07. August 2017

Herr der Parade

Joel Meier ist Präsident des Vereins Street Parade und Inhaber der Bewilligung für den Techno-Mega-Event in Zürich. Im Interview verrät der 44-Jährige, warum er sich das seit neun Jahren antut.

Ruhe vor dem Sturm: Joel Meier (44), Präsident des Vereins Street Parade, vor der entleerten Quaibrücke, wo sich am 12. August Hunderttausende Techno-Fans um die Love-Mobiles drängen werden (Bild: Roger Hofstetter).
Lesezeit 8 Minuten

Preisfrage: Wie lautet das Motto der diesjährigen Street Parade?
Joel Meier: Love Never Ends.

100 Punkte. Und was bedeutet es?
Die Parade demonstriert für eine tolerante, freie Gesellschaft, in der man respektvoll miteinander umgeht. Im Kern bedeutet das nichts anderes als Liebe für den Menschen, die Sache und sich selbst. Wir hoffen und glauben fest daran, dass die Liebe nie stirbt.

Ist es denn um Toleranz und Freiheit aktuell so schlecht bestellt, dass ihr gerade dieses Motto ausgewählt habt?
Das Motto sorgt jedes Jahr für Diskussionen und oft werden wir dafür am Schluss belächelt. Doch die Street Parade ist nach wie vor eine Demonstration. Das braucht es, wenn man sich das gesellschaftliche und weltpolitische Geschehen der letzten Jahre vor Augen hält. Wir sehen Regimes mit totalitären Zügen und die Unterdrückung von Minderheiten. Wir dachten, das sei in Europa vorbei. Das Gegenteil ist der Fall, es wuchert geradezu um uns herum.

Wie kam es eigentlich, dass sich ausgerechnet in Zürich die grösste Technoparade der Welt etablieren konnte?
Anfang der 1990er-Jahre war Aufbruchstimmung. Die Individualisierung des Lebens schritt voran und der Techno war der Soundtrack dazu. Von Freitag bis Montag Party machen und dann trotzdem arbeiten gehen. Das war neu im Vergleich zu früheren Jugendkulturen, die ein Aussteigertum waren. Folgerichtig wollte man auch seine Musik legal ausleben. Statt illegaler Technopartys in irgendwelchen Kellern kamen die Leute an die Parade.

Lauftaufnahme der Quaibrücke an der Streetparade vom 13. August 2016 (Bild: Ennio Leanza/Keystone).

Waren Sie eigentlich an der ersten Parade 1992?
Oh nein. Meine damalige Freundin ging hin und erzählte mir davon, worauf ich ihr den Schuh gab (lacht). Ich war damals noch Punk-Musiker und empfand computergenerierte Musik als Verrat an der Kunst.

Wie kam das Umdenken?
Ich bin von Haus aus Schlagzeuger und mich faszinierten die Möglichkeiten der Drum Machines. Dann kam die zweite Revolution, nämlich die der Vertriebswege. Die Vinyl-Läden eröffneten Musikern völlig neue Möglichkeiten vorbei an den etablierten Plattenlables.

Früher war die Street Parade eine Veranstaltung für Junge, heute sind die Jungen von damals älter und kommen immer noch. Hat das erweiterte Altersspektrum die Parade verändert?
Mittlerweile kann man von einem Drei-Generationen-Event sprechen. Schon damals gab es Freigeister im fortgeschrittenen Alter, die heute auf die Pensionierung zugehen. Der Kern der Techno-Generation ist in meinem Alter und die Jungen kommen nach wie vor. Meine Eltern sind seit 15 Jahren dabei und haben immer einen Riesenplausch. Das Einzigartige an der Street Parade ist, dass hier alle Generationen miteinander reden. Das gibt es an keinem Festival.

Die Jugendlichen wollen keine lärmige Musik.

Vermutlich wollen die jüngeren Besucher heute andere Musik hören als die Raver der ersten Stunde.
Das ist sicher so. Techno wird heute anders getanzt. Die Jugendlichen wollen keine lärmige Musik. Das merkt man auch auf den Bühnen, wo hochkarätige Künstler ein Klangbild erzeugen. Mir persönlich ist die Bumbum-Partymusik immer noch lieber. Aber auch dafür gibt es die Love-Mobiles.

Wieviel musikalische Diversität verträgt die Parade?
Die Klammer ist elektronische Musik, und darunter existieren hundert Untergenres. Vom Trance aus den Anfängen, das immer noch eine treue Fangemeinde hat über Detroit House, Elektro, 2step und wie das alles heisst. Alles hat eine Szene und alles hat seine Berechtigung, aber für uns ist es unmöglich, all diese Bedürfnisse auf den Bühnen zu bedienen. Auf den Love-Mobils schon eher, da schauen wir auch, dass die 25 Wagen möglichst die ganze Bandbreite elektronischer Musik abdecken. Möglichst jeder soll dort seine Musik finden und damit durch Zürich tanzen können. Was gibt es Schöneres?

