10. Dezember 2018

Herr Gram und Herr Groll

Bänz Friedli ist betrübt. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Tram auf Laub
Wann hast du der Tramführerin, dem Tramführer zum letzten Mal gedankt? Na dann mal los!

Welch freundliche Tramführerin! «Ich möchte mich für die ruckartige Fahrt entschuldigen, es geht heute leider nicht anders», sagt sie via Lautsprecher kurz vor der Endhalteschleife zu uns Fahrgästen, «ich wünsche Ihnen trotz diesem Wetter noch einen schönen Tag.» Tatsächlich ist das Tram bei jedem Bremsmanöver ins Husten und Stottern geraten, erst recht beim Versuch zu beschleunigen. Die Fahrt war holperig und langsam. Doch wer schon länger hier lebt, weiss: Es gibt in unserer Stadt jeden Herbst ein, zwei Tage, an denen die Trams vor lauter nassem Laub in den Schienen kaum vorwärtskommen. Es regnet, Wind weht die letzten Blätter von den Bäumen – dafür kann niemand etwas, es ist halt die Natur. An der Endhaltestelle freilich nimmt sich einer die Mühe, durchs ganze Gefährt zu marschieren, damit er bei der vordersten Tür aussteigen kann, und mault der Tramführerin durch deren offenes Schiebefenster zu: «Sch ja nöd zerscht Mal, wos rägnet!» Wann sie denn endlich lerne, anständig zu fahren?

Und dann der Mittelalterliche in der Post, anderntags, der die junge Schalterfrau so laut zusammenstaucht, dass es alle siebzehn Wartenden hören können: «Aber, Sie! Da kann ich ja das nächste Mal nach Waldshut ...», motzt er, weil ihn der Preis für ein Paket zu hoch dünkt. «… und noch einen Freund treffen und fein essen gehen und das Paket von dort aus verschicken, es kommt mich immer noch billiger zu stehen.» – «Aber die Fahrkarte dorthin müssen Sie auch einrechnen», entgegnet die Lernende hinter der Scheibe schlagfertig. Darauf er: «Ich han es GA.» Nun lässt er noch eine Beige Grossbriefe frankieren, und erst, als sie alle abgestempelt hat, reklamiert er: «Näi, nääi, B!» Er wolle B-Post, nicht A-Post. «A hätt ich betont. B-Poscht, ’pfertoori!» Wenn er nichts sage, wolle er immer B-Post, das sei doch wohl klar. Man fragt sich, woher die junge Frau das hätte wissen sollen.

Und bei beiden Herren, beim Unflat im Tram und beim Wichtigtuer am Postschalter, wurde ich den Verdacht nicht los, dass sie einen männlichen Bediensteten niemals so behandelt hätten. Man trifft sie überall: die Menschen, die ihren Groll, Ingrimm und Gram an Unschuldigen auslassen. Es betrübt einen, zuschauen zu müssen, wie sie als Kunden ihre kleine Machtposition ausnutzen, vielleicht, weil sie sonst wenig
zu sagen haben im Leben. Und wie sie sich dabei noch gut vorkommen.

Darf ich uns allen etwas vorschlagen? Es ist wieder mal an der Zeit, einem Buschauffeur, einer Schalterfrau oder einer Verkäuferin für die Arbeit zu danken, einfach so. Gerade jetzt in der Adventszeit, wenn sie es besonders streng haben.

Die Hörkolumne (MP3)

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