24. Mai 2018

Helene Fischer hat ein dickes Fell

Ende Juni tritt Helene Fischer in Basel auf. Mit ihren aufwendigen Shows begeistert die Schlagerkönigin seit Jahren Millionen von Fans. Die 33-Jährige über Erfolg und Ehrgeiz, reisserische Schlagzeilen und das zurückhaltende Schweizer Publikum.

Helene Fischer
Sie tanzt, turnt, singt, schwitzt und liebt: Helene Fischer. (Bild: Kristian Schuller / Universal Music)
Lesezeit 8 Minuten

Helene Fischer, was ist das Lustigste, das Sie je über sich gelesen haben?

Beispielsweise die Geschichte über den Wunderheiler aus den USA, der eingeflogen sein soll, als ich nur einen Infekt hatte. Wenn es nach den Klatschmagazinen geht, war ich auch schon unzählige Male schwanger und habe etliche Hochzeiten gefeiert. Und über meinen Freund Florian gab es eine grosse Geschichte, dass er sehr darunter leide, Linkshänder zu sein ...

Lesen Sie alles?

Nein, Gott sei Dank nicht.

Liest man die Berichte über Sie, entsteht der Eindruck, Sie seien immer gut drauf. Ist das auch eine Erfindung der Medien?

Nein, das gehört für mich zum Job. Ich kann doch nicht hier sitzen und schlecht gelaunt sein. Tatsächlich bin ich ein sehr positiver Mensch. Aber ich habe auch meine nachdenkliche Seite: Zu Hause bin ich eigentlich eher ruhig und auch mal schlecht drauf. Morgens brauche ich immer ein bisschen Zeit, um in den Tag zu kommen. Aber es tut einfach gut, die Sonne im Herzen zu tragen. Man kann auch alles schlimm sehen, sich selbst verrückt machen. Aber warum sollte ausgerechnet ich ständig schlechte Laune haben?

Als Star sind Sie auch eine Projektionsfläche. Viele schreiben, Sie seien so perfekt; manche bezeichnen Sie gar als glatt oder steril. Wie sehen Sie das?

Ich versuche natürlich immer, mein Bestes zu geben – so bin ich erzogen worden, und so verstehe ich meinen Job. Ich mache nichts halbherzig. Wenn ich auf die Bühne gehe,überlege ich mir ganz genau, was ich anziehe und wie die Performance aussehen soll. Auf der Bühne kann ich aber auch verschwitzt sein, und nichts ist mehr perfekt.

Haben Sie schon mal den Begriff «Helenefischerisierung» gehört?

Nein.

Er bedeutet, dass etwas Mainstream wird, und ist aufgekommen nach dem Pokalfinale Dortmund gegen Frankfurt, als Sie auf der Bühne ausgepfiffen wurden. Wie haben Sie das damals erlebt?

Als nicht so schlimm. Im Lauf der Jahre habe ich mir ein dickes Fell zugelegt. So schnell kann mich nichts mehr aus der Ruhe bringen. Die Buhrufe waren nicht gegen mich persönlich gerichtet – da wollte man einfach keinen «Mainstream» beim Fussball haben. Genau die, die gepfiffen haben, besuchten ein paar Monate später vielleicht eins meiner Konzerte (lacht).

Da könnten Sie recht haben. An Ihren Konzerten sind alle anzutreffen: verliebte Teenager, Familien, Senioren. Wie erklären Sie sich das?

Es ist wohl einfach die Musik: Sie spricht viele an. Aber auch die Tatsache, dass unser Bühnenprogramm eine Art Event ist, den man mit der ganzen Familie besuchen kann und wo man sich überraschen lässt. Es gibt einfach eine gute Show – ich bin jetzt mal so selbstbewusst und sage das. Ich versuche, alle so gut wie möglich zu unterhalten. So richtig erklären kann ich mir die breite Fangemeinde auch nicht. Ich bin sehr dankbar dafür, weil ich so ganz viel in ein Programm reinpacken kann. Das macht es für uns sehr spannend: Wir sind in keinem Korsett gefangen, können alles auf die Bühne bringen. Da ist dann hoffentlich für jeden etwas dabei.

«Stehe ich auf der Bühne, merke ich: Dafür bin ich geboren», sagt Helene Fischer. (Bild: Kristian Schuller / Universal Music)

Können Sie noch ein «normales» Leben führen? Gehen Sie zum Beispiel auch mal ungeschminkt raus?

