06. August 2018

Heiss, aber cool

Bänz Friedli ist in den Ferien völlig abwesend. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Abwesenheitsmeldung

Ferienzeit, Zeit für «Abwesenheitsnotizen». Sie kennen das: Man mailt jemanden an, zurück kommt eine automatisierte Antwort: «Bitte beachten Sie, dass ich bis 12. August in den Ferien bin. Ihre Mail wird nicht weitergeleitet. In dringenden Fällen …» Und so weiter. Eine prima Einrichtung, eigentlich. Nicht wahr? Man weiss dann gleich, woran man ist.

Sie! Ich kannte einen, der liess während seiner Ferien die Anfragen nicht mit «… werde meine Mails erst am so-und-so-ten wieder lesen …» quittieren, sondern mit: «Ihre Mail wird umgehend gelöscht. Sollte Ihr Anliegen am 3. September noch aktuell sein, wenden Sie sich bitte dann wieder an mich.» Ich weiss nicht, ob er tatsächlich sämtliche Mails löschen liess (was ich mir angesichts seiner Stellung kaum vorstellen kann) und ob dies technisch überhaupt machbar wäre. Aber der Kerl imponierte mir. Denn mehrere Male war es so, dass ich mir in meiner – handschriftlichen! – Agenda notierte, ich müsste ihn Anfang September wieder kontaktieren, dann jedoch feststellte, dass es sich inzwischen erledigt hatte. Ob absichtlich oder nicht: Er hielt uns den Spiegel vor, wie kurzlebig und atemlos die Arbeitswelt ist.

Das ist einige Jahre her. Der Mann ist inzwischen pensioniert. Abwesenheitsnotizen erhalte ich noch immer, vor allem im Sommer: «Bitte haben Sie Geduld …» – «… um Ihr Verständnis, dass …» – «… nur unregelmässig gelesen …». Und so weiter. Nur ist es heute so, dass zuerst die Abwesenheitsnotiz kommt: «Ihre Anfrage wird erst nach dem 20. August bearbeitet.» Nach wenigen Minuten aber bereits die Antwort vom Strand: «Bin gerade in der Badehose am Meer, melde mich asap.» (Und es hat einige Zeit gedauert, bis ich begriff, dass asap «as soon as possible» bedeutet, also eine Leerformel ist.)
Ich schreibe zurück, es eile keinesfalls, der Angemailte möge sich um Himmels willen nicht in den Ferien stören lassen – und erhalte umgehend wieder die Abwesenheitsnotiz: «Ihre Anfrage wird erst nach dem 20. August …» Nur Sekunden später allerdings die erneute Antwort, mittlerweile aus dem Strandcafé, «von meinem iPhone gesendet»: «Wart, muss rasch meiner Kleinen das Gelato abputzen, sie ist ganz ­verschlabbert. Melde mich sofort!»

«Sofort» dauert dann zwar sechseinhalb Stunden. Aber gegen 23 Uhr folgt die Meldung: «Habe gerade keinen Zugriff auf die entsprechenden Unterlagen. Wir sind in Sizilien. Heiss, aber cool! Versuche, mich morgen darum zu kümmern.» Und man möchte dem Absender einfach nur mitteilen: Lass es bleiben. Und: Bitte, versuch ganz dort zu sein! Und ganz weg von zu Hause. Wenigstens einen Tag lang.

Die Hörkolumne (MP3-Format)

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