12. Dezember 2018

Heiligabend unter der Zirkuskuppel

Adrian Bolzern ist Zirkus-, Schausteller- und Markthändler-Seelsorger. Er denkt über seine Kindheitserinnerungen an Weihnachten nach und erzählt die Geschichte einer speziellen Predigt in Porrentruy.

Adrian Bolzern im Zirkuszelt
Adrian Bolzern im Zirkuszelt (Bild: Alex Spichale/Aargauer Zeitung)
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Die Weihnachtsgeschichte von Adrian Bolzern
(Weitere Artikel spezieller Autoren folgen am 17. und 24. Dezember)

Es war Mitte November, als das Telefon klingelte. Ich nahm den Hörer ab und sprach mit dem Zirkusdirektor Kaiser vom ­Circus Luna. Er fragte mich, ob ich mit seiner Familie, den Artistinnen und Artisten und den Zeltarbeitern eine Weihnachtsfeier in ihrem Zirkuszelt in Porrentruy JU gestalten könnte. Natürlich sagte ich voller Freude zu. Denn eine solche Anfrage ist für einen Pfarrer fast wie ein Sechser im Lotto!

Erst als ich den Hörer auflegte, traf mich blitzartig ein Gedanke: «Um Gottes willen – der Circus Luna ist in Porrentruy beheimatet, und dort spricht man Französisch!» Meine Französischkenntnisse sind nicht sehr gut. Somit stand ich vor der Frage: «Wie kann ich Weihnachten mit der Familie Kaiser und ihren Angestellten feiern, sodass sie mich verstehen? Beim Überlegen fiel mir meine Tante ein. Sie lebt seit Jahren in Genf und beherrscht Deutsch und Französisch perfekt. Ich griff erneut zum Telefon und rief meine Tante an. Sie sagte prompt zu.

So machte ich mich an die Vorbereitung der Feier. Ich überlegte, welche Worte, welche Musik und welche Weihnachtsgeschichte ich mitbringen sollte. Als ich alle Texte zusammenhatte, schickte ich sie meiner Tante nach Genf, die sie sogleich übersetzte.

Seltsam, an Heiligabend auf der Autobahn im Stau zu stehen
Mit Zirkusdirektor Kaiser hatte ich vereinbart, dass wir die Weihnachtsfeier an Heiligabend, dem 24. Dezember, nach der Vorstellung im Luna-Zirkuszelt zelebrieren. Die Zeit verging schnell, und der Tag des Heiligabend war da. Ich suchte meine Utensilien zusammen, setzte mich ins Auto und fuhr Richtung Porrentruy.

Es fühlte sich seltsam an, am Nachmittag von Heiligabend auf der Autobahn unterwegs zu sein. Kindheitserinnerungen an Weihnachten kamen mir in den Sinn. Wie meine drei Brüder und ich in unserem Zimmer ­ warten mussten, bis wir das Glöcklein des Christkindes hörten. Dann erst durften wir in die dekorierte Stube und bestaunten den wunderbar geschmückten und dank der vielen Kerzen hell leuchtenden Weihnachtsbaum. Wir waren gespannt, was uns das Christkind dieses Jahr wohl schenken würde.

Plötzlich wurde ich aus meinen Erinnerungen gerissen. Ich musste abrupt bremsen. Es hatte sich ein Stau auf der Autobahn gebildet – und dies am Nachmittag von Heiligabend!

Etwas verspätet kam ich in Porrentruy an. Schon von Weitem sah ich die Kuppel des Zirkuszeltes, und die leuchtenden Buchstaben «Luna» strahlten mich an. Während der wunderbaren Nachmittagsvorstellung spürte ich, wie ich immer nervöser wurde. «Habe ich an alles gedacht? Hat meine Tante alle Texte gut übersetzt?» Kaum hatte ich diese Fragen für mich selbst bejaht, war die Vorstellung schon zu Ende. Die Besucherinnen und Besucher strömten aus dem Zelt, um zu Hause mit ihren Familien Weihnachten zu feiern.

Gemeinsam in verschiedenen Sprachen singen

Der Zirkusdirektor und seine Familie begrüssten mich freundlich. Ich machte mich an die ­Arbeit und bereitete die Manege für die Weihnachtsfeier vor. Kurz bevor wir loslegten, stellte ich meine Tante Herrn Kaiser vor und erzählte ihm, dass sie meine deutschen Texte ins Französische übersetzen werde, ­damit auch alle meine Worte verstehen. Herr Kaiser schaute mich fragend an: «Warum Französisch?»

Ich entgegnete, dass doch bestimmt viele im Zirkus nicht Deutsch, sondern Französisch sprechen. Herr Kaiser ­begann laut zu lachen und erwiderte: «Meine Frau spricht Französisch, aber auch Deutsch. Die Artistinnen und Artisten kommen jedoch aus ganz verschiedenen Ländern und sprechen Mongolisch, Chinesisch, Portugiesisch und Arabisch, aber sicher nicht Französisch!»

Jetzt war ich erst recht nervös. Fünf Minuten vor Beginn der Feier erfuhr ich, dass von den gut 60 Personen im Zelt nur etwa fünf Französisch sprechen. Nach kurzer Rücksprache mit Herrn Kaiser und meiner Tante einigten wir uns darauf, dass ich die Weihnachtsfeier in Deutsch halten würde mit dem Risiko, dass mich ein Grossteil der Mitfeiernden nicht verstehen kann.

Gesagt, getan. Schon lange war ich vor einer Weihnachtsfeier nicht mehr so angespannt gewesen. Wir begannen die Festlichkeiten mit Musik. Ich gab mein Bestes und versuchte, mit Gestik und Mimik meinen Worten mehr Ausdruck zu verleihen. Die Zirkusfamilie Kaiser, alle Artistinnen, Artisten und Angestellten lauschten meinen Worten ebenso wie der Weihnachtsgeschichte, die ich ihnen aus der Bibel vorlas.

Zum Schluss der Feier bekamen alle eine kleine brennende Kerze in die Hand, und wir formten in der Manege einen grossen Kreis wie damals die Hirten um die Krippe. Im Licht der Kerzen sangen wir gemeinsam das Lied «Stille Nacht, ­heilige Nacht». Und zwar jede und jeder in ihrer und seiner Muttersprache.

Nach einer halben Stunde war die Feier vorbei. Obwohl die Artistinnen und Artisten meine Sprache nicht verstanden, erlebten wir eine wunderbare, gefühlvolle und erfüllende Weihnachtsfeier, bei der alle von der Liebe und der Wärme der Menschen und der grossen Liebe Gottes berührt wurden.

Ein Weihnachtsfest, bei dem sich alle angenommen fühlen

Die Augen der Familie Kaiser, der Artisten und Zeltarbeiter leuchteten vor Freude, ihre Gesichter strahlten. Alle sprachen noch lange von dieser Feier, bei der unsere Herzen berührt wurden, auch wenn wir uns mit Worten nicht verstanden.
Die Weihnachtsfeier unter der Kuppel des Circus Luna war zu einem festlichen Beisammensein geworden, bei dem sich alle angenommen und daheim fühlten. Und darum geht es doch an Weihnachten – nicht?

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