Natürlich ist die Aufmerksamkeit besonders gross, wenn ich in einer Stadt ein Konzert gebe, in einer Fernsehshow auftrete oder gerade ein neues Album herausgebracht habe. In ruhigeren Zeiten ist es leichter, sich draussen zu bewegen. Aber ich brauche mir nichts vorzumachen: Inzwischen erkennen mich die Leute auch, wenn ich ungeschminkt, mit Pferdeschwanz und Käppi shoppen gehe. Aber das ist ja auch nicht schlimm.

Und die Paparazzi, die Ihnen auflauern, sind die auch nicht schlimm?

Jeder kann heute mit seinem Smartphone zum Paparazzo werden, das finde ich anstrengend. Ich vermute, dass viele Menschen, die mich fotografieren oder filmen, sich nicht getrauen, mich direkt anzusprechen. Oft gehe ich dann auf sie zu und frage, ob sie nicht lieber ein richtiges Bild mit mir hätten. Das freut dann die meisten.

Es war zu lesen, dass Sie sich im vergangenen Sommer in der Schweiz mit Perücke eine Kürbisfarm angeschaut hätten, um inkognito zu bleiben.

Das gehört ins Kapitel «lustigste Schlagzeilen»! (lacht) Ich habe damals meine gesamte Crew auf eine Schifffahrt mit Käsefondue auf dem Zürichsee eingeladen. Wir waren ein paar Stunden lang unterwegs und hatten eine gute Zeit. Davon gibt es Fotos, die Bandmitglieder online gestellt haben. Eine Zeitung hat die Bilder dann abgedruckt und geschrieben, ich sei nicht dabei gewesen – während meine Crew gefeiert habe, hätte ich brav Apfelschorle auf einer Kürbisfarm getrunken. Der Artikel zitierte Wirte, die sagten, ich hätte eine Perücke aufgehabt, und beschrieben, was ich dort ass. Alles erstunken und erlogen! Ich habe natürlich mit meinen Leuten auf dem Schiff gefeiert.

Im Februar hatten Sie eine schwierige Zeit. Es hiess, Sie hätten Ihre Stimme verloren und es sei ungewiss, ob Sie je wieder singen könnten.

Eine weitere Falschmeldung über mich: Ich hatte einen Atemwegsinfekt. Jeden aus unserer Crew hat es erwischt – ich war zuletzt an der Reihe. Blöderweise musste ich Konzerte absagen, deshalb hat sich jemand diese Schlagzeile aus den Fingern gesogen. Mir hat es für die Fans sehr leidgetan, aber ich konnte einfach nicht singen.

Was ist das Tollste an Ihrem Job?

Meine Live-Erlebnisse sind definitiv das Tollste! Wenn ich mit meiner Band auf der Bühne stehe, lebe ich meine Leidenschaft für die Musik aus und kann viele Menschen glücklich machen. Es gibt einfach nichts Schöneres! Bei den Proben bin ich immer schon sehr vorfreudig. Stehe ich dann auf der Bühne, merke ich: Dafür bin ich geboren.

Mit Ihrer Musik wecken Sie Sehnsüchte. Wonach sehnen Sie sich?

Ich kann mich nicht beschweren, um Gottes willen. Ich bin mehr als glücklich und von Jahr zu Jahr erfolgreicher, obwohl ich das gar nicht erwarte. Ich nehme es einfach dankbar an. Trotzdem: Manchmal wünsche ich mir, ein bisschen mehr Zeit zu haben für die privaten Dinge. Immer wieder denke ich: Huch, das Jahr ist schon wieder um!

Sie wurden im sibirischen Krasnojarsk geboren. Haben Sie einen Bezug zu Ihren russischen Wurzeln?

Ich spüre schon ab und zu das russische Temperament und die Feierfreude, aber auch den Hang zur Melancholie. Es gibt ein paar russische Gerichte, die ich mag: Ich esse wahnsinnig gern Pelmeni, die russische Version von Tortellini, oder Borschtsch, den Eintopf mit Roter Bete. Diese Gerichte hat früher meine Mutter gekocht. Ansonsten merke ich nicht so, dass ich russische Wurzeln habe.

Über die russische Erziehung hört man, dass sie nichts für Memmen sei. Kinder werden in Russland nicht gerade verhätschelt. Sie sagen, dass Sie dazu erzogen worden seien, immer das Beste zu geben. Ist das jetzt russisch oder deutsch?

