28. September 2017

Trauzeugen per Mausklick

Vor zwei Wochen haben Renate Wenig und Andreas Bollinger auf dem Standesamt in Zürich geheiratet. Seine Trauzeugen hat das Paar via Internet gesucht – und gefunden.

Andreas Bollinger und Renate Wenig (Mitte), flankiert von Barbara Gugelmann und Ivo Stengele
Das frisch vermählte Paar mit seinen Trauzeugen: Andreas Bollinger und Renate Wenig (Mitte), flankiert von Barbara Gugelmann und Ivo Stengele.
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Auf dem Onlineportal Ron Orp konnte man Ende August eine Anzeige lesen, die neugierig machte: «Hallo, wir suchen zwei Trauzeugen für den 19. September 2017 um 15.30 Uhr im Stadthaus Zürich. Leider haben wir keine Verwandtschaft, und die Bekanntschaft hat an diesem Tag keine Zeit. Als Ausgleich laden wir euch schön zum Nachtessen ein. Meldet euch bei Andi (48) und Reni (51).»

Hinter der Annonce stecken Renate Wenig und Andreas Bollinger. Die deutschen Staatsbürger sind inzwischen tatsächlich seit rund zwei Wochen verheiratet. Als Trauzeugen dabei waren Barbara Gubelmann (52) und Ivo Stengele (52). Barbara ist eine von rund 50 Personen, die sich auf das Inserat gemeldet haben. Ihren Kollegen Ivo hat sie auf Wunsch der Braut zum Mitmachen animiert. Denn Renate Wenig dachte, es sei für die Trauzeugen angenehmer, wenn sie sich bereits kennen. Nach einem Kaffee zu viert waren alle Beteiligten vom Deal überzeugt. Für die weitere Kommunikation erstellte man eine Whats-App-Gruppe.

Der Vater als Matchmaker

Die Liebesgeschichte von Renate Wenig und Andreas Bollinger ist so speziell, wie ihre Suche nach Trauzeugen unkonventionell ist. Die Hotel- und Gastronomiefachfrau meldete sich vor zwei Jahren auf ein Inserat, in dem ein Vater eine Betreuung für seinen Sohn mit Behinderung suchte; und zwar für drei bis sechs Monate auf Teneriffa, dem Zweitwohnsitz der Familie.

Der Saisonvertrag von Renate Wenig im Restaurant Geeren in Gockhausen ZH lief damals gerade aus, und Teneriffa klang in den Ohren der gebürtigen Bayerin recht verlockend. Also bewarb sie sich und erhielt wenig später eine Einladung zum Vorstellungsgespräch im Restaurant Die Waid in Zürich: Was für ein schöner Mann!, habe sie sich gedacht, als sie den Sohn zum ersten Mal sah. Andi und sein Vater hätten dann etwas über die Behinderung und die damit für Renate Wenig verbundene Arbeit gesprochen.

Andreas Bollinger ist in der Schweiz aufgewachsen und hatte mit 20 Jahren einen schweren Auffahrunfall in einem Tunnel. Unverschuldet. Er lag sieben Monate im Koma und musste unzählige Operationen über sich ergehen lassen. Erst meinten die Ärzte, er könne nie wieder gehen. Auch die Sprache hatte er verloren. Seine Mutter wollte sich damit aber nicht abfinden und entschied, mit der Familie nach Teneriffa zu ziehen, wo ihr Sohn vom warmen Klima und bester Therapie profitieren konnte.

Die Liebe brauchte Zeit zum Wachsen

Mit eisernem Willen kämpfte sich der Schwerverletzte zurück auf die Beine, lernte wieder sprechen und konnte sieben Jahre nach dem Unfall sogar wieder ohne Krücken gehen. Er hat sich den Umständen entsprechend sehr gut erholt. Geblieben sind ein schleppender Gang und ein vermindertes Kurzzeitgedächtnis. Darum kann der ehemalige Unterhaltungselektroniker nicht mehr arbeiten und bezieht eine IV-Rente.

Renate Wenig traute sich den Job als Betreuerin durchaus zu, schliesslich war dieser Mann mit Handicap kein Pflegefall, sondern brauchte bloss etwas Unterstützung im Alltag. Aber im Verlauf des Gesprächs mit den beiden Männern stellte die Bewerberin fest, dass der Vater noch anderes von ihr erwartete: «Irgendwann fragte er mich, ob ich mir eine Heirat vorstellen könnte. Ich dachte, ich sei im falschen Film, zahlte so schnell wie möglich und wollte mich aus dem Staub machen.» Andi habe sie dann aber noch um ihre Handynummer gebeten, die sie ihm anstandshalber gegeben habe.

Zwei Wochen später meldete er sich, und sie verabredeten sich für einen Kaffee. Aus einem wurden zwei, dann vier. Schliesslich hat sie sich dazu entschlossen, ihn nach Teneriffa zu begleiten – und dort hatte die Liebe Zeit, sich zu entwickeln.

Warum die beiden in der Schweiz fast keine Freunde haben

Renate Wenig arbeitet zwar schon seit fast über zehn Jahren in der Schweiz, hat aber praktisch keine engen Freundschaften geschlossen, unter anderem, weil sie oft befristete Saisonstellen angenommen hat und nie lange am selben Ort war. Auch Andreas Bollinger hat wenige enge Vertraute in der Schweiz. Zum einen, weil er mehr als die Hälfte des Jahres im Ausland lebt, zum anderen wegen seiner Behinderung: «Vor dem Unfall war ich DJ, DJ Andy Master King. Ich hatte sehr viele Freunde. Mit dem Unfall habe ich sie alle verloren. Es fehlte ihnen wohl der Mut, sich mit mir und meinem Schicksal zu konfrontieren.»

Der Matchmaker, Andreas Bollingers Vater, ist inzwischen verstorben. Die Mutter sowie eine Schwester leben in Teneriffa. Als Trauzeuge infrage gekommen wäre noch Andreas’ Bruder Mike, der jedoch am vorgesehenen Termin ferienabwesend war. Allerdings musste das Datum dann verschoben werden, weil sich Andi und Renate erst neue Pässe ausstellen lassen mussten.

Und so kommt es, dass sich am Dienstag, 19. September, um 15.30 Uhr im Trauzimmer der Stadt Zürich doch noch eine ganze Schar an Gratulanten einfinden: Andis Bruder Mike mit seiner Frau Kathy, Olga, eine Freundin von Andi, und Bruno, ein Nachbar aus Teneriffa, der spontan angereist ist – und eben die Trauzeugen Barbara und Ivo.

Sie beide nehmen ihre Aufgabe ernst und schenken dem Paar nicht nur ihre Unterschrift, sondern auch zwei Kerzen, eine für die Schweiz und eine für Teneriffa: Sie sollen den Frischvermählten ein Licht sein, in hellen und in dunklen Stunden.

Den Apéro geniesst die kleine Hochzeitsgesellschaft im Bistro des Hotels Savoy Baur en Ville am Paradeplatz, das in der Annonce versprochene «schöne Nachtessen» gibt es anschliessend im Restaurant Reithalle an der Gessnerallee. Dort überraschen die Trauzeugen das Brautpaar mit einer Hochzeitstorte. Nach dem Fest verabschiedet man sich – mit dem Vorsatz, sich bald wieder zum Kaffee zu treffen.

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