01. Oktober 2019

Haustiere auf Zeit

Jeder zweite Schweizer hält zu Hause keine Tiere. Einige kümmern sich aber häufig um die Haustiere von nahen Bekannten oder Verwandten. Ein Besuch bei Göttis und Gottis von Tieren mit einem besonders abwechslungsreichen Leben.

Häsli für die Ferien: Die Familie Müller aus Eigenthal LU hüten vier Zwergkaninchen aus einem Kinderheim.
Häsli für die Ferien: Die Familie Müller aus Eigenthal LU hüten vier Zwergkaninchen aus einem Kinderheim.
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Sommerferien mit liebgewonnenen Hopsern

«Die vier kleinen Hopser kamen per Whatsapp-Nachricht zu uns. Mein Bruder arbeitet in einem Kinderheim in der Stadt Luzern. Jeden Sommer suchen die Angestellten ein Feriendomizil für ihre vier Zwergkaninchen. Dann verbringen die Kinder Zeit mit Eltern oder Kontaktfamilien, und die Betreuerinnen und Betreuer weilen in den Ferien. Mein Bruder simste mir: ‹Ich habe euch als Ferienhüter vorgeschlagen. Ich hoffe, das ist in Ordnung›. Wir haben gleich zugesagt! Da wir bis vor zwei Jahren eigene Kaninchen hatten, besitzen wir immer noch einen Stall.

Unsere Kinder Ellie (2) und Mika (3) fanden die neuen Freunde ganz toll. Jeden Tag sammelten sie Löwenzahn, servierten ihnen frisches Wasser und staffierten den Stall mit frischem Sägemehl und Heu aus. So motiviert sie sich um die Hoppler gekümmert haben, sind sie doch noch etwas klein, um wirklich zu helfen. Das ist auch der Grund, weshalb wir jetzt eigentlich keine Haustiere möchten. Die Kinder halten uns schon ziemlich auf Trab. Immer wenn sie abends eingeschlafen sind, habe ich nochmals im Stall nach dem Rechten gesehen und ‹Mami-Haas› und die Jungen mit Rüebli, Rüstabfällen und trockenem Brot gefüttert.

Ein kleines Abenteuer haben sie bei uns erlebt: Wir wollten ihnen etwas Abwechslung bescheren, holten unseren alten elektrischen Kaninchenzaun aus dem Keller und steckten ihn ins Gras. Sachte hoben wir die Zwergkaninchen in das Gehege. Offenbar war die Batterie leer, und der Zaun zwickte die Kaninchen nicht, als sie ihn berührten. Und so büxten alle im Nu aus. Die Kinder, die Kaninchen und ich erschraken wohl gleichermassen. Statt das Weite zu suchen, blieben ‹Mami-Haas› und die Jungen aber wie angewurzelt in der Wiese sitzen. So konnten wir sie zum Glück schnell einfangen.

Als der gemeinsame Sommer zu Ende ging, hiess es Abschied nehmen. Die Kinder herzten die Zwergkaninchen, sagten Tschüss, das wars. Mir setzte die Trennung mehr zu. Ich habe die vier kleinen Hopser richtig lieb gewonnen. Ihre langen Ohren, herzigen Gesichter, ihr flauschiges Fell. Ach! Umso schöner war es, als wir unsere Kaninchen kürzlich im Heim besuchen durften. Ellie und Mika waren voller Vorfreude, ich auch. Wir brachten ihnen Löwenzahn, streichelten und drückten sie. Und entschieden, sie im nächsten Sommer die Ferien bestimmt wieder bei uns verbringen zu lassen. Wenn die Kinder etwas älter sind, legen wir uns vielleicht dann doch wieder Zwergkaninchen zu.»

Die Unterwassertiere aus Mexiko

Agnes Durot spricht mehrmals täglich mit den Axolotl.
Innige Beziehung durchs Glas: Agnes Durot spricht mehrmals täglich mit den Axolotl.

«Zwei- bis dreimal täglich schaue ich nach den drei Axolotl. Sobald ich dreimal an die Aquariumsscheibe klopfe, tapsen die kleinen Drachen aus ihren Verstecken und schauen neugierig her. Seit dreieinhalb Jahren kümmere ich mich um die Tierli. Vor fünf Jahren hat sich meine Tochter Silvia für eine Abschlussarbeit mit den mexikanischen Amphibien befasst und ein Männchen und zwei Weibchen gekauft. Da hat sie noch bei uns zu Hause gewohnt. Als sie ausgezogen war, waren wir uns nicht sicher, ob der Boden ihrer Altbauwohnung dem Gewicht des grossen Aquariums standhalten würde. Es fasst immerhin 250 Liter Wasser. Zudem ist es in ihrer Mietwohnung im Sommer zu warm. Also haben wir uns darauf geeinigt, das Aquarium vorerst bei uns zu lassen.

Die Tiere brauchen eine Wassertemperatur von 15 bis 17 Grad. Das ist in unserem Haus nur im Keller möglich. An heissen Sommertagen muss ich mit Kühlelementen nachhelfen. Speziell dafür habe ich eine Gefriertruhe in der Nähe des Aquariums aufgestellt. Darin friere ich mit Wasser gefüllte Petflaschen ein, die ich dann ins Aquarium legen kann. Füttern muss ich die Axolotl nur alle drei Tage mit speziellen Pellets.

