09. September 2019

Heldin des Alltags

Bänz Friedli (54) beobachtet ein langwieriges Beratungsgespräch in der Drogerie. Hier kannst du dich mit dem Kolumnisten und seinen Leser*innen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Drogerie
Viele ältere Menschen sind vom Warenangebot einer Drogerie überfordert und brauchen Beratung.

Respekt vor Frau Terzi! Wie geduldig sie vorige Woche in der Drogerie den alten Mann bediente – es war, finde ich, mehr als nur kundenfreundlich. Denn er war umständlich, der Herr mit Brille und zerzaustem weissem Resthaar. Kundinnen kamen und gingen, doch Frau Terzi war noch immer mit ihm beschäftigt. «Gänds mer mal na sones Dusch für nüün Franke …!», forderte er die Verkäuferin irgendwann auf und entschuldigte sich sogleich dafür, dass sie es ihm bringen müsse, weil er mit seinen zittrigen Beinen den Treppenabsatz in den hinteren Teil des Ladens nicht mehr meistern könne. Mit hoher, brüchiger Stimme gab er Anweisungen: «Nääi, vo de andere Margge! Nöd s grüeni, s roti. Oder, nääi, doch ehner s orangschi …» So ging das über Minuten.

«Was han ich jetz no welle?», fragt er Frau Terzi als Nächstes. Das müsse er schon selber wissen, erwidert sie lachend. Er wisse es aber nicht mehr, raunt er. Sie versucht ihm auf die Sprünge zu helfen: «Tee, Zahnpasta, Putzmittel …?» – «Ach, ja, Waschmittel», fällt es dem Alten wieder ein. Aber die Waschmaschine könne er eben nicht bedienen. Frau Terzi gibt ihm ein Handwaschmittel, erläutert anschaulich dessen Anwendung. «Und wenn Sie von Hand waschen, bräuchten Sie vermutlich noch eine Salbe, damit die Haut nicht spröde wird», rät sie. So geht das weiter. Ach ja, er habe Nagelpilz, fällt ihm noch ein. «Ist mehr als die Hälfte befallen?», will die Verkäuferin wissen. «Mehr als die Hälfte des Lebens?», fragt er zurück. Nääi, nääi, erst seit einigen Jahren. «Ob mehr als die Hälfte des Nagels befallen ist, wollte ich wissen», erklärt Frau Terzi.

Die Beratung zog sich hin, dauerte sicher schon über eine halbe Stunde. Für mich sind sie Heldinnen und Helden des Alltags: all jene, die am Bahn- oder Postschalter, in der Drogerie, in Warenhäusern und an der Migros-Kasse alte Menschen beraten – diese Alten, die überfordert sind vom modernen Alltag, die Rat suchen, vielleicht auch nur sozialen Kontakt … Heldinnen wie Frau Terzi, die dem Alten mit Engelsgeduld beisteht. Mit einem Lächeln. Nicht herablassend, nicht gönnerhaft, nicht in diesem Jargon, der den Kunden als Volltrottel hinstellt, einfach nur mit einem Lächeln.

Das Duschgel? Als er die gewünschte Tube endlich vor sich auf der Verkaufstheke stehen hatte, sagte der Alte: «Wüssed Sii, warum ich das nöd chaufe?» Ja, sie wisse es, wegen des Deckels, antwortete Frau Terzi; weil es allzu grosser Kraft bedürfe, den zu öffnen. Schliesslich trottete er davon. Und sie verräumte das Duschgel wieder im Regal. Mit Engelsgeduld.

Bänz Friedli live: 11.–14. 9. St. Gallen, 15. 9. Stans NW, 19. 9. Dübendorf ZH

Die Hörkolumne (MP3)

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