Und auf den Bühnen?
Hier wollen wir den Besuchern neue Musik zeigen. Zwei Jahre voraus sein. Das gelingt uns ganz gut. Was dieses Jahr auf den Bühnen der Street Parade läuft, wird in ein, zwei Jahren trendbestimmend sein. Heute wissen die Leute, dass sie an der Parade auch neue Künstler entdecken können. Ich staune jeweils, wenn ich nachher die Shazam-Auswertungen (Online-Musik-Erkennungsdienst) sehe, was für Tracks die Leute abgehört haben. Das zeigt, dass wir ein interessiertes Publikum haben, das seinen musikalischen Horizont erweitern, und nicht einfach konsumieren will.

Ist die Organisation der Parade ein Ganzjahres-Job?
Der Handwerker schreibt ja nur die Stunden auf, die er vor Ort ist. So gesehen ist es ein 12-Stunden-Job (lacht). Nein, in Tat und Wahrheit habe ich einen 250-Prozent-Job. Es wird auch jedes Jahr mehr. Die Auflagen werden immer mehr.

Sie meinen von der Stadtverwaltung?
Zunächst einmal erhalten wir von der Stadt sehr viel Unterstützung und professionelle Strukturen. Zürich hat sich in sämtlichen Ressorts darauf eingestellt, Grossanlässe auszutragen. Entsorgung und Recycling stellt Abfallbehältnisse inklusive Signalisierung auf, das Elektrizitätswerk mobile Stromkästen. Das gab es früher alles nicht. Durch die Professionalisierung der Verwaltung wachsen allerdings auch die Bedürfnisse. Also jedes Jahr mehr Papier, mehr Sitzungen, mehr Begehungen. Sicherheit ist natürlich auch ein riesiges Thema.

Wie empfinden es Ihre Mitarbeiter?
Wir drei im Vorstand arbeiten neben unseren eigentlichen Berufen das ganze Jahr an der Parade. Die 15 OK-Mitglieder opfern dafür ihre Freizeit, am Tag selbst arbeiten insgesamt 3000 Leute. Foodstände und die Love Mobiles nich einferechnet. Abgesehen von Booking und Sponsoren-Akquise, die im Herbst beginnt, musst du die Parade innerhalb von vier Monaten auf die Beine stellen. In diesem intensiven Zeitfenster arbeiten die Leute 200 Prozent, im Herbst haben sie hingegen wenig zu tun. Eigentlich müssten wir auch im Winter etwas auf die Beine stellen, um sie auszulasten.

Eine Snow Parade?
Es gibt immer wieder Anfragen, auch nach der Parade Veranstaltungen zu organisieren, zum Beispiel in den Clubs. Das haben wir bisher abgelehnt. Wir verstehen die Parade auch als Schaufenster für die Clubs, und die wollen wir nicht konkurrenzieren.

Nein, das sind keine schönen zwölf Stunden.

Wie verbringen Sie den Samstag der Parade?
Wir Vorstandsmitglieder sind eigentlich den ganzen Tag unterwegs. Repräsentative Aufgaben, Troubleshooting, zum Beispiel wenn irgendwo ein Gitter aufgeht, das zu sein sollte. Allenfalls müssen wir Vorbereitungen für Gewitter und im Extremfall einen Veranstaltungsabbruch treffen. Der Abfallverantwortliche kommt erst am Nachmittag, dafür arbeitet er dann bis am Sonntagmorgen (lacht). Die Zuständige für die Love-Mobiles muss dagegen schon am morgen um fünf Uhr auf Platz sein. Dafür kann sie dann den Nachmittag geniessen.

Gibt es für Sie den reinen Genussmoment an der Parade?
Nein, seit ich Präsident bin, gibt es den leider nicht mehr. Das ist der Preis, den ich und auch meine Kollegen im Vorstand für dieses Engagement bezahlen. Für mich als Bewilligungsinhaber ist der Druck besonders hoch. Die Bewilligung erhalte ich als Privatperson, somit hafte ich auch persönlich für die Sicherheit aller Besucher. Nein, das sind keine schönen zwölf Stunden. Aber um Hunderttausenden von Menschen den schönsten Tag des Jahres zu bescheren, muss man das aushalten.

Was hältst du von der Street Parade?

Wie lange wird es die Street Parade noch geben?
Solange wir die Menschen emotional mit unserer Botschaft erreichen, werde ich Tag und Nacht arbeiten, damit diese Veranstaltung stattfinden kann. Wenn es irgendwann nur noch eine Sommer-Fasnacht ist, dann müssen das andere machen, von uns will das keiner. Nicht dass man mich falsch versteht, ich habe nichts gegen die Fasnacht. Aber es wäre eben etwas ganz anderes.

Was muss man verändern, was beibehalten, damit die Parade überlebt?
Erhalten bleiben muss der Umzug, die Mottos, die Ansprache. Alles andere ist verhandelbar und muss von Zeit zu Zeit infrage gestellt werden. Braucht es das wirklich? Das Schönste sind doch die Leute auf dem Sechseläutenplatz, die früh kommen und tanzen. Wenn dann das erste Love-Mobile das Opernhaus passiert, dreht sich die Hälfte um und strömt zu diesem Love-Mobile. Das zeigt, dass viele Leute wirklich immer noch wegen der Parade kommen.

