn die Rückkehr nach Hause nicht möglich ist, braucht es etwa eine Pflegefamilie.

Was für Angebote gibt es, bevor es zur Fremdplatzierung kommt?

Vorgelagerte Angebote können Mütter-, Väter- und Suchtberatung sein, eine Familienbegleitung, ein Gemeinschaftszentrum. Ist eine um fassendere Familienergänzung nötig, kommen in der akuten Phase Heime mit Krisenplätzen und Familieneinrichtungen infrage. Familienangebote haben den grossen Vorteil, dass die Eltern ebenfalls intensiv begleitet werden. Diese sind recht zahlreich in der Schweiz. Sehr selten jedoch sind sie auch offen für suchtbetroffene Eltern. Da bestehen noch Angebotslücken.

2013 wurde die Vormundschaftsbehörde professionalisiert. Nun kümmert sich die KESB um die Kinder. Ist ein grösseres Bewusstsein für den Schutz der Kinder da?

Ja. Die Zahl an Heimplatzierungen ist unter der KESB aber tiefer als zuvor. Dies hat auch mit dem Ausbau von sozialpädagogischen Angeboten im Alltag zu tun – wie etwa der Schulsozialarbeit oder anderen ­Beratungsangeboten. Es ist aber zugleich ein Zögern bemerkbar, weil man politischen oder juristischen Druck fürchtet. Das ist eine beängstigende Entwicklung. Immerhin betrifft dies eher die älteren Kinder, da es bei den Allerkleinsten sehr rasch um Leben und Tod gehen kann.

Wie merkt man als Aussenstehende, dass Eltern süchtig sind und das Kind leidet?

Den Kindern ist dies schwer anzumerken. Die einen wirken stark und frühreif, andere zurückgezogen und depressiv Dritte gereizt und mürrisch oder clownesk und überdreht. Die Kompensationsstrategien der Kinder sind äusserst unterschiedlich. Oft leben suchtkranke Eltern sozial zurückgezogen.

Wie kann man als Umfeld reagieren?

Versuchen, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen – und beispielsweise Stress und Überforderung anzusprechen. Öffnen sich die Eltern, kann man über Unterstützungsangebote sprechen. Sei dies, dass man eine Kinderbetreuung an gewissen Tagen anbietet oder auf Beratungsstellen hinweist.

Nicht alle Fälle sind so lösbar.

Lässt die Gefährdung des Kindes keine Zeit, und sind die Eltern nicht einsichtig, so ist im Austausch mit nahestehenden Personen eine Gefährdungsmeldung bei der KESB zu erwägen.

Kinder mit psychisch belasteten Eltern werden aber nach wie vor zu lange allein gelassen.

Auch Sucht ist eine psychische Erkrankung. Unser Eindruck ist, dass bei Suchtbetroffenheit die Kindeswohlthematik schneller auf den Tisch kommt als bei schweren psychischen Erkrankungen. Dies hat mitunter mit dem Verständnis von Sucht als Laster und einem Bestrafungsreflex zu tun.

Muss für das Kindeswohl mehr getan werden?

Die Standards der Uno-Kinderrechtskonvention werden nur begrenzt umgesetzt. So wird beispielsweise der Teilhabe der Kinder und Jugendlichen zu wenig Beachtung geschenkt. Die gesamte Kinder- und Jugendhilfe müsste durchlässig gedacht werden, und die spezifische Situation und die Lösung für Kind und Familie müssen im Zentrum stehen.

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