20. August 2018

Hey, Schiri!

Bänz Friedli hat gegen Regeln verstossen. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Fussballtrikots über einen Zaun gehängt
Unser Kolumnist hats erlebt: Auch Fussballschiedsrichter sind nur – Fussballer.

Zu einem Fussballspiel gegen Schiedsrichter anzutreten – klingt etwa so absurd, wie mit einer Horde richtiger Polizisten «Räuber und Poli» zu spielen, nicht wahr? Und zwar so, dass die echten Polizisten die Räuber mimen würden … Aber ich habe es getan: gegen ein Team aus Fussballschiedsrichtern Fussball gespielt. Wir waren eine Dorfauswahl, sie befanden sich gerade im Trainingslager – Ausdauer, Regelkunde, Psychologie, was weiss ich – und wollten sich nun, zur Krönung ihrer sportlichen Vorbereitung auf die anstehende Spielzeit, mit uns messen. War denen auch zu gönnen: mal selber zu kicken. Während der Saison würden sie immer nur als die Männer mit der Pfeife auflaufen dürfen und oft genug ihrer Entscheide wegen angepöbelt werden.

Bestimmt spielen Schiedsrichter, die ja als Hüter über Fairness und Korrektheit geschult sind, genau so: fair und korrekt. Denkt man. Falsch. Die regelkundigen Herren tricksten, wo sie nur konnten. Hier ein verstecktes Foul, da ein Handspiel. Und vor allem begehrten sie gegen jeden Entscheid des Unparteiischen im Chor auf: «Hey, Schiri!». Ihr Spiel war alles andere als regelkonform. Aber an mir mäkelte einer rum. Ich müsse meinen Ohrring ablegen, raunte er nach einem verlorenen Zweikampf besserwisserisch und begann ungefragt aus den offiziellen Spielregeln zu zitieren: «Artikel 4, Absatz 1: Das Tragen von Schmuck (Halsketten, Ringe, Armbänder, Ohrringe und
so weiter) ist verboten. Sämtliche Schmuckstücke sind zu entfernen.» Seinen Ehering aber hatte er anbehalten.

Kurz vor Ferienende traf ich im Tram einen Kindergärtner mit seinen beiden Kleinen. Das Töchterchen versuchte sich zwischen dem Gestänge mit einem Springseil, auf dem Shirt des Buben stand «Born to be a Rebel». Sie brächten ihn mehrmals am Tag fast um den Verstand, klagte mir der Vater. Dabei ist er vom Fach. «Mit 23 Chindsgi-Kindern einen Ausflug machen? Kein Problem. Aber mit zwei eigenen?», sagte er sichtlich entnervt. Unser Kinderarzt fiel mir ein: ein fünffacher Vater, der mir mal versicherte, er sei oft völlig grundlos mitten in der Nacht mit einem seiner Kinder zur Notfallstation gerast. Weil man in solchen Momenten ganz Vater und überhaupt nicht Arzt sei. Und letzthin gestand mir ein SBB-Kontrolleur, er sei in Lissabon beim Schwarzfahren erwischt worden. Was lehrt uns das alles? Vielleicht, dass sie auch nur Menschen sind. Und wie ist das eigentlich, wenn eine Hebamme ein Kind bekommt?

Die Schiedsrichter haben das Spiel übrigens gewonnen. Aber ich könnte schwören, dass ihr Stürmer im Abseits stand und sein Tor zum 3:2 auf einem Fehlentscheid beruhte.

Die Hörkolumne (MP3-Format)

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