Stimmt eigentlich das Gerücht, dass Stadtzürcher an besagtem Samstag das Weite suchen?
Durch die Integration von Labels konnten wir in den letzten Jahren sehr viele Stadtzürcher bewegen, an der Parade mitzumachen und so ihr Netzwerk zu pflegen. Aber unter den «normalen» Stadtzürchern kann ich mir durchaus vorstellen, dass der eine oder andere an jenem Wochenende verschwindet. Ganz nachvollziehen kann ich es allerdings nicht, denn ausser in den Quartieren der Innenstadt hört man diese Parade nicht. In den Nullerjahren gab es überall Partys, die haben auch mich genervt. Inzwischen ist um Mitternacht Schluss und Ruhe. Für einen Samstag ziemlich ok.

Dann gibt es aber noch andere «Emissionen» als Lärm…
Ja, das leidige Urinieren. Wir werden dieses Jahr zusätzliche WCs in der Altstadt aufstellen, damit die Wände nicht missbraucht werden. Das Feedback auf einen entsprechenden Feldversuch vorletztes Jahr war positiv. Nun versuchen wir es im grösseren Massstab und sehen, ob es etwas bringt. Wir hoffen, dass es zumindest nicht unangenehm riecht, wenn die Anwohner am Sonntag vom Ausflug in den Bergen zurückkommen (lacht).

Das andere Thema ist Abfall. Da gibt es dieses Jahr eine Neuerung.
Wenn wir «Love Never Ends» zum Motto erheben, dann meinen wir damit auch die Liebe für unseren Planeten. Darum haben wir beschlossen, von jedem verkauften Getränk einen Franken in unsere Umwelt zu investieren. Also in die Gesundheit unserer Besucher, Reinigung, Abfalltrennung, Rückführung, Recycling, aber auch Anwohner-Entlastung. So sollten jedes Jahr zwischen 200’000 und 300’000 Franken reinvestiert werden. Was übrig bleibt, wir rechnen mit ein paar Zehntausend Franken, fliesst in lokale, kantonale und nationale Hilfsorganisationen. So wollen wir den Gedanken der Parade nicht nur mental, sondern auch mit Taten hinaustragen.

Die Street Parade ist kein Business-Modell.

Wie entstand die Idee für den Umweltfranken?
An einer Budgetsitzung, als wir wieder einmal merkten, dass wir ständig über Geld reden. Dabei geht es doch um etwas anderes. Niemand macht hier wegen dem Geld mit. Die Street Parade ist kein Business-Modell...

… und gerade deshalb ist Geld ein Dauerthema.
Ja, die Parade steht unter riesigem finanziellen Druck und operiert mit beträchtlichen Risiken. In den vergangenen Jahren hatten wir stets um die eine Million Besucher. Unsere Infrastruktur muss 1.2 Millionen verkraften. Wenn es regnet, kommen aber nur 600’000. Das ist das Risiko der Parade. Auch nach 25 Jahren wissen wir immer noch nicht, ob die Leute kommen und woher sie kommen. Im schlimmsten Fall stellen wir doppelt so viel auf, wie nötig gewesen wäre. Als Konzertveranstalter weisst du anhand der Ticketverkäufe, wieviele Personen kommen werden. Wenn das Interesse unerwartet gering ist, kannst du deine Kosten herabfahren: Weniger WCs hinstellen, weniger Securitys, weniger Gitter, weniger Foodstände, weniger Barpersonal. Bei uns wird alles hochgefahren und dann schauen wir, wieviele kommen.

Wie geht das auf?
Eigentlich geht es nicht auf. Letztes Jahr hatten wir perfekte Wetterbedingungen, viele Besucher – und ein Defizit. Was können wir tun? Noch besseres Wetter geht nicht. Viel mehr Besucher verträgt die Stadt nicht. Wir könnten die Kosten senken, aber auch hier besteht eigentlich kaum Spielraum. Langfristig bleibt uns nichts anderes übrig, als auf der Einnahmenseite zu schrauben.

Dieses Jahr hat die Street Parade mit M-Budget erstmals seit langem einen Presenting Partner.
Wir haben zusammen mit der Migros viel ins Erlebnis investiert, die Besucher werden die Veränderung spüren und schätzen, davon bin ich überzeugt. Ich freue mich sehr darauf, der Parade dieses Jahr ein Facelift zu verpassen. Wir merken in den Clubs, aber auch an den Festivals, dass die Parade ein Thema ist. Es herrscht Aufbruchstimmung, und daran hat die Migros einen wichtigen Anteil.

Migros und Street Parade – wie passen die beiden Kulturen zusammen?
Die Migros ist eine Genossenschaft und wenn ich ihr Leitbild lese, weiss ich manchmal nicht, ob das jetzt ein Motto-Text der Street Parade ist. Sie denkt und funktioniert klar marktwirtschaftlich, pflegt aber auch den Dienst an der Gesellschaft setzt sich für die Schwächeren ein. Das passt gut zu uns.

(Bild: Street Parade)

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