04. April 2019

Heiliger Eifer

Wir sind zwar weniger religiös als früher, in anderen Lebensbereichen aber so hingebungsvoll und ehrgeizig, dass man fast schon von Ersatzreligionen sprechen kann.

Lesezeit 3 Minuten

1. Ernährung

Bloss nicht zu viel Zucker. Oder Fett. Oder Salz. Oder Fleisch. Überhaupt tierische Produkte. Das ist nicht nur ungesund, es schadet auch der Umwelt und dem Klima. Keinesfalls Erdbeeren im Januar. Auch Avocados sind des Teufels, ganzjährig. Stattdessen ausgiebig frühstücken, sich aber abends zurückhalten. Und nicht zu viele Zwischenmahlzeiten. Oder was immer gerade die neueste Theorie der globalen Armada von Ernährungsexperten ist, die uns missionieren möchten.

2. Gesundheit

Nur ja «richtig» essen (siehe oben), viel Bewegung, mindestens zweimal pro Woche ein, zwei Stunden intensiv Sport. Und keinesfalls rauchen! Auch Alkohol möglichst vermeiden, allenfalls ein, zwei Gläschen Rotwein pro Woche. Am besten lässt man sich von einer Apple Watch oder einem Fitbit-Armband überwachen, um sicherzustellen, dass die Bewegung reicht und der Schlaf in Ordnung ist. Denn wenn nicht, droht die Hölle furchtbarer Krankheiten und ein verfrühtes Ableben.

Illustration: Stephan Schmitz

3. Aussehen

Unbedingt jung, schlank, sportlich. Falls Altern sich gar nicht vermeiden lässt, wenigstens «jung» kleiden und verhalten – und all die Cremes und sonstigen Produkte der Kosmetikindustrie grosszügig anwenden, egal was sie bewirken. Viel Sport, gerne in der Mittagspause, ansonsten zwingend abends und am Wochenende. Bei zu vielen Fettröllchen: Diät, Diät, Diät, koste es, was es wolle. Modemagazine regelmässig konsultieren, um die neusten Trends nicht zu verpassen. Denn je mehr Leute entsprechend aussehen, desto schneller wird es langweilig, weshalb es rasch wieder einen neuen Trend braucht, dem erneut alle folgen, wie einst die Jünger Jesus Christus.

4. Umwelt

Geht rapide den Bach runter und muss deshalb dringend geschützt werden. Und wenn Politik und Wirtschaft das nicht zustande bringen, muss eben jeder Einzelne ran. Also: keinesfalls fliegen! Keine Plastiksäcke oder Shampoos mit Mikroplastik verwenden. Niemals Glas, Metall oder Papier in den Abfall werfen, auch nicht das zerfetzte Kassenzettelchen von der Migros. ÖV statt Auto, noch besser: Velo benutzen oder zu Fuss gehen. Wenn Auto, höchstens Mobility oder E-Mobil. Ja nicht auf dem Land im Häuschen mit Umschwung leben und dann auch noch stundenlang zum Job pendeln. Mindestens Erdwärme statt Erdöl, besser: Solaranlage auf dem Dach. Nur regionale Produkte einkaufen. Und niemals, wirklich auf gar keinen Fall Kinder in die Welt setzen, denn das potenziert den Schaden erheblich, den man bereits mit der eigenen Existenz anrichtet. Wer sündigt, zerstört das Paradies!

5. Spiritualität

Okay, es mag keinen Gott geben, aber irgendwo muss man ja hin mit seinen spirituellen Bedürfnissen und Transzendenzsehnsüchten. Das Angebot ist breit, und man kann sich ihm genauso hingebungsvoll und eifrig widmen wie dem christlichen Glauben. Da sind: der indische Guru mit dem Reinkarnationsversprechen; die weise Frau, die aus den Karten/Sternen/der Hand die Zukunft liest; heilende Kristalle; das Lösen von Energieblockaden mittels Klangschalentherapie; das Medium, durch dessen Kräfte wir uns mit der verstorbenen Urgrossmutter austauschen können. Die Möglichkeiten sind endlos, denn der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und wer eine Idee hat, die ankommt, kann richtig Geld machen – fast so viel wie die mit der Gottsache.

*Ralf Kaminski (49) isst definitiv zu viel Schokolade und Chips, ab und zu auch Fleisch, geht jedoch zweimal pro Woche ins Fitnesscenter und hat nie geraucht. Er fliegt zwar zu häufig, hat aber kein Auto, keine Kinder und kurze Pendelzeiten. Der Atheist mag Fantasy, Esoterik hingegen geht ihm zu weit.

Illustration: Stephan Schmitz

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