Die 20 bis 30 Zentimeter langen Tiere kommen ursprünglich aus Mexiko und wurden bei den Azteken als Götter verehrt. Deshalb hat meine Tochter ihnen auch Namen gegeben, die aus der aztekischen Sprache kommen. Aollin ist eine Mischung aus den aztekischen Worten ‹Bewegung› und ‹Wasser›, Metzatl eine Mischung aus ‹Mond› und ‹Wasser› und Yohualli eine Mischung aus ‹Nacht› und ‹Wasser›.

In der Wildnis sind die Axolotl heutzutage vom Aussterben bedroht. Mit ihrem grossen Maul sehen sie aus, als ob sie ständig lächeln würden. Ich finde sie so süss mit ihren Kiemen, die sie wie eine Krone ausserhalb ihres Kopfes tragen. Viele Leute glauben nicht, dass man mit Tieren im Wasser eine Beziehung aufbauen kann. Ich habe aber das Gefühl, dass mich die Axolotl erkennen. Ich spreche viel mit ihnen und streichle sie auch unter Wasser. Ich kann ihnen stundenlang zusehen.

Sobald meine älteste Tochter eine Wohnung gefunden hat, in der es Platz für die Tiere gibt, wird sie die drei wieder zu sich nehmen. Für sie ist es nicht einfach, ihre Lieblinge hierzulassen. Wenn ich mit meinem Mann in die Ferien gehe, hütet sie die Axolotl. Manchmal kommt auch meine Enkelin Laila vorbei und füttert sie. Die ganze Familie ist Fan von diesen Tieren geworden. Sollte Silvia die Axolotl eines Tages wieder mitnehmen, werde ich sie sehr vermissen.»

Der SUP-Hund

Hütehund Chicco liebt das Wasser.
Auf dem See dabei: Hütehund Chicco liebt das Wasser.

«Bis vor Kurzem dachten wir, dass Chicco (6) kein Wasser mag. Doch während der Sommerferien wurden wir eines Besseren belehrt: Er fiel aus Versehen in den Geschinersee im Goms. Seither wissen wir: Er kann schwimmen! Das kam so: Wir genossen gerade das Nichts tun auf dem SUP-Board und schauten einer Entenfamilie zu. Plötzlich vergass Chicco wohl, dass er auf dem Board war und stand auf. Es sah aus, als würde er zu den Enten laufen wollen, und fiel prompt ins kühle Nass. Er behielt den Schwumm in bester Erinnerung, denn seither waren wir mehrmals zusammen auf dem Brett unterwegs. Chicco beobachtet gern vom Wasser aus, was so um ihn herum passiert.

Wir hüten unregelmässig den Hund meiner Eltern, seit er als Welpe zu ihnen gekommen ist. Er ist ein reinrassiger Shih Tzu, anpassungsfähig, wander- und wassertauglich und kinderfreudlich. Und er ist ein Staubsauger: Er frisst alles – auch Steine. Passiert ist zum Glück noch nie etwas. Alle vier bis sechs Wochen darf er zur Coiffeuse, da geht er gern hin. Denn lange Haare machen ihn träge. «Lätschli» und solchen Schnickschnack trägt er nie, denn Chicco ist ein Tier, kein Kind. Meine Eltern sind beide dankbar, an uns den Hund ab und zu abgeben zu dürfen. Ich glaube, auch Chicco kommt sehr gern zu uns. Bin ich bei den Eltern, schaut er, ob ich die Leine nehme, weil er wohl gerne mitkäme.

Wir nehmen ihn überallhin mit, auch auf längere Wanderungen, da kann er neue Düfte entdecken und sich auspowern. Er ist sehr pflegeleicht. Im Auto schläft er jeweils auf Luanas Schoss ein, dort gefällt es ihm am besten. Im Sommer war er mit den Kindern und mir auf dem Campingplatz in Reckingen VS. Luana beobachtete, wie ein Besitzer seinem Hund beibrachte, sich totzustellen. Sie wollte dasselbe mit Chicco machen. Doch der streckte ihr bloss die Zunge raus, schaute sie fragend an, am Schluss stritten sie; das war lustig. Ist der Hund bei uns, müssen beide Kinder Verantwortung übernehmen, ihn füttern, mit ihm spazieren gehen und auch seinen Kot aufnehmen, das ist mir wichtig.

Sie lernen dabei, dass nicht immer alles so geht, wie sie sich das vorstellen. Und sie lernen, auch spontan zu sein und den Alltag ein bisschen auf den Hund abzustimmen. Ich bin sehr tierliebend, habe schon Rennmäuse, Farbmäuse, Bartagamen, Degus, Chinchillas, Hamster und eine Königspython gehalten. Im Moment bin ich froh, haben wir nur einen ungarischen Husky-Zwerghamster, der inzwischen auch handzahm ist. Vielleicht werden wir uns später einen Hund als Weggefährten zulegen, aber zurzeit liebe ich die Freiheit zu sehr und möchte meinen Tagesablauf nicht auf ihn ausrichten müssen. Nach einer Woche mit Chicco freue ich mich auf eine Zeit ohne Hund, schon bald sehnen wir uns aber wieder nach Chicco, wir haben ihn sehr lieb.»

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