Diese Diszipliniertheit habe ich wohl auch ein bisschen in die Wiege gelegt bekommen. Gleichzeitig wurde ich aber total frei erzogen, mit ganz viel Liebe. Weder mein Vater noch meine Mutter war sehr streng mit mir. Ich habe immer gerne Sport getrieben und getanzt – das haben mich meine Eltern machen lassen. Trotzdem: Vielleicht sind meine Disziplin und mein Durchhaltevermögen ja russische Eigenschaften?

Seit zehn Jahren ist Helene Fischer mit dem Schlagersänger und Moderator Florian Silbereisen zusammen. (Bild: Getty Images)

Wollten Sie eigentlich immer schon auf die Bühne, auch als Kind?

Ich habe schon bei Familienfeiern immer gern etwas aufgeführt. Mit meiner Schwester, die sechs Jahre älter ist als ich, habe ich alle unterhalten; sie wollte mich immer dabeihaben, weil sie sich allein nicht getraut hat. Anfangs habe ich das natürlich nur als Hobby betrachtet. Dann wurde es immer mehr, auch ernster. Meine Schwester hat schliesslich eine ganz andere Laufbahn eingeschlagen: Sie ist Wirtschaftsjuristin und singt nur noch für ihre Kinder.

Welchen Anteil an Ihrer Karriere hatte eigentlich Ihre Mutter?

Zu Beginn einen sehr, sehr grossen. Sie hat das Ganze ja in die Wege geleitet. Ich hatte eine Demo-CD aufgenommen, um mich an Theatern zu bewerben und beweisen zu können, dass ich auch singe. Ich spekulierte auf eine Gesangsrolle, da ich mich schon immer für Musicals interessiert habe. Meine Mutter machte sich die Mühe, diese CD mit sechs Coversongs auch noch an andere zu verschicken. Schon damals war es so, dass Plattenfirmen eher auf einen aufmerksam wurden, wenn man schon eine Band und eigene Songs hatte. Zeit und Geld in einen Künstler zu investieren und ihn aufzubauen, war die Ausnahme. Und deshalb bin ich heilfroh, bei meinem Manager Uwe Kanthak gelandet zu sein. Er hat dieses Talent in mir entdeckt und ist schon seit 14 Jahren an meiner Seite.

Besuchen Ihre Eltern Ihre Konzerte?

Sehr oft sogar. Je älter ich werde, desto mehr schätze ich das. Sie sitzen in einer Loge, beim Mischpult oder im Publikum. Die Fans freuen sich auch, wenn sie meine Eltern sehen.

Wer ist Ihr strengster Kritiker?

Der bin ich selbst. An zweiter Stelle steht Florian, wobei er weniger ein Kritiker ist. Wir können uns einfach super austauschen, und er hilft mir bei meinen Entscheidungen. Ich habe ein sehr starkes Bauchgefühl, und Florians Blick hilft mir sehr. Mein Manager ist auch kritisch, aber gesund kritisch. Ich hingegen nehme alles auseinander. Die beiden sind mir wirklich eine Stütze.

Sie haben sich musikalisch schon oft gewandelt. Wie wird Helene Fischer in fünf Jahren klingen?

Gute Frage. Ich glaube, es ist ein ganz natürlicher Wandel, der da mit einem passiert. Meine Liebe zu deutscher Musik wird stets bleiben, und ich fühle mich in der deutschen Sprache sehr wohl. Ab und zu singe ich mit internationalen Künstlern – auch das macht mir Spass. Ich kann nicht sagen, wie meine Musik in ein paar Jahren klingen wird. Mit zunehmendem Alter ist man aber immer mehr mit sich selbst im Reinen, und das widerspiegelt auch die Musik.

Können Sie sich vorstellen, wie Tina Turner auch noch mit über 70 die Bühne zu rocken?

Ich habe sie vor ein paar Jahren in Hamburg gesehen und war echt erstaunt, wie viel Power diese Frau hat. Man kann sich nur wünschen, dass man auch in dem Alter noch so fit und stimmlich auf der Höhe ist.

Am 26. Juni treten Sie in Basel auf. Im vergangenen Jahr gaben Sie fünf Konzerte in Zürich. Gibt es eine Schweizer Eigenart an Konzerten?

In Deutschland ist das Publikum immer ziemlich ähnlich. Als wir das erste Konzert in Zürich gaben, merkte ich, dass die Leute nicht so richtig aus sich herausgingen. Umso reizvoller war es für mich, sie dann doch «herumzukriegen». Zu sehen, wie die Menschen aufstehen, loslassen, aus sich rauskommen – das war an jedem Abend mein Ziel. Und es war toll. Mit jedem Applaus habe ich gemerkt: Denen gefällt das, was wir hier machen.

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